Duell am Donnerstag: Zensur in Kinderbüchern?

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Als Bundesfamilienministerin Kristina Schröder Anfang des Jahres bekannt gab, dass sie Wörter wie „Negerkönig“ sofort entschärft, wenn sie ihrer Tochter aus Kinderbüchern wie „Pippi Langstrumpf“ vorliest, brach eine Debatte über die Zensur von Kinderbüchern aus. Die pflichtlektüre-Autoren Gordon Wüllner und Niklas Dummer haben dazu unterschiedliche Meinungen.

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Das sechsjährige deutsche Mädchen Anna besucht zum ersten Mal ihre halb-nigerianische Freundin Yamina. Als sie mit Yaminas Familie am Esstisch sitzt und eine nigerianisches Spezialität serviert bekommt, sagt Anna: „Voll lecker, das Essen von euch Negern.“ Yaminas Mutter lässt das Besteck auf den Boden klirren. „Was hat die Freundin meiner Tochter da gerade gesagt?“, fragt sie sich völlig entsetzt. Aber was soll schon so schlimm an einem Wort sein, das Jim Knopf auch für den dunkelhäutigen Helden aus Annas Lieblingsbuch benutzt?

Wenn wir über die Zensur in Kinderbüchern diskutieren, dann geht es primär um die Streichung des Wortes „Neger“. Klar, in Deutschland trägt das Wort keine so negative historische Belastung wie das englische Pendant „negro“ in Amerika, dennoch empfinden viele dunkelhäutige Deutsche das Wort heutzutage als pure Beleidigung – das weiß ich aus meinem Bekanntheitskreis.

Nicht mehr als ein kleines Update

Über die heutige, abwertende Kraft des Wortes kann man aufklären: Wenn das Wort „Neger“ in Kinderbüchern wie „Pippi Langstrumpf“ vorkommt, mag man das als Chance für Eltern betrachten, den Begriff mit ihren Kindern kritisch zu reflektieren. Ich halte es allerdings für eine utopische Vorstellung, dass die Mehrheit der Eltern diese Chance nutzen wird. Stattdessen werden die meisten Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter den Begriff in ihrem Wortschatz unreflektiert übernehmen und nicht über dessen Nutzung nachdenken, erst recht nicht, wo der „Negerkönig“ bei „Pippi Langstrumpf“ so gut gestellt ist. Bis sie dann irgendwann merken wie ungemütlich ihre dunkelhäutigen Mitmenschen reagieren, wenn man sie „Neger“ nennt.

Warum sollte man vor so einer Begegnung nicht präventiv schützen, indem man die wenigen, heute als diskriminierend geltenden Wörter in Kinderbüchern ersetzt? Dabei geht es meiner Meinung nach zu weit zu behaupten, man verfälsche dadurch die Kunst als Ganzes oder untergrübe die Meinungsfreiheit von Astrid Lindgren und ihren Autoren-Kollegen. Schließlich bliebe die Wortwahl zu 99,9% erhalten. Man gäbe unseren Kinderbuchklassikern lediglich ein kleines, sprachliches Update und würde sie damit gesellschaftsfähiger für das Jahr 2013 machen.

Political Correctness richtig nutzen

Gesellschaft wandelt sich, Sprache wandelt sich. Auf diesen Wandel sollte man in Kinderbüchern reagieren. Und zwar ausschließlich in Kinderbüchern und nicht in der Literaturwelt im Allgemeinen. Denn die meisten Kinder im Grundschulalter werden den zeitgeschichtlichen Hintergrund und die damit verbundene antiquierte Sprache eines Literaturklassikers noch nicht kritisch hinterfragen wie ein Erwachsener. Zwar geht es auch in Kinderbüchern oft darum, den Kindern eine Welt der Vergangenheit näher zu bringen, diese kann aber illustriert werden, ohne heute als verpönt geltende Wörter zu nutzen. Hier darf und sollte Political Correctness ansetzen.

In einer Gesellschaft, in der von „Krisenbewältigung“ statt „Krieg“ gesprochen wird, hat das Streben nach Political Correctness selbstverständlich schon ein absurdes Maß angenommen. Ich bin gegen Political Correctness, die zu solch einem manipulativen Euphemismus führt. Aber Political Correctness darf und soll dafür genutzt werden, Wörter in Kinderbüchern zu „zensieren“, die bei unreflektierter Übernahme in den Wortschatz der Kinder zu echten Problemen führen können. Kinder sind auf der ständigen Suche nach Wörtern, mit denen sie ihre Welt beschreiben können. Da braucht man ihnen ja kein Gift auf dem Silbertablett kredenzen.

