Duell am Donnerstag: Kostenpflichtige Plastiktüte?

In Deutschland verbraucht jeder von uns durchschnittlich 65 Plastiktüten im Jahr. Zur Zeit kriegen wir die meisten von ihnen noch hinterterhergeschmissen, gratis. Doch damit ist vielleicht bald Schluss. Das Bundesumweltamt fordert, dass wir für jeden Plastikbeutel eine Abgabe von etwa 20 Cent zahlen. Sollen diese paar Groschen uns tatsächlich vom Griff zur Plastiksünde bewahren? Die beiden Pflichtlektüre-Autoren Franziska Jünger und Timm Giesbers gehen in die Offensive und verteidigen ihre Standpunkte zum Thema Plastiktüten-Gebühr

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Für mich ist das nicht mehr als eine rhetorische Frage – natürlich! Viele werden den praktischen Nutzen der Tüten über alles stellen. Aber rechtfertigt unsere Bequemlichkeit tatsächlich die Verschmutzung von Gewässern, das Zusammenbrechen von Ökosystemen und vor allen Dingen eine enorme Verschwendung von Ressourcen? Richtig, wieder eine rhetorische Frage!

Bündnis 90/Die Grünen fordern eine verpflichtende Gebühr von 22 Cent für Plastiktüten. Ich gebe zu, dass dieser Betrag auf den ersten Blick vielleicht nicht abschreckend genug erscheint. Jedoch werden sich gerade junge Menschen überlegen, ob sie im Jahr gut 14 Euro dafür ausgeben wollen. Außerdem bestünde die Möglichkeit die Zwangsabgabe zu erhöhen, wenn sich nicht der gewünschte Effekt feststellen lässt. Aber was könnte ich schon allein für die 14 Euro alles bekommen? Fünf Mal essen in der Mensa, zwei Kinobesuche, ein neues Buch, und und und.

Jute statt Plastiktüte

Ich sehe kein Problem darin, einen Stoffbeutel zum Einkaufen mitzunehmen oder am besten immer in der Handtasche oder dem Rucksack parat zu haben, um auch auf spontane Einkäufe vorbereitet zu sein. Jutebeutel gelten sowieso bei vielen jungen Menschen als modisches, hippes Accessoire. In dem Fall wäre er doch wirklich mal für etwas gut!

Es sollte aber nicht nur in den Supermärkten, auch in Drogerien, Kaufhäusern und Bekleidungsgeschäften mehr darauf geachtet werden, ob der Plastikbeutel wirklich nötig ist. Bisher geben Verkäufer und Kassierer die Tüten häufig ohne zu fragen heraus. Damit wäre Schluss, wenn die „Plastiktüten-Steuer“ wirklich beschlossen wird.
Möglicherweise wird es viele dennoch nicht davon abhalten, die Beutel zu benutzen, jedoch sollte die Gebühr immerhin ein Denkanstoß sein nach dem Motto: „Moment mal, früher habe ich die Tüten doch hinterher geschmissen bekommen, wieso kosten die denn auf einmal was?“.  Bewusstsein – immerhin ein erster Schritt auf dem Weg zum nachhaltigen und umweltbewussten Konsum.

Hilfe – ich lebe in einer Wegwerfgesellschaft!

Leider muss ich immer wieder feststellen, dass viele Menschen wirklich nicht in der Lage zu sein scheinen, weiter als  von einer Wand zur nächsten zu denken. Denn selbst, wenn es mir egal wäre, was mit meiner Umwelt und zukünftigen Generationen passiert, sollte mir doch zumindest meine eigene Gesundheit nicht völlig Schnuppe sein. Das Leben ist nun mal ein Kreislauf, dem der Mensch nicht entkommen kann. Wenn Fische kleine Plastikpartikel für Plankton halten, nehmen sie das Gift aus dem Plastik in sich auf. Was dann im Körper des Fisches steckt, landet schnell auch auf unserem Teller. Guten Appetit!

Plastik überlebt Generationen

Häufig werden die Plastiktüten nur für einen einzigen Einkauf verwendet und danach weggeschmissen – irgendwohin.
Plastik braucht bis zu 500 Jahre um zersetzt zu werden, ist es wirklich so schwer den Kram dann wenigstens in die dafür vorgesehen gelben Säcke oder Wertstofftonnen zu schmeißen, damit es recycelt werden kann?!

Ich höre schon die Gegner mosern: „Ja ja, immer diese Ökos, jetzt haben sie wieder ein neues Thema gefunden, um die Welt zu verbessern. “Falsch! Es sind nicht nur die Grünen, die höhere Preise für Plastiktüten fordern oder gar ihre Abschaffung. Die Initiative „Mehrweg statt Einweg“ der Deutschen Umwelthilfe wird von zahlreichen Politikern unterstützt, auch von vielen Christdemokraten, Sozialdemokraten und der Linken. Offenbar sind Plastiktüten doch ein Problem, das uns alle betriff. Bisher haben es aber leider nur die wenigsten erkannt.

