Duell am Donnerstag: Hitler-Parodie als Gesellschaftskritik?

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Mit ihrem neuen Song sorgen die Berliner Rapper K.I.Z. mal wieder für Aufsehen. Der Titel: „Ich bin Adolf Hitler“. Für die Hauptrolle im Video suchte sich die Band keinen anderen, als den jüdischen Comedian und Buchautor Oliver Polak. Das Video ist ekelerregend, die Textzeilen sind anstößig. Ist das bloß perverse Provokation oder doch eine durchaus gelungene Satire über die heutigen Neo-Nazis? Niklas Dummer und Ilias Stampoulis haben da unterschiedliche Ansichten.

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Indem K.I.Z. und Oliver Polak Hitlers Sicht der Welt auf die Gegenwart projizieren und ihn als ein verblendetes Wrack darstellen, geben sie ein klares Statement ab: Gegen Neo-Nazi-Tümelei und für unsere Gesellschaft.

Ein Spießrutenlauf durch das multikulturelle Berlin

So findet sich Adolf „Hipster“ Hitler – als Repräsentant der Neo-Nazis – auf einem Spießrutenlauf durch das multikulturelle Berlin wieder. Dort rotzt, kotzt, schmarotzt, säuft und klaut er sich durch die Gegend. Er ist ungewaschen und unsicher – zumindest draußen auf der Straße. In seinem Kopf ist er der „Nazi-Gott“, der nur mit dem Finger schnipsen muss – „und du stehst plus zwei auf Schindlers-Liste“. Solche Aussagen sind makaber und menschenverachtend – aber es gibt nun mal Menschen, die so denken.

Dass K.I.Z. bei ihrer Darstellung dessen nicht ohne Effekthascherei und Obszönitäten auskommen, ist der Perspektive geschuldet: Ohne Distanz hört der Rezipient, was im Kopf des gesellschaftlich gescheiterten Hipster-Hitlers vor sich geht.

Hitler wird zurechtgestutzt

Sein Selbstbild ist unvereinbar mit seiner tatsächlich Situation: Er lebt im Dreck, hört Modern Talking und Freiwild. Ich finde dieses Bild von Hitler – vom Antifa-Sticker abknibbelnden, bemitleidenswerten, Speed schnupfenden Verlierer, der auf Einsamkeit, Masturbation und Blowjobs von Transvestiten beschränkt ist, erfrischend. Das setzt dem Mythos „Hitler“, den der SPIEGEL bis heute in pornografischer Zeigelust auf unzähligen Covern zeichnet, etwas entgegen. Hitler wird zurechtgestutzt – und mit ihm die Neo-Nazis.

Das mag diejenigen düpieren, die nach wie vor gierig jede Titel-Geschichte über den „guten Deutschen“ (SPIEGEL-Cover August 1994) im SPIEGEL aufsaugen, Hitlers Schlachten auf kleinen, detailreichen Infografiken nachvollziehen und sich ihm nahe fühlen – da sie von seinen Ehestreitigkeiten mit Eva Braun lesen. Kurz: Alle jene, die sich am Mythos Hitler laben.

Nichts zu heroisieren

Doch gerade das ist kritikwürdig: Dieser ganze Neo-Nazi-Quatsch gehört heute genau so zum Bodensatz der Gesellschaft wie der Proll, der ungewaschen durch Berlin tingelt und Wodka im Kiosk klaut. Auch wenn es für den SPIEGEL ein lukratives Geschäft ist: Da gibt es nichts zu heroisieren. Mit seinen Gedanken wäre Hitler heute ein Ausgestoßener.

Eine ermutigende Aussage

Mal abgesehen von verblendeten Groupies um die 80 – findet Hitlers Gedankengut in Berlin niemand gut – so zumindest die Aussage des Videos. Von allen anderen wird der Hipster-Hitler angespuckt, verachtet und verprügelt – all das symbolisiert, dass die heutige Gesellschaft sich gegen Nazis wehrt. Sogar orthodoxe Juden wissen sich selbst zu helfen. Das ist eine ermutigende Aussage, die für unsere Gesellschaft spricht.

