Vom Pulli zum Putzlappen?

Was man selbst nichtmehr tragen möchte, gehört noch lange nicht in den Müll. Altkleidersammlungen gibt es in jeder Stadt. Sie sortieren die gespendete Kleidung und verkaufen sie anschließend. Aber was passiert mit den Sachen zwischen Spende und Verkauf? Welche Hürden muss ein Kleidungsstück nehmen, um ein Second-Hand Artikel zu werden? Um diese Frage zu beantworten gehe ich mit meinen ehemaligen Lieblingspullover zur Brockensammlung Bethel.

Beim Aufräumen merke ich: Den Pullover hatte ich Jahre nicht mehr an. Fotos: Judith Merkelt

Beim Aufräumen merke ich: Den Pullover hatte ich Jahre nicht mehr an. Fotos: Judith Merkelt

Quietsch grün und geschmückt mit Totenköpfen und Hibiskusblüten ist er. Ich habe ihn seit ich 16 bin, und er hat mich durch eine sehr bunte Punk-Zeit begleitet. Jetzt liegt der Pullover seit zwei Jahren ganz hinten in meinem Schrank. Es wird also Zeit ein neues zu Hause für ihn zu finden. Da draußen muss es doch ein anderes Teenager-Mädchen geben, dass ihn genauso lieben wird wie ich es einmal tat – so hoffe ich zumindest. Also auf nach Bielefeld, denn dort sitzt die Brockensammlung der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel.

In Bielefeld angekommen begrüßt mich Rüdiger Wormsbecher. Er ist Leiter der Brockensammlung und wird mir erklären, wie die Altkleidersammlung funktioniert. Aber halt: „Wir sagen hier Kleidersammlung, auf das „alt“ verzichten wir, das klingt abwertend“, erklärt Rüdiger Wormsbecher. Dann nimmt er meinen Pullover entgegen. So richtig begeistert sieht er nicht aus. Trotzdem – die erste Hürde übersteht er: Bei der ersten Sortier-Station werden nur offensichtlich beschädigte Dinge heraus genommen. Gerade frage ich mich, wer kaputte Sachen spendet, als eine Frau mit einem Korb voller Geschirr hereinkommt. Als die Frau zur Tür hinaus gegangen ist, bemerken die Mitarbeiter, dass eine Untertasse  eine ganz deutliche Macke hat. „Sowas können wir dann nur noch entsorgen“, meint Herr Wormsbecher kopfschüttelnd.

Second-Hand oder Putzlumpen

An höhenverstellbaren Tischen findet jeder Sortierer die richtige Arbeitshaltung. Foto: Judith Merkelt

Rüdiger Wormsbecher prüft meinen Pullover ganz genau.

Als nächstes Folge ich meinem Pullover und Herrn Wormsbecher, der schnellen Schrittes vorgeeilt ist in den Sortierraum. Hier gibt es Kleiderständer und Karren auf denen die sortierten Stücke auf ihren Bestimmungsort warten. Außerdem sind die Arbeitstische höhenverstellbar – das ist wichtig, damit jeder Mitarbeiter die richtige Arbeitsposition findet, sagt Herr Wormsbecher.

Er breitet meinen Pullover auf dem Tisch aus und prüft ihn von allen Seiten. „Nein, das geht nicht, der kann nicht mehr in den Verkauf“ ist sein erstes Urteil. Da seien ja Löcher am Rand, starke Gebrauchsspuren könne er nicht tolerieren. Ich versuche ihm vorsichtig zu erklären, dass das der „used look“ ist und ich den Pullover schon so gekauft habe. Trotzdem verstehe ich, dass beim sortieren harte Kriterien wichtig sind. Ich würde sonst auch keine beschädigte Ware kaufen, warum soll es dann bei Second-Hand in Ordnung sein? Wormsbecher ist skeptisch, nimmt den Pulli aber trotzdem mit zur nächsten Station. -Puhh, nochmal geschafft, denke ich.  Und frage mich, was wohl mit meinem Shirt geschehen wäre, wenn ich nicht hier gewesen wäre.

„Sachen, die nicht mehr tragbar sind kommen entweder in die Müllverbrennung oder werden zu Putzlappen verarbeitet“ erklärt mir Herr Wormsbecher. Putzlappen? Reinigt dann irgendwann jemand sein Klo mit meinem Pulli? Ich frage nach. Nein, so wäre das nicht, meint er. Die Putzlumpenschneider beliefern hauptsächlich große Firmen, die Packdecken oder Filze für den Straßenbau daraus machen. Es könnte aber auch sein, dass in einer Autowerkstatt damit nachher die Fahrzeuge auf Hochglanz poliert werden.

