Duell am Donnerstag: Nackte Brüste als Protest?

 

Mit den Waffen einer Frau im Kampf für Frauenrechte: Die Aktivistinnen von Femen sorgen mit nackter Haut und auf den Körper gepinselten Slogans schon lange nicht mehr nur in ihrem Ursprungsland, der Ukraine, für Schlagzeilen. Überall auf der Welt zeigen junge Frauen aus Protest ihre Brüste. Sie prangern Zwangsprostitution, die Unterdrückung der Frau im Islam oder einfach nur Sexismus im Fernsehen an – in Deutschland zuletzt sogar beim Finale von „Germany’s Next Topmodel“. Aber wo liegt die Grenze zwischen Provokation und Selbstdarstellung? Darüber diskutieren Katarina Mujan und David Freches.

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Manche Probleme kann man mit Diskussionen lösen. Manche nicht. Die Gründerin der Femen-Bewegung, Anna Huzlu, hat als Studentin an ihrer Uni unzählige Gesprächsrunden organsiert. Sie sah jedoch keinen Erfolg. Also wollte sie nicht nur reden, sondern eine Veränderung erwirken. Sie zeigte nackte Haut, um gehört zu werden. Wie man sieht, mit Erfolg.

Von einer Frauenbewegung, wie es sie in Deutschland im Zuge der 68er-Bewegung gab, haben die Ukrainer nichts mitbekommen. Die Ukrainerinnen von Femen sahen die Zeit reif, Ungleichheiten in der Gesellschaft anzusprechen. Dafür riskieren diese mutigen Frauen mitunter ihre Freiheit und ihr Leben. In Deutschland machen sich viele über ihre Methoden lustig – kein Wunder, hier gab es ja schon eine Emanzipationsbewegung, die Forderungen sind nicht neu. In vielen anderen Ländern hat so etwas aber noch nicht stattgefunden. Und die Frauen haben berechtigten Grund, ihre Stimme zu erheben.

Bedrohung durch Sextourismus

Femen kritisiert unter anderem die Prostitution im eigenen Land. Zu Recht, denn rund 1,6 Prozent der Bevölkerung in der Ukraine ist an Aids erkrankt. Das ist die höchste Rate in ganz Europa. Die Aktivistinnen sehen ihr Land vom Sextourismus bedroht. Rund 60 Prozent der Frauen allein in Kiew sehen sich zur Prostitution gezwungen. Fragt man die Femen-Aktivistinnen nach Gründen, sagen sie, dass die Frauen darauf dressiert werden, hübsch für die Männer zu sein. Viele träumen davon, mit Hilfe eines Ausländers der Armut ihres eigenen Landes entfliehen zu können.

In der Ukraine können sie vielfach nicht spazieren gehen, ohne auf irgendeine Weise sexuell belästigt zu werden. Diese Frauen haben genug von der sexuellen Unterdrückung. Indem sie sich auszuziehen, benutzen sie ihren Körper als Waffe, und sie nehmen ihre Waffe selbst in die Hand.

Inspiration auf der ganzen Welt

Die Ukrainerinnen haben es mit ihren Oben-Ohne-Aktionen geschafft, weltweit für Schlagzeilen zu sorgen. Sie haben neue Gruppen von Femen-Aktivistinnen in Hamburg, Berlin, Paris, Montreal, New York, Sao Paulo inspiriert. Sie haben es geschafft, junge Frauen hellhörig zu machen. Aufsehen erregte besonders die Femen-Bewegung in den islamischen Ländern Ägypten und Tunesien. Die ägyptische Femen-Aktivistin Alia zog sich aus, um ihrer Angst vor der zunehmenden Macht von Mursi und seinen Muslim-Brüdern Ausdruck zu verleihen. Sie floh nach Paris, weil man ihr nach ihrer Aktion mit einer Haftstrafe drohte.

Ihre tunesische Mitstreiterin Amina hatte weniger Glück. Ihr drohen nach Psychiatrieaufenthalt nun zwei Jahre Gefängnis. Zudem fordert ein Salafistenprediger 80 bis 100 Peitschenhiebe. Einer Steinigung durch Tod würde er auch zustimmen.

Bei dieser unwirklich klingenden Forderung fragt man sich zu Recht, was die 19-Jährige verbrochen hat. Die Antwort: Sie hat Nacktfotos von sich bei Facebook veröffentlicht, weil sie Angst vor der zunehmenden Macht der Salafisten in ihrem Land hat. Zur Bekräftigung ihrer Haltung schrieb sie unter ihr Foto „f* your morals“. Zudem hat sie an die Mauer eines Friedhofs den Namen der Gruppe, „Femen“, geschrieben.

