(K)Eine Zeit für Ehrenamt

Eigentlich sind sie schon ausgelastet mit Klausuren, Seminarvorbereitung und Hausarbeiten. Trotzdem arbeiten auch im Ruhrgebiet viele Studierende neben der Uni – und zwar ehrenamtlich. Pflichtlektüre hat zwei von ihnen begleitet, um herauszufinden, warum sie sich diese zusätzliche Arbeit ohne Bezahlung aufhalsen.

Dagmar möchte Lehrerin werden.

Dagmar hilft bei der Hausaufgabenbetreuung. Fotos: Ildiko Holderer

„Dagmar, hilfst du mir mal?“ Der neunjährige Ahmed* sollte eigentlich schon längst seinen Text geschrieben haben. Dagmar setzt sich neben ihn, fragt was los ist. „Ich soll schreiben, wie sich der Johnny aus dem Buch als Einzelkind wohl fühlt, aber das weiß ich doch nicht.“ Ahmed wohnt in einer Dreizimmerwohnung mit sieben Geschwistern und seinen Eltern – Privatsphäre gibt es kaum, dafür jedoch sechs Fernseher, wie der Grundschüler stolz erzählt. Mehrmals in der Woche kommt er zur Hausaufgabenhilfe von „komm-kids-com“. Der Verein hat Räumlichkeiten im Dietrich-Keuning-Haus in der Dortmunder Nordstadt gemietet. Jede Woche kümmern sich dort rund 40 Betreuer um Kinder und Jugendliche, die Hilfe bei ihren Schularbeiten brauchen.

Dagmar ist eine von ihnen, hilft zwei Stunden pro Woche bei der Hausaufgabenbetreuung. Vermittelt wurde sie von der Freiwilligenagentur Dortmund. Laut dem bundesweiten Freiwilligensurvey „Monitor Engagement“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren Frauen und Jugend waren 2009 etwa 43 Prozent der Studierenden ehrenamtlich engagiert – knapp die Hälfte also, was nach einer beeindruckenden Zahl klingt.

„Zahlen nach oben geschönt“

„Tatsächlich liegt die Zahl der bürgerschaftlich engagierten Studenten weit niedriger“, erklärt Professor Wolfgang Stark von der Universität Duisburg-Essen. Er ist Sprecher des Hochschulnetzwerkes „Bildung durch Verantwortung“. Die Zahlen des Freiwilligensurveys seien „nach oben geschönt“, da unter ehrenamtliches Engagement auch beispielsweise die Mitgliedschaft in einem Sportverein zähle. „Ich würde diese Zahl meiner Erfahrung nach mit etwa 20 bis 25 Prozent schätzen“, so Stark.

Die Räumlichkeiten des Dietrich-Keuning-Hauses.

Die Räumlichkeiten des Dietrich-Keuning-Hauses.

Starks Erfahrung deckt sich mit der Einschätzung der Dortmunder Freiwilligenagentur. „Auch ich würde schätzen, dass von unseren Ehrenamtlichen etwa 20 bis 25 Prozent Studierende sind. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir viele Angebote im sozialen Bereich haben, die gerade Lehramts-, Psychologie- oder Sozialpädagogik-Studenten ansprechen“, sagt Karola Jaschewski, die als Hauptverantwortliche der Agentur auch aus persönlichen Erfahrungen mit den Freiwilligen sprechen kann. Eine genaue Zahl sei allerdings schwer zu ermitteln, da die berufliche Situation nicht durchweg erhoben wird, sondern nur aufgrund des Alters, der Interessen und persönlicher Kontakte Aussagen getroffen werden könnten.

Verdichtung durch Bachelor und Master

Dass die Zahlen der ehrenamtlichen Studierenden allem Anschein nach niedriger sind, als in dem Freiwilligensurvey ermittelt, sieht Wolfgang Stark nicht unbedingt als problematisch an. Problematisch sei jedoch die Verdichtung der meisten Studiengänge durch das Bachelor- / Master-System. „Damit fällt die Zeit für Engagement für viele weg, und manche hören während des Studiums auf, obwohl sie vorher engagiert waren.“

Bei Dagmar ist gerade das Studium der Grund für ihr ehrenamtliches Engagement. Sie studiert Kunst und Deutsch, möchte später als Lehrerin an Gymnasien arbeiten. Das Ehrenamt hat sie vor allem ergriffen „um Praxiserfahrungen zu sammeln“, erzählt sie während des Gemüseschneidens. „Die Kinder sollen ja auch was Gesundes essen“, merkt sie nebenbei an.