Wenn der verschmockte Hipster-Hitler nach seinem Suizid an Petrus’ Tor klopft und nichts sieht als eine abweisende Hand, wird endgültig deutlich: An diesen Ideen ist nichts Gutes.

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Die Provokation um der Provokation willen: Wer genau hinhört, der erkennt nichts außer kalkulierten Tabubrüchen. Lauthals und vulgär pöbeln K.I.Z. und Oliver Polak hier herum. Keineswegs unterstelle ich der Gruppe rechte Sympathie. Aber eine gelungene Kritik ist das Lied auch nicht. Viel mehr scheint der Affront hier Vater des Gedanken gewesen zu sein.

Kritik? Fehlanzeigen!

Die Rapper von K.I.Z. sind für ihren anarchischen Stil bekannt. In überspitzter Ironie richten sie sich gegen alle und jeden. Oft pseudo-dämlich, manchmal auch scheinintellektuell. Nun also lassen sie Adolf Hitler über sich selbst rappen. Angekommen im Hier und Jetzt folgt eine Gangster-Rap-typische Selbstbeweihräucherung. Kritik im Songtext? Fehlanzeige.

Dass das ganze nur billige Effekthascherei ist, zeigt sich im inkohärenten Bild Hitlers: Warum sollte Hitler selbst „Dresden ’45“ besingen? Auch, warum er seine Gegner auf die Liste Schindlers setzt, anstatt sie von ihr zu streichen, entzieht sich mir. Hier wird anscheinend willkürlich mit emotionsgeladen Bildern herum jongliert. Aufmerksamkeit ist da gesichert.

Religionszugehörigkeit tut hier nichts zur Sache

Zu der marktschreierischen Aufmachung passt auch die Besetzung des Proll-Hitlers durch Oliver Polak. Die Motivation des jüdisches Brachial-Comedians ist ja durchaus lobenswert: Er möchte endlich das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden entkrampfen. Doch seine Zugehörigkeit zum Judentum erteilt ihm keinen Persilschein für geschmacklose Witze.

Ein Affront gegen Betroffene

Oft spielen Komiker mit den Vorurteilen ihres sozio- und ethnokulturellen Milieus. Per Persiflage halten sie der Gesellschaft einen mahnenden Spiegel vor’s Gesicht und schaffen so die Basis für ein zwangloses Miteinander. Aber wenn Kaya Yanar türkische Klischees karikiert, ist das etwas anderes, als wenn Polak an anderer Stelle die Shoah trivialisiert („Lassen Sie uns ganz unverkrampft miteinander umgehen… Ich vergesse die Sache mit dem Holocaust – und Sie verzeihen uns Michel Friedman.“) Viele seiner Gags sind geschmacklos und grob – gerade für Betroffene.

Junge Fans verstehen nicht den Sinn

Problematisch ist, dass diese Kritik gen Rechts gerade von den vielen Heranwachsenden einfach überhört wird. Sie hören nur einen taffen Bad Boy, der abfeiern kann, viele Mädchen hat und zufällig auf den Namen Adolf Hitler hört. Sie werden vielleicht das Video sehen und lachen. Das Lied aber werden sie gedankenlos nachträllern.

Die Demontage des Ikone Hitlers als übermenschliches Monster soll hier straßentauglich stattfinden. Doch sie scheitert am ziellosen „Wer-am-lautesten-bellt“ des Gangster-Raps. Ein starkes Ende des Liedes wird beim Hören einfach weggespult – „ohne Schimpfwörter? – langweilig!“

Wer sich morgen hinten in den Bus setzt, wird die 14-jährigen hören: „Ich bin Adolf Hitler.“

[youtube Ml9uZF9td7Q nolink]

das-duell-feeder Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann, Teaserfoto: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

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