Wie Statistiker ihre eigene Form der Hilfe erfanden

Vier Studenten sitzen mit Laptops an einem Tisch und unterhalten sich angeregt.

Foto: CorrelAid

Während Statistik für viele Studierende ein notwendiges Übel ist, beschäftigt sich Damon Raeis-Dana sogar in seiner Freizeit damit. Er engagiert sich bei CorrelAid, einer Initiative, die große Mengen von Daten für gemeinnützige Organisationen zugänglich machen will.

Damon Raeis-Dana studiert Statistik an der TU Dortmund und arbeitet ehrenamtlich bei CorrelAid: „Wenn man Leuten erzählt, dass man was mit Statistik studiert, klingt das relativ unsexy. Wenn man aber sagt, man könnte mit so einem Projekt einer sozialen Initiative helfen, dann bekommt das eine ganz andere Note. Man sieht sein Studium dann auch anders –  nicht nur den mathematischen Aspekt, sondern auch, dass man konkret Leuten helfen kann.“

CorrelAid ist ein Netzwerk von ehrenamtlichen Datenanalysten. Sie unterstützen Non-Profit-Organisationen, indem sie deren Daten analysieren. Gegründet wurde CorrelAid im Jahr 2015 in Konstanz. Der Gründer, Johannes Müller, wurde inspiriert von Datakind, einer ähnlichen Organisation aus den USA. „Es ist einfach so, dass Daten ein unglaubliches Potenzial haben. Wer dabei auf der Stecke bleibt, ist die Zivilgesellschaft. Da fehlt es zum einen ganz klar an Geld, aber auch an Ideen, was man mit Daten machen kann. Mit CorrelAid wollen wir das Potenzial von Daten demokratisieren. Damit das nicht den großen Konzernen oder Unternehmen vorbehalten ist, sondern auch den zivilgesellschaftlichen Organisationen nützt“, erklärt Johannes. Mittlerweile zählt das Netzwerk 443 Mitglieder und wurde im Juni sogar zur Preisverleihung von „startsozial“ – einer Auszeichung für ehrenamtliche und soziale Projekte – ins Kanzleramt eingeladen.

Statistikstudent Damon

Foto: Damon Raeis-Dana

Damon hat beispielsweise an einem Projekt mitgearbeitet, bei dem CorrelAid eine Mitgliederbefragung des Pfandfinderbundes Hamburg analysiert hat. Die Pfadfinder wollten wissen, wo und wie sie ihre Arbeit verbessern können. Eines der Ergebnisse der Auswertung: Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund im Pfadfinderbund war wesentlich kleiner als in Hamburg insgesamt. Das klingt zunächst zwar nicht besonders überraschend, doch genau dort steckt das Potenzial der Daten: Entscheidungen beruhen auf statistischen Erkenntnissen und nicht auf bloßem Bauchgefühl; das Geld kann dort eingesetzt werden, wo es am meisten gebraucht wird.

Dass er seine Statistikkenntnisse bei CorrelAid für einen guten Zweck einsetzten kann, ist Damon wichtig: „Ich habe das in Dortmund damals sehr vermisst, dass es für Statistiker relativ wenig Möglichkeiten gibt, sich zu engagieren. Die Leute, die zum Beispiel Deutsch studieren, können in Flüchtlingsheimen Deutsch als Fremdsprache unterrichten. Wenn du Statistik machst – oder generell Naturwissenschaften – ist es natürlich ein bisschen schwieriger, ein freiwilliges Engagement zu finden.“

Obwohl die Analysten bei CorrelAid ehrenamtlich arbeiten, stellen sie hohe Ansprüche an sich selbst. Aus Datenschutzgründen kommunizieren die Projektteilnehmer ausschließlich über verschlüsselte Wege und arbeiten mit verschlüsselten Festplatten. Um die fachliche Qualität der Analyse sicherzustellen, gibt es ein Review-Verfahren, bei dem erfahrene Mitglieder die fertige Analyse nochmal prüfen: Ist die Methode die richtige? Ist die Umsetzung fehlerfrei? Und ist die Interpretation der Ergebnisse plausibel?

Ein Student und eine Studentin schauen auf einen Laptop, auf dem eine Europakarte und Datenpunkte zu sehen sind.

Foto: CorrelAid

„Es ist wichtig, dass wir da unsere Arbeit gut machen und dass wir auch ehrlich sagen, wenn wir irgendwas nicht aus den Daten rauslesen können, weil Entscheidungen getroffen werden auf Basis unserer Empfehlungen. Da haben wir eine gewisse Verantwortung –  und der wollen wir gerecht werden“, erklärt CorrelAid-Gründer Johannes Müller. In einem Projekt analysierte CorrelAid beispielsweise die Mitgliederdaten des European Youth Parlaments, um herauszufinden, welche Regionen dort unterrepräsentiert sind. So kann die verantwortliche Stiftung in Zukunft gezielt diese Regionen stärker fördern, um dem Ungleichgewicht entgegenzuarbeiten.

Bis zu acht Mitglieder arbeiten im Team an einem Projekt. Dabei wird besonders darauf geachtet, dass die Gruppe nicht zu homogen ist. Denn die CorrelAid-Mitglieder kommen aus verschiedenen Fachrichtungen und haben unterschiedlich viel Erfahrung. Anfänger sollen von den Erfahrenen lernen können.

Generell könne jeder durch die Projekte bei CorrelAid einiges dazulernen, sagt Damon: „Reale Daten sind typischerweise relativ weit entfernt von dem, was man im Studium macht. Das ist schon ein großer Unterschied. Daten aufbereiten kommt im Studium gar nicht so häufig vor.“

Neben der Arbeit für die Unternehmen vernetzt CorrelAid seine Mitglieder und bietet die Möglichkeit sich weiterzubilden. In Dortmund möchte Damon zusätzlich eine Lokalgruppe etablieren. Schließlich ist Dortmund einer der wenigen Standorte in Deutschland, an denen Statistik als Studiengang angeboten wird: „Es geht auch darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was alles mit Daten möglich ist und diese Möglichkeiten auch für Leute zu eröffnen, die eigentlich nicht so viel mit Daten zu tun haben.“

 

Mehr zum Thema
  • Mehr Infos zu CorrelAid findet ihr hier
  • Wenn ihr zum Dortmunder CorrelAid-Treffen kommen wollt oder Fragen habt: damon.raeis-dana(at)tu-dortmund.de