Duell im Advent: An Heiligabend in die Kirche?

Da Duell: Elizabeth Thobe vs. Lena Seiferlin

Vier Tage noch. Dann kommt der Weihnachtsmann! Oder auch das Christkind. Wer bei die Geschenke bringt, wurde in der Kindheit festgelegt. Damals, als wir noch geglaubt haben… Aber sind die Weihnachtsmann-Eltern nun weniger gläubig gewesen als die Christkind-Eltern? Sind Familien, zu denen alle Jahre wieder das Christuskind kommt, automatisch auch Kirchgänger? Ganz vorne, erste Reihe, viel zu früh da? Ist Kirche an Heiligabend mittlerweile überholt – oder doch mehr als nur ein Pflichtgefühl?

pro contra
Der Tannenbaum steht, die Geschenke sind verpackt, der Braten ist im Ofen. Was für viele auch heute noch zum Weihnachtsfest dazugehört, ist – neben den Symbolen familiärer Gemütlichkeit – der Gang zu Kirche. Doch wer am heiligen Abend mit dem Ziel Kirche aus der Haustür tritt, schleicht oft mit eingezogenem Kopf. „Da gehen sie hin die U-Boot-Christen. Heuchler, elende“, sagen die Augen der Nachbarn. Zu Recht?

Gesellschaft christlich geprägt

Noch immer sind große Teile unserer Gesellschaft christlich geprägt. Und Weihnachten ist, obwohl nicht das höchste, so doch immer noch eines der wichtigsten christlichen Feste. Früher ging ein Christ deshalb wie selbstverständlich an Weihnachten in die Kirche. Es fiel auf, wenn man nicht ging – ob man nun zuhörte oder nicht. Das hat sich geändert. Wer sich heute auf den Weg in die Kirche macht, will etwas für sich mitnehmen. Man sehnt sich nach einem Mehr.

Für den einen mag dieses Mehr die christliche Botschaft sein, die sich irgendwo hinter Georg Michaels Festtagsgesäusel und den Lichterketten im Vorgarten versteckt. Mit Christi Geburt – denn das feiern wir Weihnachten ja eigentlich – hat Gott seinen Sohn auf die Erde geschickt. Gut, das mag nun glauben wer will.

Trotzdem wurde mit der Geburt dieses Kindes vor mehr als 2000 Jahren etwas in die Welt gegeben, das uns noch heute beeinflusst. Wer an Weihnachten in die Kirche geht, der möchte vielleicht spüren – und sei es nur für eine Stunde im Jahr – das irgendwann doch alles besser werden kann. Wer an Weihnachten in die Kirche geht, der möchte vielleicht nur für einen Moment glauben, dass die Botschaft von Liebe und Frieden für die das Kind in der Krippe steht, irgendwann bis in die Köpfe und Herzen der Menschen vordringen kann. Wer an Weihnachten in die Kirche geht, der möchte vielleicht hoffen, dass der Streit mit den Kollegen oder der Zwist in der Familie endlich beigelegt werden kann.

Spott der Nachbarn

Für den anderen hat der Gang zur Kirche an Weihnachten eher weniger mit dem christlichen Glaubensprozess zu tun. „Die gehen doch nur wegen der gemütlichen Atmosphäre“, spotten die Nachbarn. Richtig, denn Kirche kann Ruhe bedeuten. Entspannung nach Wochen voll Hektik oder ein bisschen Licht in der dunklen Jahreszeit. Die Christmette stößt am Abend vor Weihnachten eine Tür auf, um sich für eine kurze Zeit aus der besser, größer, teurer Gesellschaft zu verabschieden. Kirche an Weihnachten kann damit die ersehnte Atempause schaffen, um den anstrengenden Großeltern beim Fest mit einem Lächeln zu begegnen oder den nervenden Geschwistern noch etwas mehr Geduld entgegen zu bringen.
Und schließlich liegt am Weihnachtsabend in der Kirche doch immer noch etwas Besonderes in der Luft. Wer sich zwischen dem Schmücken des Baums und der Festtagsgans auf den Weg zur Kirche macht, der sucht nicht nur nach dem Mehr, der sucht nach diesem Gefühl, das man den Geist von Weihnachten nennen könnte. Eine Festlichkeit, die die Herzen jedes Jahr aufs Neue etwas weiter macht.

Persönliche Gründe

U-Boot-Christ oder nicht, wer sich an Weihnachten auf den Weg in die Kirche macht, der hat seine ganz persönlichen Gründe. Ob aus christlicher Überzeugung, auf der Suche nach Ruhe oder wegen der festlichen Stimmung, wer sich aufmacht findet die Türen der Kirche geöffnet. Denn für das Kind in der Krippe ist jeder Mensch willkommen – und sei es nur an einem Tag im Jahr.

