Duell: Hat es sich ausgeRaabt?

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Wer im TV viel ProSieben sieht, der sieht viel von Stefan Raab. Drei bis vier Mal ist er wöchentlich mit TV Total auf Sendung. Hinzu kommen seine Spezialsendungen, wie am 11. November die Pilotfolge von Absolute Mehrheit“. Außerdem „Schlag den Raab“, Pokernächte, Autoball-Europa- bzw. Weltmeisterschaften und unzählige weitere Sendungen. Nervt das? Ist das zu viel? Oder gibt es gute Gründe, warum wir von Raab nicht genug zu sehen bekommen?

pro contra
Es war einmal ein junger Mann, der Metzger werden wollte. Räuchersalami anschneiden, Fleischsalat anrühren, Würstchen abbinden. Eine Aufgabe, die Stefan Raab – der junge Mann von damals – wahrscheinlich besser gemeistert hätte. Oder sagen wir: Eine Aufgabe, mit der sich Stefan Raab weitaus nützlicher gemacht hätte. Mit der er nicht so sehr genervt hätte, wie nun mit seiner Präsenz im Showgeschäft.

13 Jahre ist es her, seit Raab bei ProSieben einstieg und langsam aber sicher zum omnipotenten Platzhirsch des Senders mutierte, der alles macht, was noch keiner gemacht hat. Nichts ist unmöglich. Dachte sich Raab. Und fing an, mit Pokerchips und Autobällen um sich zu schmeißen, Stockcar- und Wok-Rennen zu fahren, einen Song für Baku zu finden, einen Song für Oslo zu finden, von Türmen zu springen, und – ach ja – seine eigene Sendung TV Total von einer Ausstrahlung pro Woche auf vier Ausstrahlungen pro Woche aufzustocken.

Am liebsten selbst im Rampenlicht

Immer verkörpert der Stoppelkopf mit dem eingemeißelten Dauergrinsen dabei den Selbermacher, den Erfinder, den Ausprobierer. Immer rückt er sich selbst ins Rampenlicht, auch wenn es zur Abwechslung mal nicht um ihn und einen seiner schöpferischen Einfälle geht. Zum Beispiel in seinem neuen Polit-Talk Absolute Mehrheit“: Während Raab breitbeinig und feixend auf einem Wetten-dass-artigen Sofa Z-Politpromis beim Diskutieren unterbricht, lässt er sich von ProSieben-Chefjournalist Peter Limbourg – live in der Sendung – immer wieder bestätigen, wie gut er das macht, diesen Polit-Talk. Alles ganz toll, Herr Raab.“ Schöne Argumente, Herr Raab.“

Und wenn Raab sich in seinen eigenen Sendungen nicht für sich selbst loben lässt, moderiert er halt, ist gleichzeitig Kandidat und erklärt am Ende, wie viel Spaß ihm das alles mal wieder gemacht hat. Es hat sich ausgeraabt.

Wozu all die Autobälle, all die Poker-Nächte, das Turmspringen? Haben wir als Zuschauer auch noch was davon?

Sendungen ohne inhaltlichen Wink

Nein. Denn Stefan Raabs Sendungen sind ohne Gehalt. Ohne inhaltlichen Wink, ohne Geste, ohne Moral. Zwei oder drei Mal im Monat: gerne. Man will ja kein Spießer sein, sondern auch mal vor der Glotze sitzen und was lustig finden. In Maßen. Nicht in unzähligen Formaten der Firma Brainpool, in der Stefan Raab himself die Chefetage bildet – wen wundert’s. Da vergeht doch das Lachen, vergeht die Lust am Komischen. Zu viel ist zu viel. In der Ruhe und Langsamkeit läge die Kraft. Der Entertainer müsste das als gelernter Metzger eigentlich wissen: Auch beim Leberwurst pressen muss man behutsam sein, und die Salami an den Mann bringen schafft nur der bedachte, ausgeglichene Verkäufer.

