Das Duell: Studiengebühren abgeschafft – richtig so?

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Die einen sprechen von einer Katastrophe, die anderen feiern den Sieg der Gerechtigkeit. Die Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen werden zum Wintersemester 2011/2012 abgeschafft. Das hat der Landtag heute mit den Stimmen der Rot-Grünen Landesregierung und der Linken beschlossen. Was sich schon länger abgezeichnet hat, steht nun fest.  Seit ihrer Einführung 2006 waren die Gebühren von bis zu 500 Euro umstritten – und auch jetzt wird die Diskussion weitergehen. Denn nun stellt sich die Frage: Ist die Abschaffung richtig?


PRO CONTRA
Absolut. Zwar waren die Studiengebühren für die Universitäten eine hervorragende finanzielle Entlastung, die zusätzlich noch die Vielfältigkeit des Hochschulangebots förderte, doch haben sie den Studenten vor allem eines gebracht: Stress und Unzufriedenheit. Der Stress entstand vor allem für diejenigen, die nicht mit einem reichen Elternhaus gesegnet waren, bzw. aus, wie es so schön heißt, „bildungsfernen Schichten“ kamen.
Wer da nicht schon Jahre vorher für ein Studium gespart hat, dem fiel beim Anblick der Höhe der geforderten Beiträge alles aus dem Gesicht. Um sich den Lebensunterhalt am Studienort, Fachbücher und die halbjährlich anfallenden Studiengebühren zu leisten, musste man arbeiten – und das nicht zu knapp.
Dass darunter die Studienleistungen leiden würden, war zu erwarten. Auch die Masterplätze sind gering, der Druck steigt. Sollte das Burnout mit 24 etwa bald zu den „Abenteuern des Studiums“ dazugehören? Na hoffentlich nicht.
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Falsche Investitionen

Neben dem Frust über den Stress und die Ungerechtigkeit, der auch BAföG und NRW-Kredit nicht helfen konnten, wuchs auch die Unzufriedenheit der Studenten im Umgang mit den fragwürdigen Gebühren. Diese fanden dann und wann ihren Ausdruck in Protestaktionen.

Immer wieder waren Entscheidungen zur Verwendung der Studiengebühren nicht nachvollziehbar. Statt das Vorlesungsangebot zu erweitern oder überfüllte Kurse dank neuer Arbeitskräfte zu verkleinern, wurden sinnfreie Gebäude errichtet, Unmengen Geld in Bücheranschaffungen gepumpt, die nach einem Jahr niemand mehr braucht und vieles mehr.

Regierung übernimmt Verantwortung

Die Abschaffung der Studiengebühren entlastet und versöhnt nun den Studenten an sich und auch die Unis haben keinen Grund zur Sorge. Die Landesregierung will einen Ausgleich von 249 Millionen Euro jährlich pro Universität schaffen. Gelder die bisher aus der Tasche der Studenten kamen.
Die Landesregierung zeigt mit ihrer Durchsetzungskraft (an dieser Stelle kein Wortwitz über die Ministerpräsidentin), dass sie Verantwortung übernimmt und sich für die Förderung der Bildung in NRW einsetzt – ohne dies auf dem Rücken der Studenten auszutragen.
Bildung darf kein Privileg der „Von und Zus“ oder der Zahnarzttöchter dieser Gesellschaft sein. Dafür sorgt Rot-Grün durch eine gerechte Bildungspolitik, die durch die Abschaffung der Studiengebühren endlich konkret wird.

Nein, diese Entscheidung ist falsch. Warum? Ganz einfach, Studiengebühren verbessern die Qualität der Ausbildung an den Universitäten und Hochschulen. Nehmen wir als Beispiel die RuhrUni Bochum. Wenn jeder der rund 33.000 Studenten die Gebühren von 500 Euro zahlt, kommen wir auf Einnahmen von 16,5 Millionen Euro. Viel Geld, mit dem Bücher, Computer und Kopierer gekauft werden können.
Einige sagen auch, dass davon neue Professuren geschaffen werden können. Das ist vielleicht etwas übertrieben, denn dafür ist mehr nötig als nur eine gut bezahlte Planstelle für den Prof. Aber möglich sind mehr Lehraufträge für externe Dozenten, mehr Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter oder studentische Hilfskräfte. Und gerade hier entsteht die Qualität des Lehrangebots – denn was ist schon ein einsamer Professor ohne seine Mitarbeiter?
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Schon jetzt ist das Geld knapp

Und so sieht die Situation eben aus: An der TU Dortmund wurde – bereits in Erwartung der wegfallenden Studiengebühren – der Haushalt um zehn Prozent gekürzt. Die Auswirkungen sind an allen Fakultäten und Instituten spürbar. Seminare werden nicht mehr angeboten oder zusammengelegt, so dass die Gruppengröße schon einer Vorlesung gleich kommt.

Wenn die 500 Euro pro Semester so sehr schmerzen wie viele behaupten, dann könnte man denken, dass die Studenten mehr darauf achten, wofür das Geld ausgegeben wird. Mehr mitbestimmen wollen, mehr die Diskussion über Projekte und ihre Finanzierung suchen. Doch was passiert? Die Wahlbeteiligung bei StuPa- oder Gremienwahlen sind – nach demokratischen Maßstäben schon fast lächerlich – gering, das Interesse an Mitwirkung hält sich in Grenzen.

Kostenlose Unis sind Luxus

Den Luxus einer kostenfreien Universitätsausbildung können und wollen sich viele Länder nicht leisten. In den USA beschwert sich keiner über Studiengebühren von 15.000 Dollar pro Jahr – also umgerechnet rund 5.500 Euro pro Semester!

Und einen Nebeneffekt haben die Gebühren auch noch: Immer mehr Studenten werden in der Regelstudienzeit fertig. Da sind natürlich auch die Auswirkungen des Bachelors zu spüren. Aber ein oder zwei zusätzliche Semester machen sich dann doch deutlich im Geldbeutel bemerkbar. Stellt euch mal vor, diese Semester in den USA zu machen…

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Foto: stockxchng/ bizior, Montage: Falk Steinborn

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