Auf dem Brett geblieben

Autor(en): Von Wenke Wensing

Auf dem Brett geblieben

Auf dem Brett geblieben

Von Wenke Wensing
Fotos: Kai Stiepermann und Daniel Halfmann
30. März 2017

Wie eine riesige in den Boden eingelassene Schüssel sieht sie aus. Eine Schüssel mit Höhen, mit Tiefen, mit Kurven und mit geraden Stellen. Skateboarder können auf ihr unglaubliche Tricks hinlegen, viel spektakulärer als auf einer bloßen Rampe. Björn Klotz ist einer von ihnen. Durch die sogenannte Bowl zu skaten ist seine größte Leidenschaft, oben auf dem Rand zu stehen für ihn das mit Abstand beste Gefühl.

Björn geht dann in sich, setzt einen Fuß auf den Boden, den anderen auf sein über und über mit Stickern beklebtes Skateboard. Dann stößt er sich ab und rollt hinunter in die Bowl, sodass die Rollen seines Boards nur so scheppern. Mit Schwung rast er die Wand auf der anderen Seite hinauf und verankert oben die hinteren Rollen auf dem Rand. Für einen kurzen Moment scheint er zu schweben, es sieht aus, als würde er jeden Moment nach hinten in die Bowl fallen. Doch er hält das Gleichgewicht und schon im nächsten Moment rast er die Bowl wieder hinunter.

Die Bowl – Björn Klotz beherrscht sie perfekt. Er ist darin so gut, dass er 2012 und 2013 gleich zweimal hintereinander Deutscher Meister wurde. Für junge Skater ist der 29-Jährige darum mehr als ein Vorbild. Für sie ist er ein Held. 

Wie alles begann

Dass der Junge vom Borsigplatz es bis zum zweimaligen Deutschen Meister schaffen konnte, ist dabei alles andere als selbstverständlich. Wie hunderte andere Kinder auch fuhr er zunächst im eigenen Viertel durch die Straßen. Einen Skatepark, das gab es in der Nähe seiner Siedlung nicht. „Als wir zum ersten Mal am Stadtgarten skaten waren, war das eine große Sache. Wir dachten: ‚Wow ein Skatepark'“, erinnert er sich.

Als er den ersten Respekt vor den großen Rampen abgelegt hatte, fuhr er zusammen mit seinem Freund Tobias und seinem damaligen Chef zu einer privaten Rampe in Unna. Bald trainierten sie dort drei Mal die Woche, es folgten die ersten Contests und Turniere. „Es war gut, diese Gruppe zu haben. Je besser wir wurden, desto mehr trauten wir uns zu“, sagt Björn Klotz. „Und irgendwann war es eben die Deutsche Meisterschaft.“

Die Augen des 29-Jährigen strahlen, wenn er davon erzählt. Borsigplatz – Warstein – Schweden, das war sein Weg. Immer reiste er den Skate-Contests hinterher, schlief auf Sofas, lebte aus dem Rucksack. Vor allem das skandinavische Land hat es ihm bis heute angetan. „Da gibt es Sakteparks von unglaublicher Größe. Und die Skateboarder werden an einem richtigen Skateboard-Gymnasium gefördert“, schwärmt er. In Schweden habe er zum ersten Mal die Wirkung erkannt, die das Skaten auf die eigene persönliche Entwicklung und auch auf die Entwicklung ganzer Gruppen haben kann. 

Alles für die Kids

Eine Gruppe, die Björn Klotz persönlich sehr am Herzen liegt, sind die Kids aus dem Dortmunder Dietrich-Keuning-Haus. Viele kommen in die angegliederte Skatehalle um abzuschalten, den Kopf freizubekommen. Klotz ist der festen Überzeugung, dass ein Skatepark „der größte Sozialisationspunkt überhaupt“ ist. „Skaten schafft eine gemeinsame Basis. Fast so wie eine Religion“, sagt er. Aus diesem Grund sei es so wichtig, dass es Treffpunkte wie das Dietrich-Keuning-Haus gebe.

Er selbst weiß mittlerweile genau, wie er die Kinder für etwas begeistern kann. Das geht oft weit darüber hinaus, ihnen „nur“ Tricks beizubringen. Klotz will den Kids auch Werte vermitteln. Höflichkeit, Freundlichkeit, Respekt – Werte, die auch ihm selbst enorm wichtig sind. Und er merke, dass seine Worte bei den Kindern ankommen. Die lockere Atmosphäre und das Gemeinschaftsgefühl, das beim Skaten entstehe, spiele dafür eine große Rolle. „Kinder verstehen Sachverhalte schneller, wenn sie sich dafür begeistern können“, sagt Klotz.

