Duell am Donnerstag: Graffiti – Kunst oder Krawall?

 

Man sieht sie jeden Tag, ob am Bahnhof, auf dem Weg zum Supermarkt oder beim Spaziergang durchs Viertel. Graffiti sind längst Teil unserer Alltagskultur – aber sind sie deshalb in Ordnung? Kreativer Ausdruck oder doch nur blödes Geschmiere, Sachbeschädigung oder öffentliche Kunst? Die beiden Pflichlektüre-Autoren Teresa Bechtold und David Freches sind da unterschiedlicher Meinung. Sind Graffitis künstlerisch wertvoll?

 

pro

Kann man Graffiti wirklich nur von einem Standpunkt aus betrachten? Nein. Das verbietet sich alleine schon deshalb, weil es – je nach Perspektive – den Geschmack einiger voll trifft oder meilenweit verfehlt. Und über Geschmäcker kann man sich bekanntlich streiten. Natürlich ist Graffiti vielfach Sachbeschädigung – aber es steckt noch viel mehr dahinter.

Zum Beispiel Kunst. Wenn man sich für Kunst interessiert, dann muss man normalerweise auf die Kunst zugehen – und zwar in der Regel ins Museum. Bei Graffiti ist das anders, da kann man zum Beispiel einfach Bahn fahren. Und die Fahrt gleicht einem Besuch im Street-Art-Museum – gerade im Ruhrgebiet, zum Beispiel bei der Einfahrt in den Dortmunder Hauptbahnhof. Man muss nur die Augen aufmachen, Graffiti ist überall. Dabei muss ich nicht jedes Graffiti mögen, im Gegenteil. Ich kann viele Werke auch getrost scheiße finden. Aber es bewirkt, dass man sich mit der Kunst auseinandersetzt.

Inspiration im grauen Alltag

Die Frage „Ist das noch Kunst?“ ist dabei ziemlich präsent: Bei provozierenden Künstlern gleichermaßen wie bei Sprühern, die mit jedem noch so hässlichen Tag scheinbar nur ihr Ego pushen wollen. Leider wird Graffiti vor allem darauf reduziert. Graffiti ist viel mehr als das. Ich bin für jede Inspiration, die Graffitis in mir auslösen, dankbar. Ich freue mich dann darüber, wenn es das oftmals vom tristen Grau geprägte Stadtbild ein wenig bunter macht.

Ich freue mich, dass mich ein an eine Wand gesprühter Spruch zum Nachdenken oder Lächeln bringt. Ich freue mich, wenn ich zu erkennen glaube, was der Künstler mit seinem Graffiti zum Ausdruck bringen wollte. Ich freue mich über Graffiti, weil ich darin eine Möglichkeit sehe, sich künstlerisch frei zu entfalten. Ich freue mich über Graffiti, denn: Graffiti bringt einem die Kunst näher – ob man sie nun befürwortet oder verurteilt.

Graffiti ist Kultur

Zudem ist Graffiti nicht nur Teil einer Kultur, sondern eine Kultur selbst. Das erkennt man bei einem Blick hinter die (besprühte) Fassade. Es gibt unzählige Bücher, Bildbände und Dokumentationen dazu. Auch in der Musik, im HipHop, wird es thematisiert. Das zeugt von Kultur, das ist Kultur. Und mal ehrlich – eine derartige Kultur würde es nicht geben, wenn sich Graffiti nur über in Windeseile hingeschmierte Tags definieren würde. Zumal Versuche, Graffiti einzudämmen, wahlweise der viel zitierten Sisyphusarbeit oder dem Kampf gegen Windmühlen gleichkommen.

Und weil das „Das ist trotzdem illegal“-Damoklesschwert noch immer über dem Thema schwebt, will ich auch hierdrauf eingehen. Es gibt inzwischen viele Projekte, die sich für legale Möglichkeiten und gegen eine Verbreitung von illegalem Graffiti einsetzen. Auch hier in Dortmund. Schade nur, dass die Leute dabei nicht gleichermaßen laut klatschen, wie sie im anderen Fall empört aufschreien.

  contra

Ihr traut euch, Dinge zu bemalen, die euch nicht gehören? Ganz illegal? Und das womöglich auch noch im Dunkeln? Wie mutig von euch, ganz große Klasse, ehrlich. Graffiti – endlich eine Gelegenheit für kleine Jungs (oder große Jungs, die klein geblieben sind) zu beweisen, wie „krass“ sie sind. „Lass sie doch machen, solange sie niemandem wehtun“, könnte man dazu sagen, „wir haben alle mal so eine kleine Rebellionsphase durchgemacht.“

Würde ich auch sagen, wäre diese Phase nicht so teuer. Kommunen und die Bahn geben jedes Jahr hunderte von Millionen Euro aus, um Graffiti-Schäden zu beseitigen. Im Endeffekt ist es die Allgemeinheit, die den kleinen Selbstbewusstseins-Kick der Sprayer über Steuern oder Bahnticketpreise finanziert. Besonders ärgerlich ist es, wenn Privateigentum bemalt wird, denn da wird die Höhe des Schadens für den Betroffenen direkt deutlich.

Kick auf Kosten der Allgemeinheit

Dazu kommt, dass es sich bei Graffiti nicht nur um eine „kleine Phase“ handelt. Seit den 80er Jahren ist es ein fester Bestandteil im deutschen Straßenbild. Mittlerweile hat sich eine regelrechte Kultur um Graffiti entwickelt, es gibt entsprechende Magazine, Filme und Mode. Kultur ist zwar zunächst einmal positiv. Aber einer Kultur, die auf dem Schaden anderer Menschen aufbaut, kann ich nichts Positives abgewinnen.

Dabei gibt es genügend Möglichkeiten, Graffiti zu produzieren, ohne fremdes Eigentum zu beschädigen. In fast jeder Stadt existieren spezielle Graffitiwände, die zum Besprühen freigegeben sind. Das wäre dann allerdings legal, worin vermutlich auch das Problem liegt. Es ist doch einfach so viel „cooler“, Bahnwaggons zu beschmieren, als in den Graffiti-Park zu gehen.

Oft nur Gekritzel

Das, was dabei raus kommt, sind oft nur unleserliche Kritzeleien oder Beleidigungen. Daraus besteht zumindest die große Mehrheit der Graffiti, die man alltäglich so sieht. Natürlich gibt es auch Graffiti, das man als Kunst bezeichnen kann. Viele davon finde ich sehr schön. Da steckt sicherlich eine Menge Arbeit, Können und Kreativität hinter. Dem gebührt eigentlich Respekt. Mit der Art und Weise, mit der die Graffiti-Künstler mit ihren Werken um Aufmerksamkeit schreien, machen sie sich jedoch jeglichen Anspruch auf Anerkennung kaputt. Denn Kunst ist immer subjektiv. Was dem einen gefällt, kann der andere potthässlich finden. Der Allgemeinheit seine Werke ungefragt aufzuzwingen, ist schon ziemlich frech. Dabei auch noch fremdes Eigentum zu beschädigen und hinterher auf seinen künstlerischen Anspruch zu pochen, ist einfach nur anmaßend.

Graffiti gehört ins Museum, auf Kleidung oder in Bücher, aber bitte nicht auf die Straße oder an Züge. Es mag zwar mittlerweile zum Stadtbild dazugehören, dasselbe trifft aber auch auf Hundekacke und Tauben zu. Will sagen: Stadtbild heißt nicht gleich schön und sinnvoll.

     

das-duell-feeder

Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann, Teaserfoto: Catherine Wenk

 

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