Raab hingegen nimmt auf seine Weise das Frischfleisch auseinander: Gefühlte 30 Mal pro Woche begrüßt er in seiner Show TV Total Popsternchen und Newcomer. Nur noch selten sitzen alte Hasen des Film- und Showgeschäftes auf dem TV Total-Sessel – anders als früher. Da war sowieso alles besser. Jedenfalls in der Gesellenprüfung zum Metzger bekam Raab ein sehr gut“.

Am besten hat wohl Max Giermann gezeigt, wie sich die meisten Menschen fühlen müssen, wenn sie an Stefan Raab denken: Nach Raabs „TV Total“ am Montag trat er in der Sendung „Switch“ als Stefan Raab auf. Als Raab, der nicht wusste, welche Sendung er gleich moderieren würde: Turmspringen, „Schlag den Raab“, Stock Car Crash Challenge, Wok-WM, Pokernacht, Bundesvision-Songcontest? Ach nein, fiel ihm da ein: Es war ganz einfach „TV Total“, die Sendung, mit der Raab bei ProSieben berühmt wurde.

Ich will gar nicht leugnen, dass es einem mit Raab zu viel werden kann – allein sechsmal war und ist er zwischen dem 11. und 17. November auf seinem Heimatsender ProSieben zu sehen.

Zweistellige Quoten

Doch das haben wir Zuschauer uns selbst zuzuschreiben: Raab würde nicht ohne Ende Shows produzieren und konzipieren, wenn wir, das Publikum, sie nicht ansehen würden. Und das tun gerade wir Twenty-somethings gern, die Raabs Shows locker zweistellige Fernsehquoten bescheren. Stundenlang schauen wir zu, wenn er mit Promis pokert, in einem Wok eine Eisbahn herunterrutscht oder Bierkästen um die Wette stapelt.

Denn bei Raab weiß man, was man kriegt: Unterhaltung. Dass das kein Zufall ist, sondern großes Talent und Gespür für das, was man als Fernsehzuschauer gerne sehen will, zeigt vor allem seine Show „Schlag den Raab“. Seit 2006 läuft sie, 36 Episoden gab es inzwischen, ein Ende ist nicht in Sicht. So ein Erfolg schlägt Wellen: Die Show ist eines der wenigen deutschen Sendeformate, die ins Ausland verkauft wurden – und das gleich in 18 Länder weltweit. Das schafft keiner, der nicht weiß, wie Unterhaltung geht.

Unser Fernsehen braucht Raab

Und auch jenseits aller (meist niedriger) Privatfernsehen-Standards sage ich: Das gesamte deutsche Fernsehen braucht Stefan Raab. Denn es ist im besten Fall bieder, im schlimmsten Fall eine Verletzung der Menschenwürde. Und in fast allen Fällen: ein Abklatsch von Dingen, die irgendwann mal erfolgreich waren. Raab ist wie eine Verjüngungskur fürs Programm, denn ihm ist nichts peinlich, vor allem dann nicht, wenn er seinen eigenen Kopf mit hinhalten kann. Wer dafür noch Beweise braucht, sollte sich entweder anschauen, wie Raab in seiner neuen Sendung „Absolute Mehrheit“ Spielshow und Politik-Talk kombiniert, oder sich seine alten, durchgeknallten Sachen auf VIVA angucken.

Keine Angst vor dem Scheitern

Über die Jahre im Fernsehgeschäft hat sich Raab eines bewahrt: Ihm ist egal, dass er scheitern könnte. Er probiert einfach mal aus, ob etwas Neues funktioniert. Wo findet man das sonst auf unseren Mattscheiben? Dass auch Raab das wiederholt, was erfolgreich ist, ist unbestritten. Fernsehen funktioniert bei uns leider immer noch vor allem über eines: die Quote.

Doch Raab ist für mich jemand, der keine Scheu davor hat, neue Wege im deutschen Fernsehen zu gehen. Und von solchen Menschen könnte unser Fernsehprogramm noch viel mehr gebrauchen.

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Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann, Teaserfoto: Rob Vegas/ flickr.

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