Duell am Donnerstag: Smart Home – schlau oder dumm?

Wenn sich Heizkörper und Fenster absprechen, wenn der Kühlschrank automatisch Milch nachkauft, wenn sich die Haustür mit dem Smartphone öffnen lässt, dann nennt sich dieses Zuhause Smart Home. Alle Geräte sind „schlau“ und vernetzt. Aber lohnt sich diese Investition wirklich? Sandra Schaftner und Philip Wortmann sind da geteilter Meinung.

„Smart Home ist ein schlauer Schritt Richtung Zukunft“,

meint Philip Wortmann.

Das vernetzte und smarte, also „intelligente“ Heim, soll für mehr Sicherheit sorgen, unseren Alltag in den eigenen vier Wänden komfortabler machen und gleichzeitig noch Energie sparen. Das komplett digitalisierte Heim, in dem alle Geräte automatisch miteinander kommunizieren, ist für den Otto-normal-Verbraucher schlichtweg aus Kostengründen noch Zukunftsmusik. Aber schon heute können intelligente Helfer nervige Aufgaben im Haushalt übernehmen.

Beispiel Heizung: Im Sommer ist die Heizung fast immer aus, im Winter läuft sie hingegen rund um die Uhr. In den Monaten dazwischen, geprägt von großen Temperaturschwankungen, kann Heizen zur lästigen Angelegenheit werden. Gerade hier helfen smarte Thermostate, die die Temperatur je nach Einstellung auf einem konstanten Level halten. Das ist nicht nur angenehm, sondern kann auch noch erheblich die Heizkosten senken.

Ein weiteres Beispiel sind Smart-Home-Geräte zur Überwachung. So kann per Push-Nachricht auf dem Smartphone informiert werden, wenn sich jemand an Fenster oder Türen zu schaffen macht: Ein Sensor meldet extreme Erschütterungen am Glas oder weist darauf hin, wenn Fenster oder Tür geöffnet werden. Auch Sensoren zur Feuchtigkeitsmessung können etwa vor gesundheitsschädlicher Schimmelbildung warnen.

Ein weiteres typisches Beispiel aus dem Alltag: Auf die Schnelle wird morgens vor der Uni oder der Arbeit ein Kleidungsstück gebügelt. Kurz nachdem man die Haustür hinter sich zugezogen hat und im Auto oder der Bahn sitzt, schießt einem der Gedanke durch den Kopf, ob man das Bügeleisen wirklich wieder aus der Steckdose gezogen hat. Mithilfe einer entsprechenden App auf dem Smartphone und einer intelligenten Steckdose kann ganz einfach von unterwegs der Strom abgeschaltet werden. Das spart Zeit und Nerven.

Angst vor der Datenkrake

Dass der Aufschrei von Datenschützern bei technischen Innovationen besonders laut ausfällt, ist nichts Neues. Hacker könnten die Geräte fremdsteuern oder ihre Daten auslesen. Internetkonzerne wie etwa Google sammeln systematisch Userdaten und legen Nutzerprofile an, um gezielt und effektiv Werbung schalten zu können. Manche Konzerne kennen uns vielleicht besser, als wir uns selbst. Und obwohl diese Tatsache schon lange bekannt ist, wird Google täglich millionenfach genutzt. Und das nicht nur aufgrund seiner vermeintlichen Monopolstellung so, sondern schlichtweg, weil es bequem ist.

Und ja, auch Smart-Home-Systeme sammeln Daten ihrer Nutzer. Ohne diese als Grundlage wären sie ja auch nicht „smart“. Ein Kühlschrank in einem Smart-Home-System kann nur dann auf fehlende Lebensmittel hinweisen oder diese gar nachbestellen, wenn er seinen Inhalt kennt. Kritiker der Smart-Home-Technologie weisen zudem auf die Sensorik der Geräte hin, über die theoretisch eine Überwachung der Nutzer möglich ist. Wer allerdings so argumentiert, lässt außer Acht, dass etwa 54 Millionen Deutsche täglich ein Gerät mit sich herumtragen, das bis oben hin vollgestopft ist mit Sensoren und viel mehr über uns verrät, also wohl vielen lieb ist: das Smartphone. Wieso ist es dann so dramatisch, wenn jetzt auch noch der Kühlschrank weiß, was wir gerne essen?

Junge Technologie mit großer Zukunft

Es ist unbestreitbar, dass sich die Smart-Home-Technologie auf lange Sicht durchsetzen wird. Laut einer Umfrage des Branchenverbandes bitkom können sich 46 Prozent der Befragten in Deutschland vorstellen, Haushaltsgeräte bzw. Haustechnik mit dem Smartphone zu steuern. Ein beachtlicher Wert, wenn man bedenkt, dass die Vorstellung des ersten iPhone und somit der Start der Smartphone-Ära gerade einmal zehn Jahre zurückliegt. Auch damals war die anfängliche Skepsis groß – heute sind die Mini-Computer für die Hosentasche für viele im Alltag unverzichtbar.

Sich dem technischen Fortschritt zu verweigern, ist schlichtweg rückwärtsgewandt – ebenso, wie die gesamte smarte Technologie pauschal zu dämonisieren.