Femen gibt Unterdrückten eine Stimme

Das, was Femen ausgelöst hat, ist wohl unbezahlbar. Die Gruppe hat jungen Frauen weltweit und selbst in islamisch geprägten Ländern den Mut geschenkt, sich gegen ihre Unterdrücker zu erheben. Die Frauen aus der Ukraine haben all diesen unterdrückten Frauen ein Gesicht gegeben. Sie haben gezeigt, dass es wichtig ist, für die eigenen Rechte zu kämpfen. Das Wichtigste ist jedoch, dass sie vielen unglücklichen Frauen zu erkennen gegeben haben, dass sie durchaus eine Chance haben, gehört zu werden.

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„Wie groß planen Sie Ihre Veranstaltung?“ – „Och, ein paar Femen-Aktivistinnen sollten mindestens dabei sein …“

Dieser – zugegeben dürftige – Gag war vor zwei Wochen kurz nach dem Finale von „Germanys Next Topmodel“ bei Twitter zu lesen. Die Sendung reiht sich ein in Formate wie das Dschungelcamp und „Deutschland sucht den Superstar“. Es wird wahlweise mit den Träumen junger (halbnackter) Heranwachsender gespielt, um das Unterhaltungsbedürfnis der großen Masse zu befriedigen. Oder es wird einfach auf Ekel, Herabsetzung oder andere stumpfe Muster gesetzt. Dass ich da als Konsequenz den Fernseher am besten ganz auslasse, weiß ich auch, ohne auf „Heidis Horror Picture Show“ hingewiesen zu werden.

Kritik nicht immer nachvollziehbar

Vor allem auf den größeren, öffentlichen Bühnen – deshalb auch der Tweet –  ist Femen in der letzten Zeit aufgetreten, wie zum Beispiel beim Putin-Besuch auf der Hannover Messe oder auf dem Roten Teppich der Berlinale. Die Aufmerksamkeit dieser großen Bühnen birgt jedoch die Gefahr, dass die Grenzen zum bloßen Selbstzweck und zur reinen Selbstproduktion schnell verwischen kann. Grund: Was genau Femen an den jeweiligen Themen kritisiert, lässt sich aus den auf den Oberkörpern aufgemalten Aussagen nicht immer feststellen – als Beispiel sei hier „Fuck Islamismoder „Fuck your morals“ genannt.

Diese Slogans waren Anfang April vor mehreren internationalen Moscheen zu lesen. Femen wollte damit für die Rechte der muslimischen Frau demonstrieren – und hat es dabei offensichtlich mit der Bevormundung übertrieben. Denn viele Muslima reagierten empört und antworteten in einem offenem Brief: „Muslimische Frauen sind selbst in der Lage, sich zu verteidigen. Wendet euch gegen männliche Dominanz, aber nicht gegen den Islam.“

Das zentrale Element von Femen-Auftritten sind die nackten Brüste. Ein legitimer Schritt, um den eigenen Protest in den medialen Fokus zu rücken. Allerdings muss man das auch immer im Gesamtzusammenhang sehen: Wie viel bewirkt Nacktheit noch in einer Zeit, in der mit ‚Nordsee‘ sogar eine Fast Food-Kette ihre Produkte mit nackter Haut bewirbt?

Außerdem demonstriert Femen mit den Brüsten Macht: Die Macht, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, um gegen etwas zu demonstrieren, sowie die Macht und Kontrolle über den eigenen Körper. Für mich passt nicht zusammen, dass die Macht, wem man den eigenen Körper zeigt, genau in dem Moment abgegeben wird, in dem man sich den Fotografen und Kameraleuten öffentlich zeigt. Denn auf die Verbreitung dieser Bilder haben die Aktivistinnen von Femen ja keinen Einfluss mehr.

Gut gemeint, schlecht umgesetzt

Die Floskel „Gut gemeint, schlecht umgesetzt“ passt meiner Meinung nach gut zu Femen. Bei einigen thematischen Aspekten finde ich es richtig und wichtig, dass sie angestoßen werden. Aber die Art und Weise, wie die Aktivistinnen ihre Haltung zu diesen Themen darstellen, geht zu weit.

Ein Beispiel ist hier eine Demo gegen Prostitution und Ausbeutung von Frauen auf der Herbertstraße in Hamburg. Zweifelsohne richtig und wichtig, wie man erst Anfang der Woche in einer ARD-Doku sehen oder kürzlich im SPIEGEL nachlesen konnte. Aber muss man auf das Eingangstor zur Herbertstraße „Arbeit macht frei“ schreiben, damit auf den Holocaust anspielen und so Prostitution und Genozid auf die gleiche Stufe stellen? Diese Frage kann sich jeder selber beantworten.

Der Ursprung der Gruppe liegt in der Ukraine. Die Schriftstellerin Oksana Sabuschko stammt ebenfalls von dort. Ich möchte mit einem Zitat von ihr schließen: „Die Ziele von Femen finde ich ehrenwert, aber ihre Aktionen sehe ich skeptisch. Wer es überreizt, erzielt den gegenteiligen Effekt.“

     

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Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann, Teaserfoto: flickr.com/chilipeppered

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