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Ein Eingriff in das Werk eines Autors – und sei es „nur“ ein Kinderbuchautor – stellt nicht nur immer eine Anmaßung dar, sondern auch immer einen unnützen Versuch, ein Problem zu lösen, das keines ist. Dabei lenkt man von den eigentlichen Problemen ab: Man behandelt Symptome, nicht die Krankheit.
Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Die unbezähmbare rothaarige Göre spricht, wie ihr die Zunge gewachsen ist – ganz natürlich. Sie kennt weder korrektes Verhalten, noch Autoritäten – das hat sie mit der Sprache gemeinsam. Pippi handelt aus dem Bauch heraus. Das ist nicht immer angemessen, aber niemals böse. Sie ist ein neunjähriges Mädchen: Pfiffig, frech und herzensgut.

Mit dieser Figur begeistert Astrid Lindgren seit 1945 Kinder in aller Welt. Pippi ist Punk und Feministin und überhaupt alles, was sie will. Und sie ist die Tochter eines Seemanns. Als sein Schiff eines Tages kentert, landet er auf einer Insel. Fortan ist er „Negerkönig“, wie Pippi stolz erzählt. Seit 2009 ist er „Südseekönig“.
Ottfried Preußlers Kleine Hexe kommt seit diesem Jahr ohne Kinder aus, die sich als „Negerlein“ verkleiden. Und Schuhe werden dort auch nicht mehr gewichst, sondern geputzt. Die Bücher werden „modernisiert“, so der Thienemann Verlag. Das ist mittlerweile die gängige Bezeichnung für nicht gekennzeichnete Eingriffe in das Werk von Autoren.

Rassistisch oder Sprache der Zeit?

Lindgren und Preußler schrieben in der Sprache ihrer Zeit. Sie hatten nicht die Absicht, Menschen zu beleidigen oder zu diskriminieren. Deswegen hatte sich Astrid Lindgren auch Zeit ihres Lebens gegen eine Überarbeitung ihrer Bücher gewehrt. Zurecht? Sollte man anstößige Passagen nicht lieber überarbeiten?
Die Konsequenz wäre fatal: Frauen könnten sich genau so durch das Frauenbild in klassischen Märchen angegriffen fühlen: Sollte man deswegen all die bösen Hexen und Stiefmütter aus den Märchen streichen? Sie zu geschlechtlosen Wesen machen? Wer glaubt, dass das hilft, glaubt auch, dass Worte und nicht Menschen andere Menschen verletzen.

Zeitlose Werke als solche behandeln

Astrid Lindgrens Kinderbücher sind zeitlos; sie werden bis heute gelesen. Ist ein Werk zeitlos, so sollte man es auch als solches respektieren: Es nicht anrühren, es nicht ändern. Es ist das Werk des Autors! Mehr als seine Worte hat er nicht, um zu verzaubern.
Man kann das Unrecht, das dunkelhäutigen Menschen geschah, nicht wegwischen, indem man Worte aus längst geschriebenen Werken streicht, die man heute als diskriminierend empfindet. Kinder werden unschöne und verletzende Begriffe wie „Neger“ ohnehin zu hören kriegen. Da sollten Eltern den Anlass nutzen und mit dem Kind reden. Bildung und die Fähigkeit zur Empathie entstehen schließlich nur durch reden und erklären – vor allem bei schwierigen Themen. Zudem sind Kinder durchaus in der Lage zu unterscheiden, welche Worte verletzend sind und welche nicht.

Reden statt retuschieren

Die Sprache wandelt sich – das ist ganz natürlich und das sollte man Kindern erklären. Meine Großmutter nutzte andere Worte als meine Mutter und die nutzte andere als ich. Man sagte früher „Dirne“ und meinte Mädchen und nicht – wie später – Hure. Heute ist das Wort nahezu vergessen. Bestimmt nicht, weil man es zensierte. Es ist im Laufe des Sprachwandels obsolet geworden. Wie sollte man diesen natürlichen Sprachwandel aufzeigen und verständlich machen, wenn man in die Sprache eingreift?

Pippi sollte sich ihre Welt so machen dürfen, wie sie ihr gefällt. Denn Pippi ist ein neunjähriges Mädchen. Eine künstliche Veränderung der Sprache (vor allem der Sprache der Vergangenheit), verändert nicht den Umgang mit den Menschen. Reden und erklären dagegen – das wäre ein guter Ansatz. Ein Ansatz, der auf die Krankheit abzielt und nicht nur Symptome bekämpft.

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Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann, Teaserfoto: Foto: Rilla / flickr.com