An Weihnachten ist dem einen heilig, was der andere verabscheut: Dem Vater die Gans beim Abendessen, die die vegetarisch lebende Tochter kaum ansehen kann, der Mutter das Singen vorm Geschenke auspacken, das der Sohn schon aus Prinzip hasst. Am schlimmsten aber ist der obligatorische, zwanghafte Gang zur Kirche. Egal ob am frühen Nachmittag oder am späten Abend – immer unterbricht diese nervtötende Messe den Tag, der die ganze Familie wieder näher zusammenbringen soll.

Zeit mit den Liebsten

Dabei ist doch viel wichtiger, die Weihnachtszeit mit den Liebsten zu nutzen. Genießen, dass endlich einmal wieder alle zusammen sind und dass sich Eltern, Kinder und Großeltern auch Zeit füreinander nehmen. In Zeiten, in denen Familientraditionen immer mehr an Bedeutung verlieren. Alte Werte, die den Menschen noch vor 40, 50 oder 60 Jahren den Weg gewiesen haben, verschwinden und machen Platz für neue. Da kann der Gang zur Kirche ruhig zu den ausgetauschten Werten gehören. Außerdem ist bedingungsloser Glaube an Gott bei allem Krieg und Leid sowieso Quatsch. Kirche wird dann auch mal zur Nebensache – und kann somit gleich ausfallen. Der Sohn, der das Singen am Abend verabscheut, fürchtet das „In Excelsis Deo“ ohnehin umso mehr. Und der Pastor merkt auch nicht, ob da nun 30 oder 40 Leute in seinem Gotteshaus sitzen.

Wer geht denn überhaupt noch an Heiligabend in die Christmesse? In einer Zeit, in der den Hirten die Schafe herdenweise davon rennen, ist Kirche anscheinend nicht mehr zeitgemäß. Interessant ist auch, ob die sogenannten „Kirchgänger“ den Rest des Jahres auch immer sonntags steif auf der harten Holzbank sitzen? Oder ob sie an Heiligabend nur zur Kirche pilgern, „weil man das eben so macht“?

Christi Geburt ist Nebensache

Den Wenigsten geht es an Weihnachten noch um Christi Geburt. Und damit auch nicht mehr um den christlichen Glauben und ein religiöses Fest, das unter anderem in der Kirche gefeiert werden sollte. Warum gehen die Menschen trotzdem noch hin? Es muss ihr schlechtes Gewissen sein, dass sie auf die harten Holzbänke zieht. Ist es das Verantwortungsbewusstsein einem längst pensionierten Religionslehrer gegenüber? Oder das Gefühl, man werde von oben beobachtet? Vielleicht auch Respekt vor dem über 2000 Jahre alten Propheten? Hach ja, dieser Jesus. Das ist doch toll, dass der mal geboren wurde. Auch noch in einem Stall! Und trotzdem war er ja ein ganz Großer. Konnte übers Wasser gehen und so. Wasser zu Wein verwandeln.

Wein… Da schweifen die Gedanken dann zum ersten Mal ab. In der unverschämten Kälte, die trotz picke-packe-vollem Gotteshaus und Zwiebel-Look die Glieder steif werden lässt, sehnt sich der Christ nach der Völlerei am Abend. Das ist doch die Todsünde Nummer… Hm, vergessen. Wohl zu lange nicht in der Kirche gewesen. Den Hunger stillt jedenfalls auch die Hostie nicht. Apropos still, schweigen ist in der Kirche natürlich Pflicht. Neuigkeiten austauschen? Fehlanzeige. Und das, obwohl es so viel zu erzählen gibt, wenn sich endlich einmal alle wiedersehen. Bei den ersten gedämpften Versuchen hagelt es Zischlaute von allen Seiten, dazu die bösen Blicke der älteren Damen rundherum, die die Angelegenheit „Messe“ sehr ernst nehmen. Und die den Tuschlern kurz zuvor noch den Platz geklaut haben – weil sie schon eine Stunde vor Beginn in der stillen Kälte weilten.

Eine Frage der Erziehung?

Bei diesen älteren Damen, und auch den Herren, gehörte der Gang zur Kirche noch zur Erziehung. Er war Teil des Lebens, wenn man als guter Christ etwas auf sich hielt. Weil Jesus ja auch Christ war. Nee, Jude. Und trotzdem feiern die Juden seine Geburt nicht. Da soll noch ein Christ durchsteigen.
Bei so viel Verwirrung, schlechtem Gewissen und kalter Kirchenluft ist es nicht verwunderlich, wenn Viele das einzig richtige Tun, und das Fest der Liebe auch den Liebsten widmen. Und an die denken, die so oft vergessen werden. Die Heimatlosen, Schwachen, die Vernachlässigten.

Eine Idee: Zusammen spazieren gehen. Durch die winterliche Heimat: vielleicht in den Wald, vielleicht durch die Innenstadt oder durch das eigene Wohnviertel. Mal hier und da in die hell erleuchteten Fenster spicken. Und dabei hoffen, dass alle Menschen glücklich sind. Und ja, vielleicht sogar auf Weltfrieden hoffen – schaden kann es nicht.


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Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann, Teaserfoto: Detlef Menzel/ pixelio.de

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