Duell am Donnerstag: G8 – Muss das sein?

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Kaum eine Schulreform hat bundesweit die Gemüter von Lehrern, Schülern und Eltern so sehr erhitzt, wie die Einführung des sogenannten Turbo-Abiturs. Nachdem 2011 in einigen Bundesländern die ersten Jahrgänge nach 12 Jahren in die Freiheit starteten, brüten 2013 in NRW erstmals Schüler nach bereits 12 Jahren über ihren Abituraufgaben. Über Sinn und Unsinn der verkürzten Schulzeit, streiten unsere Autoren Teresa Bechtold und Timm Giesbers.

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2007 wurde es unruhig in meiner Schule in Cuxhaven. Viele Bundesländer, darunter auch Niedersachsen, hatten eine Schulreform auf den Weg gebracht, die die Schullaufbahn der zukünftigen Gymnasiasten von 13 Jahren auf zwölf stutzen sollte. Kaum beschlossen, brach ein Sturm der Entrüstung los.

Ich selbst war zu der Zeit Schüler der achten Klasse. Das Abitur war gedanklich noch sehr weit weg. Doch auf einmal machten uns die Lehrer ständig klar, wie viel anstrengender unsere Schulzeit würde, jetzt wo wir ein Jahr weniger Zeit hätten, um uns auf die Oberstufe vorzubereiten. Ich bin mir sicher, in NRW klang die Panikmache ganz genauso.

Dabei gehen Schüler in den meisten entwickelten Ländern der Welt nur zwölf Jahre zur Schule bis sie die Hochschulreife erreichen. So auch in Amerika oder Frankreich. In keinem dieser Länder hat man das Gefühl, dass Schüler ihre Freizeit dem Erfolg opfern müssen, um zu bestehen. In Ostdeutschland ist das Abitur nach zwölf Jahren seit langem Gang und Gebe.

Man gewöhnt sich an den Arbeitsaufwand

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich weder damals, als ich Schüler war, noch heute, das Gefühl, dass wir wirklich so stark belastet wurden, wie der Medienhype um die Reform denken lässt. Ja, ich gebe zu, lange Tage bis 16 Uhr waren in der neunten und zehnten Klasse normal, ab der Oberstufe sowieso. Trotzdem blieb reichlich Zeit mit seinen Freunden am Strand zu hängen oder am Wochenende die Nacht zum Tag zu machen.

Nun muss an dieser Stelle Kritik an G8 zugelassen werden. Dass mit der Verkürzung der Schullaufbahn, kaum an den Lehrplänen oder Stundenzahlen gerüttelt wurde, ist das wohl größte Versäumnis der Politik. Trotzdem lassen sich diese Dinge nachjustieren und sind noch lange kein Grund an der Idee selbst zu zweifeln. Und mal ehrlich: Nach ziemlich kurzer Zeit passt man sich den neuen Anforderungen an. Man gewöhnt sich schlicht an den gestiegenen Arbeitsaufwand. Mitschüler, die überhaupt nicht mitkamen, gab es in unserem Jahrgang nicht mehr, als im Jahrgang über uns. Im Gegenteil, viele der Lehrer betonten immer wieder ihr Interesse daran, uns alle zum Abitur zu bekommen. Nicht indem sie Noten verschenkten, aber indem sich trotz des Drucks, Zeit für ein zweites Erklären genommen wurde.

Gymnasium ist keine Ruhezone

Es gehört zu den vielen Missverständnissen der G8-Reform, dass eben nicht einfach am Ende ein Schuljahr fehlt, dass sozusagen die Oberstufe gekürzt wurde. Nein, eigentlich fiel einfach die elfte Klasse weg. Die letzte Klasse der Mittelstufe also. Die Zeit, in der viele ein Jahr ins Ausland gingen, nach Amerika auf eine High School zum Beispiel, um danach übergangslos in die Oberstufe einzutreten. Die Zeit, in der häufig nur wenig neuer Stoff hinzukam, weil ja insgesamt mehr Zeit vorhanden war. Ein ehemaliger Mitschüler beschrieb die elfte Klasse mal als „Chill-Time“. Es stellt sich doch die Frage, ob es wirklich nötig ist, eine „Chill-Time“ für Schüler beizubehalten?

Alternativen sind doch reichlich vorhanden!

So halte ich den erbitterten Kampf, den vor allem viele Eltern über Jahre gegen die Einführung des G8-Abiturs führten, für verwunderlich. Schließlich gab es den Weg zum neunjährigen Abitur während der gesamten Zeit, nur halt nicht am Gymnasium. An Gesamtschulen, Berufsbildenden Schulen, Sekundar- oder Gemeinschaftsschulen büffeln Schüler weiterhin erst nach 13 Jahren für die Abiturklausuren. Warum diese Möglichkeit von den G8-Skeptikern nicht genutzt wird, lässt sich wohl nur mit dem unerhörten Wunsch erklären, sein Kind unbedingt auf einem „richtigen“ Gymnasium zu wissen. Das Abitur, das eigentliche Ziel, ist bei jeder Schule gleich.

Ein Jahr geschenkt

Zu guter letzt hat das Abitur nach 12 Jahren gewisse Vorteile, die nicht von der Hand zu weisen sind. Nach dem Turbo-Abi ist nun wirklich Zeit, um ins Ausland zu gehen. Keine Gedanken mehr daran, ob der Stoff, den man verpasst, einem nachher das Leben schwer macht. Man sollte das freie Jahr als Geschenk begreifen, sich das vorzunehmen, was man schon immer machen wollte, bevor es an die Unis oder in die Ausbildung geht. Aus meinem Jahrgang hat übrigens jeder einen Studien- oder Ausbildungsplatz bekommen – trotz der prophezeiten Massenanstürme an den Unis. Also, lasst euch von einem „Versuchskaninchen“ sagen: Alles halb so schlimm!