Praktische Erfahrung kommt zu kurz

Beim Thema Studium wird Dagmar wieder ernst: „Meiner Meinung nach kommen vor allem das Pädagogische und die praktische Erfahrung zu kurz.“ Die Hausaufgabenbetreuung macht ihr Spaß, Erfolge wie eine „Zwei“ im Vokabeltest motivieren die Studentin. Mit Nachhilfe könnte Dagmar auch Geld verdienen – doch darauf verzichtet sie lieber. „Ich möchte kein Geld für etwas nehmen, in dem ich mich noch nicht professionell ausgebildet fühle. Außerdem finde ich es schön, auch denen zu helfen, die sich Nachhilfe sonst nicht leisten könnten.“

Ein paar Straßenzüge weiter Richtung Dortmunder Nordmarkt schaut Jan prüfend auf das Blatt der neunjährigen Leila. „Genau, super, das ist die richtige Zahl!“ Die nächste Aufgabe ist ein wenig schwerer. 0,25 Kilometer sollen in Meter umgerechnet werden. Leila ist verwirrt. „Hä? Wie soll ich das denn wissen?“ Jan erklärt ihr geduldig, wie die Umrechnung funktioniert.

Graue Haare und Zahnlücke

Jan hilft Leila bei den Mathehausaufgaben.

Jan hilft Leila bei den Mathehausaufgaben.

Auch er betreut Kinder und Jugendliche bei ihren Hausaufgaben. Berufliche Erfahrung wie Dagmar kann Jan bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für den Verein „Africa Positive“ nicht sammeln. Er ist Chemiestudent im neunten Semester und arbeitet seit etwa zwei Jahren als Freiwilliger. Der Kontakt entstand wie bei Dagmar über die Freiwilligenagentur.

Auf die Frage, was ihm seine Arbeit als Ehrenamtlicher gibt, antwortet Leila für Jan: „Graue Haare!“ Wenn Leila lächelt, sieht man ihre Zahnlücke links unten. Jan lacht mit, wird dann wieder ernst. Schließlich sind da noch die Matheaufgaben, die erledigt werden müssen. Leila findet die richtige Zahl nicht auf Anhieb, erzählt zwischendurch von ihren Freundinnen in der Schule. Irgendwann klappt es doch. „So, wenn du die Zahl richtig gerechnet hast, klappt es doch mit der nächsten auch“, ermuntert Jan seinen Schützling. „Aber das hab ich doch nur geraten!“ Jan lächelt. „Na, dann rate halt noch mal.“

Motivation Chancengleichheit

Auf dem Platz gegenüber sitzt Leilas Mutter und macht ihre Deutschhausaufgaben. Anders als bei der Hausaufgabenhilfe von „komm-kids-com“ sind die Eltern hier Teil der Hausaufgabenbetreuung. Seit Beginn seiner ehrenamtlichen Tätigkeit begleitet Jan die Familie aus Somalia, zunächst gab es Nachhilfe Zuhause.

Jan möchte das Prinzip der Chancengleichheit leben.

Jan möchte das Prinzip der Chancengleichheit leben.

Das Ehrenamt ist fester Bestandteil seines Studentenlebens, zwei Stunden in der Woche ist er für den Verein tätig. Zwei Stunden, in denen er auch für seine nächste Chemieklausur lernen oder Freunde treffen könnte. „Für mich ist es das wert“, sagt Jan, und gibt schließlich doch selbst eine Antwort auf die Frage zu seiner Motivation. „Ich möchte das Prinzip der Chancengleichheit leben“, sagt er. Woher er die Zeit dafür trotz Bachelor- und Master-Stress hat? „Für mich stellt sich nicht die Frage, ob man die Zeit hat, sondern ob man sie sich nimmt.“

*Name von der Redaktion geändert

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