Von Bio können Landwirte nicht leben

„Salat“, „Äpfel“ und „Orangen“ lese ich auf meiner Einkaufsliste, während ich schon nebenbei nach dem ersten Objekt der Liste greife. Ich lege den Salat, ohne ihn in eine Plastiktüte zu hüllen, in meinen Einkaufskorb. Denn das ist etwas, was mich unfassbar nervt: Warum ist der halbe Supermarkt immer schon ungefragt in Plastik verpackt? Und vor allem: Warum gerade die Bio-Produkte? Ist das nicht widersprüchlich? Bio? Ach, verdammt, Bio… Ich lege den Salat zurück zu seinen Nicht-Bio-Verwandten und schlendere aus dem Mikrokosmos „Obst und Gemüse“ hinüber in den Mikro-Mikrokosmos „Bio-Obst und Bio-Gemüse.“

Bio, vegetarisch, vegan, laktosefrei, glutenfrei – ein durch allerlei Aufkleber und Siegel glänzender Markt hat sich heimlich neben dem konventionellen Klassiker etabliert. Genauso etabliert hat sich das aber auch das teure Image von diesen und eben auch Bio-Produkten. Dabei sind nur die produzierten Produkte teuer – also die, die man nicht einfach so vom Feld wegessen kann. Bio-Obst und -Gemüse kosten oft genauso viel wie ihre konventionellen Freunde. „Bei den Preisen verdienen sich die Bio-Landwirt*Innen doch ein goldenes Näschen!“, schmettern sie an Stammtischen. Wenn es so wäre, dann ginge es allen gut. Denn tatsächlich fängt der Preis für Bio gerade mal die Kosten auf, die Bio-Landwirtschaft mit sich bringt.

Wer weiß, wie konventioneller Anbau läuft, müsste eigentlich darauf verzichten

Wie in der Drogerie: Chemie für die Landwirtschaft. Foto: Oregon Department of Agriculture/flickr

Wie in der Drogerie: Chemie für die Landwirtschaft. Foto: Oregon Department of Agriculture/flickr

In der konventionellen Landwirtschaft wird einmal das Periodensystem über die Anbaufelder gesprüht, sodass alle Getreide-Feinde dem Erdboden gleichgemacht werden. Dieses Gemisch aus Gerste und Chemie landet in unseren Mägen – oder erst im Vieh und dann in unseren Mägen. Witzig: Sich nur noch Bio zu ernähren schützt nicht wirklich vor den Vitaminen B A S und F, denn die Chemie landet anschließend in unserem Grundwasser. Damit finden wir sie auch in unserem Trinkwasser wieder und kommen mit dem ganzen Chemiekram in Kontakt, ohne nur ein Produkt mit Genmais angeschaut zu haben. Krankheiten und antibiotikaresistente Viren sind dabei natürlich mit am Start.

Beim Bio-Anbau dagegen wird mechanisch gegen Schädlinge vorgegangen. Befallene Pflanzen werden meist entsorgt und können somit nicht verwertet werden. Ein Drittel des eigenen Feldes muss regelmäßig freigehalten werden, damit der Boden überhaupt atmen kann. Das bedeutet weitaus weniger Ertrag und somit weniger Gewinn. Bio-Vieh muss übrigens auch mit Bio-Futter gefüttert werden – Bio-Landwirt*Innen müssen das Futter also teuer kaufen oder selbst anbauen, sodass potentieller Gewinn schon wieder verloren geht. So oder so: Ein Nullsummenspiel.

Bio lohnt sich derzeit nur für Konsument*Innen – aber nicht für Produzent*Innen

Es hilft niemandem, ethisch und moralisch die nachhaltige Variante zu wählen, wenn man damit kaum Überleben kann. Landwirt*Innen in Europa geht es ohnehin finanziell schon schlecht – der Umbau zum Bio-Betrieb wäre ein finanzieller Sargnagel. Der Ertrag bei konventionellem Getreideanbau ist 50% höher als bei Bio-Anbau und der Gewinn liegt bei knapp 800€ pro Hektar, wohingegen der Gewinn bei Bio nur bei 650€ beträgt. Angesichts der Größe eines Hektars ist das schon mal lächerlich.

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Vom Feld auf die Autobahn für tausende Kilometer Fahrt. Foto: United Soybean Board

Zusätzlich haben die deutschen Bio-Verbände strenge Auflagen, damit Bio auch wirklich Bio ist. Das ist nicht in jedem Land so, was den ökologisch nachhaltigen Anbau woanders günstiger macht. Die Gewinne der Bio-Landwirt*Innen sind über 30% höher, die Bio-Lebensmittel kosten über 30% mehr – und sind trotzdem noch günstiger als die deutschen Produkte. Deshalb exportieren ukrainische Bio-Landwirt*Innen ihre Produkte auch bis hier her: Vollbepackte LKWs, die tagelang etliche tausend Kilometer unterwegs sind, um den ökologischen Gedanken durch Spritverbrauch und CO2 -Ausstoß völlig redundant zu machen.

Und eigentlich ist es so wie bei jeder Moralpredigt: Der Mensch muss sein Verhalten ändern, in diesem Fall sein Konsumverhalten. Die Kund*Innen müssen bereit sein, mehr aus der Bio-Abteilung zu kaufen – egal, ob zum gleichen, oder zum höheren Preis. Letztendlich geht es bloß um das Signal, dass mehr Bio gekauft wird: Das schützt die Existenz der Bio-Betriebe, animiert andere Betriebe entgegen des jetzigen Trends auf Bio umzusatteln, und schützt vor allem den eigenen Körper. Und falls die Plastikverpackung um Bio-Produkte nervt: Abreißen und im Supermarkt lassen.

Teaser- und Beitragsbild: Derek Bruff/flickr