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Euer langer moralischer Zeigefinger wirft mal wieder seinen Schatten übers Land. Nachdem ihr uns allen schon die gute alte Glühlampe, den geliebten, weil spottbilligen Atomstrom und die schönen, aber leider einfach-verglasten Altbaufenster verboten habt, kümmert ihr euch nun um euer neues Lieblings-Reizthema. Ihr ökologisch-einwandfreien Wutbürger protestiert nicht länger gegen Stuttgart 21, kämpft für Gerechtigkeit für Arbeitslose oder Frieden in der Welt. Nö, jetzt gilt es im Kampf gegen die Plastiktüte hart und unbarmherzig zu bleiben.

Fies ist natürlich, dass es euch das EU-Recht unmöglich macht, die Plastiktüten komplett zu verbieten. Schade, oder? Deshalb habt ihr euch überlegt: Wenn die Tüten sich schon nicht verbieten lassen, dann machen wir sie wenigstens so teuer, dass die ungezogenen Konsumbürger selbst merken, dass sie besser die Finger von den buntbedruckten Umweltsünden lassen. Habt ihr, die früher gern Gerhard Schröder für seine Hartz 4-Politik gelyncht haben, euch schon mal überlegt, wie viele Arbeitsplätze an der Produktion von Plastiktüten hängen? Rund 18 000 Beschäftigte sind es weltweit.

Angriff auf die Konsumgesellschaft!

Ich glaube, es geht euch gar nicht wirklich um den Umweltschutz. Ihr schert euch ja auch nicht darum, dass eure Kork-Jesuslatschen populär geworden sind und deshalb in einigen Landstrichen Portugals ganze Monokulturen die Landschaft erodieren. Nein, ihr macht das geschickt. Eigentlich geht es euch um einen Angriff auf die Konsumgesellschaft schlechthin. Ihr findet, dass Massenkonsum etwas grundsätzlich Schlechtes ist.

Die Plastiktüte steht, wie kein anderes Accessoire des modernen Lebens für die Leichtigkeit, mit der wir heute konsumieren können. Ihr hättet gern, dass wir immer erst einen Moment in uns gehen, um uns zu fragen: Was brauche ich wirklich? Ginge es nach euch, würden wir immer bekloppte Stoff-Einkaufstaschen mit uns herumschleppen, nur für den Fall, dass uns mal ein spontaner Konsum-Heißhunger überkommt. Dabei ist es doch der Luxus des heutigen Konsums: Nicht mehr stundenlang für Brot anzustehen, sondern einfach aus einer Laune heraus zu kaufen.

Heute läuft die Zeit schneller

Die Welt ist viel zu schnell geworden: Man ist häufig einfach auf die Möglichkeit angewiesen, spontan ein paar Lebensmittel zu kaufen, ohne einen Strunk Tomaten, Käse, Toast, eine Tafel Schokolade, diverse Joghurts und Toilettenpapier auf dem Heimweg in den Händen balancieren zu müssen. In einer solchen Notsituation, wird niemanden, ein Euro extra für die olle Plastiktasche davon abhalten, sie zu kaufen. Es ist aber durchaus möglich, dass die beschleunigte Zeit bei euch Chai-Tee-Trinkern noch gar nicht angekommen ist.

Die Plastiktüte kann mehr

Ihr bemängelt immer, man würde eine Plastiktüte gar nicht lang genug nutzen, angeblich nur 25 Minuten lang. Dabei vergesst ihr regelmäßig, wie viele praktische Dienste diese Wunderwerke des modernen Massenkonsums uns Verschwendern erweisen: Wie oft hätte man sich beim Aufsitzen auf’s Fahrrad schon einen nassen Hintern geholt, hätte die alte Lidl-Tüte nicht den Sattel vorm Regenguss geschützt. Auch könnte man nicht mehr einfach so Getränke in der Plastiktüte zur Party mitbringen und die Tüte dann getrost beim Gastgeber liegen lassen.

Alles in allem kann man euren Plan, die Preise für Plastiktüten künstlich zu erhöhen als blanken Aktionismus abtun. Anstatt euer Biochemie-Studium voranzutreiben, um an der Entwicklung von umweltfreundlichen biologisch-abbaubaren Kunststoffen zu arbeiten, verschwendet ihr eure Zeit. Die Leute werden sich bloß über die Preise aufregen und euch die Schuld geben. Mit Recht!

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Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann, Teaserfoto: Foto: CFalk / pixelio.de