Endstation Wühltisch?

Der Pullover - ein grüner Farbklecks auf dem Wühltisch.

Mein Pullover wäre also grade an einer Karriere als Auto-Polierwerkzeug vorbeigeschlittert und käme nun in den Verkauf. Hier gäbe es verschiedene Möglichkeiten. Designerstücke und ausgewählte Einzelteile kommen in die Boutique Jasis, nun gut mein Pullover entspricht nicht ganz dem Profil „ausgewähltes Einzelstück“. Die normalen Second-Hand Kleidungsstücke werden im Brosa Shop verkauft. Hier gibt es auch immer wieder Neuware aus Restposten. Außerdem wären da noch die klassischen Wühltische, da landet mein Pullover. Aber nicht, ohne dass sich Herr Wormsbecher zuvor bei einer seiner Verkäuferinnen versichert hat, dass es den Used-Look wirklich gibt.

Im Laden fällt auf, was mir der Leiter der Brockensammlung schon vorher erzählt hat: Gespendet werden deutlich mehr Frauensachen als Männerkleidung. Männer wechselten einfach nicht sooft die Mode, er sei da auch kein Gegenbeispiel, meint Herr Wormsbecher. Mein Pullover aus der Kategorie Damenoberbekleidung gehört also zu den meistgespendeten Sachen. Auch Kindersachen werden weniger gespendet. „Für Kinderkleidung gibt es genug Flohmärkte und Basare, fast jeder Kindergarten hat so einen“ erklärt Rüdiger Wormsbecher. Gespendet wird außerdem meist Jahreszeiten versetzt. Im Sommer wird die Winterkleidung aussortiert und umgekehrt. Das kann ich nachvollziehen, auch ich habe erst angefangen meinen Schrank „auszumisten“ nachdem der Winter lange so überhaupt nicht kalt war und ich dachte ich könnte den einen oder anderen Pullover entbehren.

Andere Wege zum Ziel

Zwölf der eigenen Bethel LKW sammeln Altkleider in ganz Deutschland.

Zwölf der eigenen Bethel LKW sammeln Altkleider in ganz Deutschland.

Hätte ich meinen Pullover nicht begleiten wollen, hätte ich ihn übrigens auch bei einer Bethel-Sammelstelle abgeben oder in einen der Altkleidercontainer werfen können. Die Brockensammlung arbeitet bundesweit mit Kirchengemeinden zusammen, die die Kleiderspenden sammeln und an Bethel weitergeben. Doch die meisten gesammelten Kleider kommen gar nicht mehr nach Bielefeld: Die Brockensammlung sammelt etwa 11 000 Tonnen Kleider pro Jahr, das ist viel zu viel für die Bielefelder Second-Hand Läden. „Alles was nicht in einem Umkreis von 200 Kilometern um Bethel gesammelt wurde, verkaufen wir direkt an professionelle Sortierbetriebe“, so Wormsbecher.

Von den Sortierbetrieben gehen die Kleider dann meist nach Osteuropa. „Wir haben uns bemüht, dass unsere Kleidung vorwiegend nicht nach Afrika verkauft wird“ erklärt Herr Wormsbecher. „Das heißt ntürlich nicht, dass jetzt auch nur eine Tonne weniger Kleidung nach Afrika geschickt wird, wo wir aufhören zieht ein anderer nach, leider.“ Der Verkauf der gespendeten Kleider richtet sich streng nach den Kriterien des Altkleider Dachverbandes „FAIRwertung“, um einen möglichst transparenten und nachhaltigen Umgang mit den Gebrauchtkleidern zu gewährleisten. Der Erlös aus dem Verkauf kommt dann den diakonischen Aufgaben der von Bodelschwinghschen Stiftungen zu gute.

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4 Comments

  • Claudia Thiems-Schwing sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    jedes Jahr spende ich Kleider und Bettwäsche für Bethel. Dazu muss ich erwähnen, daß ich keine beschädigte oder zerrissenen Kleider spende. Es sind ausschließlich nur die besten Stücke, die mir entweder nicht mehr passen oder die ich nicht mehr anziehe. Und es ist schade, daß diese Kleider, die einmal sehr viel Geld gekostet haben nach Afrika geschickt werden. Auch dieses Jahr habe ich wieder gute Stücke und auch Schuhe, die noch wie neu sind für Bethel aussortiert.
    Claudia

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