Ein Tag bei der Tafel

Extra-Pudding für Kinder

Palettenweise reiche ich den Kunden Joghurt an. Dank einer großen Spende gibt es heute besonders viel.

Palettenweise reiche ich den Kunden Joghurt an. Dank einer großen Spende gibt es heute besonders viel. Foto: Nadia Hapke

Also hebe ich Palette für Palette von dem großen Stapel, der nur langsam schrumpft, ganz im Gegenteil zu den Bergen von leeren Paletten, die sich bald neben mir anhäufen. Obwohl ich direkt an der Kühltheke stehe, komme ich nach kurzer Zeit ins Schwitzen. Trotzdem macht es Spaß, hier mitzuarbeiten. Die meisten Kunden freuen sich über die Produkte, die sie erhalten. Ist ein Kind dabei, bekommt es oft einen Schokopudding oder Fruchtzwerg extra. Außerdem bleibt die Milch Familien mit Kindern vorbehalten, denn davon haben wir nicht so viel.

Monika kennt die meisten ihrer Kunden schon länger. Mit einigen unterhält sie sich kurz. Bei anderen weiß sie schon vorher: „Da musst du aufpassen, der will immer eine Extrawurst!“ oder: „Die beiden da vorne müssen haargenau das Gleiche kriegen, sonst beschwert sich wieder eine!“ Für Aussuchen ist keine Zeit. Wir bereiten für jeden Kunden einen Stapel vor, den er dann einpacken darf. Wenn jemand Sonderwünsche hat, reagiert Monika schnell genervt: „Das geht einfach nicht, da draußen warten noch so viele Leute, die auch alle was haben wollen.“ Immer wieder gibt sie ein schroffes „Jetzt ist aber Feierabend“ von sich – nicht selten reicht sie danach doch noch den gewünschten Joghurt über die Theke. Mir fällt auf, dass die Kunden sehr unterschiedlich mit den Lebensmitteln umgehen. Während der eine die Joghurts vorsichtig in seiner Tasche stapelt, sagt mir manch anderer: „Kipp einfach rein!“ – auch wenn darunter die gerade erhaltenen Bananen liegen.

Ausweiskontrolle vor dem Einkauf

Alle Lebensmittel im Laden werden von ehrenamtlichen Helfern verteilt. Je mehr Personen ein Bedürftiger mitversorgen muss, desto mehr Lebensmittel bekommt er.

Alle Lebensmittel im Laden werden von ehrenamtlichen Helfern verteilt. Je mehr Personen ein Bedürftiger mitversorgen muss, desto mehr Lebensmittel bekommt er. Foto: Nadia Hapke

In kleinen Atempausen bei der Arbeit kann ich den Ablauf beobachten: Die Kunden kommen in den Laden und zeigen am Eingang ihren Tafelausweis. Auf einer Liste wird eingetragen, dass der Ausweisinhaber heute eingekauft hat. Das ist wichtig, um zu kontrollieren, wer den Ausweis tatsächlich nutzt.

Wer viermal hintereinander nicht zum Einkauf kommt, ohne dies zum Beispiel durch einen Krankenhausaufenthalt begründen zu können, verliert den Tafelausweis, da er offenbar nicht mehr darauf angewiesen ist. Die Zahl der Ausweise ist begrenzt. Nur so ist sichergestellt, dass jeder, der einen Ausweis hat, tatsächlich genügend Lebensmittel bekommt, um sich und seine Familie davon ernähren zu können. Nach der Ausweiskontrolle machen die Kunden eine Runde durch den Laden. An jeder Theke erhalten sie andere Lebensmittel: von Obst und Gemüse, Wurst und Käse bis hin zu Brot und eben auch Joghurt. Immer abhängig davon, was die Tafel gerade zur Verfügung hat.

In verschiedenen Sprachen wird auf die Preiserhöhung hingewiesen. Nicht alle Kunden der Tafel sprechen Deutsch.

In verschiedenen Sprachen wird auf die Preiserhöhung hingewiesen. Nicht alle Kunden der Tafel sprechen Deutsch. Foto: Elena Bernard

Jeder Einkauf kostet drei Euro, egal wie viel in den Einkaufstaschen ist. Die Gebühr wurde im November 2012 um einen Euro angehoben. Ansgar Wortmann, einer der beiden hauptamtlichen Mitarbeiter der Tafel erklärt, dass dieses Geld benötigt wird, um die Betriebskosten der Tafel zu decken. „Natürlich bekommen wir auch Spenden, aber die sind sehr unzuverlässig. Deshalb sind wir auf das Geld aus dem Verkauf angewiesen.“ Denn auch wenn die Gebühr für den Einkauf laut den Grundsätzen der Tafel eigentlich nur symbolisch ist: bei über 3000 Kunden kommen pro Woche immerhin rund 10 000 Euro zusammen. Dieses Geld nutzt die Tafel zum Beispiel für die Wartung der Fahrzeuge, für Strom- und Spritkosten und für das Gehalt der beiden hauptamtlichen Mitarbeiter.

Waren gut eingeteilt

Fast alle Lebensmittel wurden verteilt. Die leeren Kühltheken werden am Ende geputzt.

Fast alle Lebensmittel wurden verteilt. Die leeren Kühltheken werden am Ende geputzt. Foto: Nadia Hapke

Der Verkauf dauert heute länger als geplant. Um 13.30 Uhr sollte eigentlich Schluss sein, aber die Schlange draußen ist noch lang. Erst gegen 14.15 Uhr geben wir der letzten Kundin die letzten Joghurts. Ich bin erstaunt, wie gut Monika die Waren eingeteilt hat: Die Ersten haben nicht mehr oder weniger bekommen als die Letzten und außer einigen Paletten Landliebe-Joghurt bleibt nichts übrig. „Das kann man durch die Erfahrung ganz gut einschätzen“, meint sie. Auch an den anderen Theken wurden die Produkte weitgehend verteilt. Die kleinen Reste werden zurück ins Lager gebracht. Nun geht es ans Putzen: Alle Theken und Tische müssen gereinigt werden. Dann werden sie weggeschoben und einige Mitarbeiter fegen den Laden. Weil alle mithelfen, geht es erstaunlich schnell und der gerade noch volle Laden verwandelt sich wieder in eine leere Halle. Da heute Samstag ist, geht damit der Arbeitstag an der Tafel zu Ende.

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