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Der durchschnittliche Abiturient ist heute keine 18 Jahre alt. Er hat zwölf Schuljahre hinter sich, in denen er bis zu 35 Schulstunden in der Woche hatte. Dazu kam noch die Zeit fürs Lernen, für Hausaufgaben und Hobbies. Nach diesen zwölf Schuljahren soll er sich nun entscheiden, was er für den Rest seines Lebens machen möchte. Jurist, Mediziner oder Ingenieur werden, oder doch lieber eine Ausbildung anfangen? Die Möglichkeiten sind vielfältig und die Entscheidung wird weitreichende Folgen haben, dabei hatte der junge Abiturient kaum Zeit, seine Fähigkeiten zu entfalten.

Die Schulzeit wurde mit der G8-Reform zwar von 13 auf zwölf Jahre verkürzt, der Lehrplan ist jedoch weitgehend der selbe geblieben. Es wird versucht, den selben Stoff in weniger Zeit abzuarbeiten. Die Folgen sind längere Schultage und kaum Zeit für die „weichen“ Fächer wie Musik, Kunst oder Sport. Die Schüler befinden sich in einer Endlosschleife aus Auswendiglernen, rechnen und schreiben. Zeit, um zu hinterfragen wofür das alles eigentlich nützlich sein soll, bleibt nicht. Die Eltern, oft voller Angst, dass der Sprössling das Abitur nicht schaffen könnte, treiben ihre Kinder zu Bestleistungen an. So werden die Schüler, die mit ihren Smartphones sowieso schon im Zeitalter der ständigen Erreichbarkeit aufgewachsen sind, früh darauf getrimmt ständig an die Pflicht zu denken.

Das Schlimmste steht noch bevor

Mit gerade einmal 18 Jahren kommen sie dann an die überfüllten Universitäten. Wer denkt, das Schlimmste sei überstanden und das süße Studentenleben könne nun beginnen, hat sich gewaltig getäuscht. Der blutjunge Student wird erst durch einen Bachelor-Studiengang gehetzt, dann beginnt der Kampf um die begrenzten Masterplätze. Wehe dem, der es nicht geschafft hat sich nebenbei noch ehrenamtlich zu engagieren, im Ausland gewesen zu sein und mindestens zwei Fremdsprachen gelernt zu haben.

Und dann wäre da noch das Finanzielle: Bafög gibt es schließlich nicht für jedermann, ein Nebenjob wäre also auch nicht schlecht. Das alles lassen junge Menschen über sich ergehen, bevor der eigentliche Ernst des Lebens begonnen hat: Ein Job will gefunden, eine Familie umsorgt und ernährt werden. Der obligatorische Burn-out ist dann eigentlich nur noch Formsache.

Es ist durchaus möglich, das Abitur nach zwölf Jahren erfolgreich UND stressfrei zu schaffen – andere Staaten machen es vor. Dazu reicht es jedoch nicht einen Lehrplan, der für 13 Jahre konzipiert ist, in zwölf zu quetschen. Ist es wirklich notwendig, dass jeder Schüler in jedem Fach tiefgreifendes Wissen erwirbt? Vieles davon werden sie sowieso innerhalb kürzester Zeit vergessen und das meiste werden sie niemals gebrauchen.

Den Jugendlichen sollte stattdessen die Möglichkeit gegeben werden über Dinge, die sie interessieren mehr zu lernen und andere dafür sein zu lassen. Nur so können sie sich ihrer Interessen und Fähigkeiten bewusst werden. Außerdem brauchen sie Zeit, um ihren Horizont zu erweitern. Ein Schuljahr im Ausland verbringen, sich ehrenamtlich engagieren, ein Instrument lernen. Im Leben geht es nicht nur um Deutsch, Mathe und Englisch, doch genau das wird den Schülern vermittelt.

Keine Zeit um über den Bücherrand hinaus zu gucken

Die Politik wollte die Schulzeit verkürzen, weil das in anderen Ländern auch so ist, weil Schüler dem Staat Geld kosten und weil unsere Gesellschaft immer älter wird: Die Jugend soll möglichst früh anfangen zu arbeiten, damit Geld für die Renten reinkommt. So wie die Reform derzeit umgesetzt wird, zieht sie jedoch nur kleine Lernsoldaten heran, die keine Zeit haben, um über ihren Bücherrand hinaus zu gucken und eine eigene Persönlichkeit zu werden. Wer sich nicht richtig entfalten kann, wird jedoch auch kein erfolgreicher Arbeitnehmer, sondern höchstens ein Fall für den Psychiater.

Das Leben wird für diese Kinder noch anstrengend genug werden. Denn auf eine stressige Schulzeit folgt eine stressige Uni-Zeit, folgt ein stressiges Berufsleben. Gebt den immer weniger werdenden jungen Menschen in unserem Land wenigstens in der Schule die Zeit, die sie brauchen, um sich zu entwickeln! Die Politik wollte mit der G8-Reform Zeit gewinnen, stattdessen hat sie der Jugend Zeit genommen: Die Zeit zum leben.

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Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann, Teaserfoto: Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

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