Mindestlohn: Was die Nachbarn raten

Der eine betrachtet den französischen Mindestlohn „SMIC“ als eine symbolische Maßnahme gegen die Ungleichheit und verteidigt ihn gegen Kritik: Philippe Askenazy ist Wirtschaftsexperte am staatlichen Zentrum für Wirtschaftsforschung und ein Anhänger des Mindestlohns. Der andere beschuldigt die Lohngrenze, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehme zu belasten und die Arbeitslosigkeit zu verschlimmern: Stéphane Geyres ist Mitglied der kleinen Partei „Les Libertariens“ und Unternehmensberater.  Zwei französische Experten im Interview mit pflichtlektüre-Autor Pierre Pauma: Gegensätzliche Meinungen aus unserem Nachbarland.

Übersetzt von  Pierre Pauma

Der Befürworter : Philippe Askenazy ist Wirtschaftler und Forschungsleiter CNRS (staatliches Zentrum für Wissenschaftsforschung). Er gehört an den niedergeschmetterte Wirtschaftler, einem links Wirtschaftlerverein.

Der Befürworter: Philippe Askenazy ist Wirtschaftsexperte und Forschungsleiter des CNRS (staatliches Zentrum für Wirtschaftsforschung). Er gehört den "Economistes atterrés" an, einem linken Wirtschaftsverein (Foto: Philippe Askenazy).

Angela Merkel plant im Koalitionsvertrag mit der SPD einen Mindestlohn von 8,50 Euro. Glauben Sie, dass das in Deutschlands Interesse ist?

Philippe Askenazy: Das ist zu Deutschlands Nutzen. In den letzten Jahre haben sich die Ungleichheiten in diesem Land verschlimmert, besonders für Frauen. In den Neunzigerjahren haben liberale Länder wie Irland und Großbritannien einen Mindestlohn eingeführt. Und es zeigt sich, dass keine Studie die negativen Folgen, die alle fürchten, bestätigt hat. Die Deutschen müssen sich nicht um ihre Wettbewerbsfähigkeit sorgen.

Stéphane Geyres: Ich sehe nicht, wo der Nutzen sein soll  – außer einem politischen Nutzen. Deutschland kommt im Moment ziemlich gut davon und zeigt, dass seine wirtschafliche Lage besser ist als unsere. Obwohl nicht alles perfekt ist – das deutsche Arbeitsrecht ist in vielen Punkten verpflichtender als das französische. Aber Deutschland hat im Vergleich zu Frankreich eine geringe Arbeitslosigkeit! Was wäre also eine Begründung für den Mindestlohn, wenn nicht der politische Klientelismus ?

Was ist Ihrer Meinung nach ein gerechter Lohn?

Stéphane Geyres: Es gibt nicht den einen Betrag für einen gerechten Lohn. Er sollte das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber für jeweils die eine spezielle Arbeit sein. Aus der Perspektive des Arbeitgebers soll er nicht größer sein als die Produktivität des Arbeitnehmers. Wenn sich beide auf einen Betrag einigen, dann ist der Lohn gerecht. Aber es ist sinnlos, es so zu sehen, als gebe es eine Grenze, unter der ein Lohn unrecht wäre: der Lohn bildet immer ab, was eine Person leistet.

Philippe Askenazy: Das sollte die ganze Gesellschaft gemeinsam bestimmen. Aus wirtschaftlicher Perspektive gibt es keinen festen Begriff, was ein wirtschatflicher und sozialer Lohn sein könnte. Jeder hat zu betrachten, was er für den minimalen oder maximalen Wert der Arbeit hält. Aber den Gedanken, der Markt würde immer den richtigen Lohn ergeben, müssen wir aufgeben.

Der Gegner : Stéphane Geyre ist Fachberater im Privaktsektor. Er ist Mitglieder des Kollektivums « die unsichtbare Hand » und war Bewerber in der legislative Wahl im jahr 2013.

Der Gegner: Stéphane Geyres ist Fachberater im Privaktsektor. Er ist Mitglied des Kollektivums "Die unsichtbare Hand" und war für die Partei "Les Libertariens" Bewerber in der Parlamentswahl 2013 (Foto: Stéphane Geyres).

In Frankreich gilt der Mindestlohn für alle. Ist das ein Vorteil für die Arbeitnehmer?