„Smart Home-Anbieter verkaufen ihre Kunden für dumm“,

findet Sandra Schaftner.

Im Smart-Home-Business sind inzwischen viele große Unternehmen unterwegs, von Amazon und Google über die Telekom bis hin zu RWE, Miele und Bosch. Sie alle machen natürlich Werbung für ihre Produkte. Bosch wirbt aktuell mit einer Studie: „Smart Home: So aufgeschlossen sind die Deutschen“.

In der Bosch-Grafik über die Studie steht, dass 13 Prozent der Befragten angaben: „Der entstandene Nutzen rechtfertigt Installationsaufwand und -kosten.“ Heißt das aber nicht im Umkehrschluss, dass sich für 87 Prozent die Anschaffung nicht lohnt? Bosch wirbt also für Smart Home mit: „Von 87 Prozent nicht empfohlen.“ Klingt überzeugend, oder?

Eine smarte Tür steht Hackern offen

Außerdem sind über drei Viertel der Deutschen der Meinung, dass ihre Wohnung oder ihr Haus durch Smart Home nicht sicherer geworden ist. Laut der Mehrheit fördert Smart Home eher die Unsicherheit. Denn alle Geräte werden meist über das Internet miteinander verbunden, selbst Kameras, Lautsprecher und das Türschloss. Ein ideales Angriffsziel für Hacker also. In einem Test der ARD-Sendung „plusminus“ konnte ein IT-Experte innerhalb von einer Minute mit dem Handy ein smartes Türschloss öffnen. Mit einem Standard-Passwort konnte er auf das System zugreifen und darin einen neuen Benutzer erstellen. Laut dem Bericht würde das auch bei Tausenden anderen Geräten funktionieren. Da kann man seine Tür auch gleich offen stehen lassen.

Hacker könnten auch auf die Kameras im Smart Home zugreifen. So könnten sie die Bewohner im Schlafzimmer, Wohnzimmer und überall beobachten, wo diese Kameras installiert haben. Und nicht nur die Hacker sehen im schlimmsten Fall die Aufnahmen, sondern jeder. Manche Hacker stellen ihre besten Stücke unter dem Stichwort „IP camera trolling“ auf YouTube. In diesem Video kann zum Beispiel jeder einem Mann beim Aufwachen und Aufstehen zuschauen. Das Video hat über 80.000 Aufrufe.

Die mangelnde Sicherheit wird nicht nur zum Problem für den einzelnen Verbraucher. Hacker können aus ganz vielen Smart Home-Geräten eine Cyber-Armee bauen und damit große Firmen angreifen. Hört sich nach Science-Fiction in ferner Zukunft an? Ist aber im Oktober 2016 schon so passiert, der Guardian und andere Medien berichteten darüber. Hacker haben tausende Geräte mit einem Virus infiziert und sie zu einem Botnetz, einer Gruppe von automatisierten Schadprogrammen, zusammengeschlossen. Damit haben sie massenhaft Anfragen an die Dienste der Firma Dyn geschickt, die mit Twitter, Amazon und Spotify verbunden ist. Diese Seiten waren so zeitweise lahmgelegt.

Und wenn sich nicht einmal die Telekom und die Deutsche Bahn vor Hackerangriffen schützen können, wie sollen das dann Otto-Smart-Home-Normalverbraucher können? Die Verbraucher stehen in der Praxis noch vor anderen Problemen. Was passiert, wenn sie ihr Smartphone verlieren, mit dem sie alles im Haus steuern? Oder wenn das Internet ausfällt, über das alle Geräte miteinander verbunden sind? Wer sich dann nicht vorher um Notfallpläne gekümmert hat, sitzt im Winter in kalten Räumen oder kann die Haustür nicht mehr öffnen.

Smart Home heißt Software-Updates und Push-Nachrichten

Das smarte Zuhause erfordert also viel Planung und Organisation. Alle Geräte brauchen die richtige Software und müssen vernetzt werden. Die Bewohner müssen ihr Beleuchtungssystem einrichten und dem Kühlschrank sagen, wie viele Eier er immer vorrätig haben soll. Die Kaffeemaschine braucht regelmäßig ein Software-Update und das ganze System einen Sicherheitscheck. Ziemlich viel Aufwand dafür, dass die Nutzer von Smart Home eigentlich Zeit sparen wollen.

Die Zeit, die Bewohner in einem traditionellen Zuhause brauchen, um das Licht einzuschalten oder die Heizung aufzudrehen, verbringen sie im Smart Home am Smartphone – sie aktualisieren die Software und checken die Einstellungen. Im traditionellen Haus öffnen die Bewohner die Kühlschranktür, um die Anzahl der Eier zu zählen, im Smart Home bekommen sie eine Nachricht aufs Smartphone, wenn die Eier ausgehen. Aber brauchen sie dafür wirklich eine weitere nervige Push-Meldung oder ist nicht der Blick in den Kühlschrank einfacher?

 


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Foto: stockxchng/bizior, S. Hofschlaeger/pixelio.de, Montage: Brinkmann/Schweigmann 

Beitragsbild: Wikimedia Commons/Bretislav Valek (Own work) lizenziert nach Creative Commons

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