Hinzu komme, dass Skaten mehr sei als nur ein Hobby. Durch das Bauen von Rampen und Skateboards beispielsweise trage das Gesamtpaket auch zur eigenen Selbstentfaltung bei. Gleichzeitig werde der Skatepark zur Begegnungsstätte. „Hier werden nicht nur Tricks geübt, sondern eben auch der Umgang miteinander“, sagt Klotz. Das wirke sich anschließend auch positiv auf das Lernen in der Schule aus. „Wenn Kindern der Freiraum gegeben wird, sich selbst zu entfalten, profitieren davon auch andere Bereiche ihres Lebens.“

 

Dortmunds Skate-Szene ist nicht mehr das, was sie mal war

 

Die Skateboardinitiative Dortmund hat Björn Klotz für seine Arbeit mittlerweile sogar zum Ehrenmitglied ernannt. Der Verein teilt mit ihm jedoch eine Sorge: die Sorge um die Dortmunder Skater-Szene. „Die Szene ist komplett eingeschlafen. Dabei gab es in Dortmund sogar mal eine Weltmeisterschaft!“, sagt Klotz. Er erinnert sich noch an die Zeit, als die Rampen am Stadtgarten noch richtig gut waren. Dann irgendwann jedoch hat die Stadt sie durch Rampen aus dem Katalog ersetzt. „Die Aktion war sicher gut gemeint, aber sie hat den Stadtgarten für Skater unattraktiv gemacht. Die Rampen dort sind nun einfach zu schwer“, sagt er. Der Enthusiast, der sonst in ihm steckt, ist verschwunden, wenn er das erzählt. Er wird enttäuscht, resigniert, ja, machtlos.Irgendwann, hofft er, stelle die Stadt ihm und dem Verein eine neue Fläche zur Verfügung. „Wir bauen dann alles selbst. Es gibt im Verein so viele Leute, die Rampen für alle Schwierigkeitsstufen bauen können. Wir brauchen nur ein wenig Unterstützung.“ Sogar Castrop habe mittlerweile eine eigene kleine Bowl. Dortmund hingegen sei regelrecht rückschrittig, es gebe nur die Skatehalle im Keuning-Haus. „Das ist für eine große Stadt wie Dortmund echt wenig.“

Eine 180-Grad-Wendung

Momentan arbeitet der 29-Jährige ehrenamtlich bei der Lebenshilfe im Familienunterstützenden Dienst. Für Menschen mit Behinderung da sein zu können erfülle ihn immer wieder mit Glück. „Mein Skateboard und ich sind für sie da“, sagt Klotz. Lange Zeit war es jedoch alles andere als klar, wie seine Zukunft einmal aussehen sollte. Eine Konstante hat es schon immer gegeben: das Skateboarden. Der Rest jedoch war lange ungewiss.

Nach seiner Ausbildung blieb Björn Klotz zunächst sechs Jahre in seinem Lehrbetrieb, dem Skateboard-und Bekleidungshändler Titus. Er wollte den Kunden mit seinem Fachwissen über Skateboards helfen. „Der Job war jedoch sehr profitorientiert, das Helfen  ging unter“, sagt er heute. „Dass das nichts für mich ist, wurde mir erst richtig bewusst, als ich meinen Zivildienst im evangelischen Jugendhilfezentrum in Sölde absolvierte.“ Er leitete während dieser Zeit eine kleine Freizeit-Gruppe, brachte fünf Kindern das Skateboardfahren bei und befreite sie für ein paar Stunden von ihren Sorgen. „Da habe ich gemerkt: Das ist der richtige Weg.“

 

Die Kinder lieben ihn – zurecht

 

Er kündigte also und begann, sein Abitur nachzuholen. Dass er einen pädagogischen Schwerpunkt wählen wollte, ergab sich zu diesem Zeitpunkt bereits von selbst. Parallel dazu tat er die zwei Dinge, die er am besten kann: Skaten und überall dort mit anpacken, wo er gebraucht wird. Seine Lehrer ermöglichten es dem jungen Mann, der manchmal vor Charisma nur so strotzt, manchmal aber auch so zerstreut wirkt wie ein kleiner unselbstständiger Junge, als Mentor an einem Hilfsprogramm teilzunehmen. Ziel war es, Kinder aus sozial schwachen Familien ein Hobby zu vermitteln und sie aus ihrem gewohnten Umfeld zu holen. Ihm wurde ein kleiner Junge aus einem sozial schwierigen Umfeld zugeteilt. „Einmal in der Woche bin ich mit ihm ans U gegangen oder zum Stadtgarten und habe ihm alles gezeigt, was er lernen konnte.“ Als Abschiedsgeschenk kaufte er seinem kleinen Freund schließlich eine Einwegkamera und machte ihm anschließend ein eigenes Skateboard-Magazin aus den Bildern. 

Mit diesen Erfahrungen in der Tasche schaffte er Ende 2016 schließlich mit einem Schnitt von 2,4 sein Abitur. Anschließend arbeitete er im Skatecollege Münster als Trainer und leitete Gruppen von nun schon 20 Kindern. Nach seinem Ehrenamt möchte Klotz bald anfangen, Soziale Arbeit zu studieren. Das Studium will er sich mit einer Halbtagsstelle verdienen. Am liebsten natürlich in irgendwas, das er mit dem Skaten verbinden kann.

Seine Art zu leben, die berufliche Des- und dann Umorientierung, seine Liebe fürs Ehrenamt – all das mag nicht jedermanns Sache sein. Aber egal, wie Björn Klotz die Höhen, Tiefen, flachen und kurvigen Momente des Lebens meistert: Er macht es mit Leidenschaft. Darum öffnen ihm sich Kinder, deshalb blicken sie zu ihm auf. 

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