Philippe Askenazy: Rund 3 Prozent der Arbeitsnehmer verdienen tatsächlich weniger als den Mindestlohn. Aber der Anteil der niedrigen Löhne in Frankreich liegt bei 10 Prozent, halb so viel wie in Deutschland. Ein Mindestlohn vermeidet vor allem die arbeitsame Armut (wenn jemand arbeitet und trotzdem weniger als 60 Prozent des Medianlohns verdient). In Deutschland und Frankreich sind hauptsächlich die Frauen die Opfer dieses Phänomens.

(Fact-Checking der Redaktion : Gemäß Eurostat lag die Armutsrate bei der werktätigen Bevölkerung bei 8 Prozent in Frankreich und bei 7,8 Prozent in Deutschland. Laut OECD stimmt es allerdings, dass der Mindestlohn die Ungleichheit reduziert).

Stéphane Geyres: Im Gegenteil! Sagen wir, es gebe drei Kategorien von Arbeitnehmern gemäß ihrem Lohnniveau im Arbeitsmarkt. Diejenigen, die noch gar keinen Lohn haben, wie die jungen Absolventen. Dann gibt es diejenigen, die kaum den Mindestlohn und diejenigen, die viel mehr als den verdienen. Letztere werden von ihren Fähigkeiten geschützt und sind nicht betroffen. Aber die Arbeitnehmer, die weniger verdienen, sind eher bedroht denn geschützt: ihr Lohn und der Mindetslohn steigen nicht gleichtzeitig und sie kriegen so im Verhältnis einen schwächeren Lohn – steigt der Mindestlohn, steigt nicht automatisch auch ihr Lohn. Und die jungen Absolventen, deren Produktivität zu schwach ist im Bezug zum Mindestlohn – bei ihnen ist der Mindestlohn ein echtes Hemmnis bei einer Einstellung.

Sollte der Mindestlohn in Frankreich geändert werden?

Stéphane Geyres: Man sollte ihn absenken oder sogar aufgeben! Das Ziel ist nicht, Arbeitnehmer abzuwerten, im Gegenteil: Es wäre die Möglichkeit, den Arbeitnehmern Arbeit zu geben. Im Gegensatz zur gemeinen Meinung sage ich: ein Absenken der Löhne könnte auch die Arbeitslosigkeit senken.

Philippe Askenazy: Das ist eine politische Entscheidung. Seit 2007 steigt der Mindestlohn nicht mehr als die Inflation. Demnach werden die niedriegen Löhne abgehängt. Aber die französiche Regierung kann nicht gleichzeitig die Arbeitskosten senken und den Mindestlohn erhöhen. Noch dazu gibt es in Frankreich nur 4  Prozent Arbeitnehmer, die das strenge Minimum verdienen. So hätte die Erhöhung dieses Minimums keinen großen Einfluss auf die Kaufkraft. Dagegen sind viele Befreiungen für die Unternehmen an den SMIC angebunden. So würde paradoxerweise eine Erhöhung des Mindestlohns die Arbeitskosten senken. Aber das würde auch die Schulden des Staates verschlimmern.

Stellen wir uns vor, es gäbe einen europäischen Mindestlohn. Würde der dann nicht das Wachstum ankurbeln, allein durch die Stimulation der Nachfrage?

Stéphane Geyres: (lacht) Man glaubt noch, dass Keynesianismus klappt, 80 Jahre allgemeine Theorie später ! Man glaubt noch, die Wirtschaft funktioniert, wenn man konsumiert, bevor man produziert! Wenn sie als Haushalt Geld ausgeben würden, bevor sie es verdient hätten, wären sie ruiniert. Zuerst muss man produzieren – und dafür die Herstellungsbedigungen für Unternehmen erleichtern. Wenn die Herstellung und die Produktivität angestiegen sind, kommt natürlich die Erhöhung der Löhne.

Philippe Askenazy: Europaweit hat das Etui (European Trade Union Institut) festgestellt, dass die Mehrheit der Arbeitnehmer von sozialen Mindeststandards geschützt wurden. Und die meisten seien auch schon nahe an der europäischen Medianlohnshälfte. So würde eine solche Maßnahme eher symbolisch als wirtschaftlich sein, denn tatsächlich existiert schon eine Art europäischer Mindestlohn. Ein Mindestlohn sollte nicht als ein wirtschaftliches Werkzeug, sondern als ein Mittel begriffen werden,  die Ungleichheiten zu schrumpfen und das soziale Europa aufzubauen.