Ist das Kunst, oder kann das weg?

Fotos: flickr.com/Timothy Takemoto/epSos.de/Marc Patzwald, Montage: Marc Patzwald

Fotos: flickr.com/Timothy Takemoto/epSos.de/Marc Patzwald, Montage: Marc Patzwald

Ein Kommentar von Katja Vossenberg

Die Putzfrau dachte sich wahrscheinlich nichts besonderes. Da war halt dieser Kalkfleck. Das sieht ja auch nicht schön aus. Kurzerhand wischte sie ihn einfach weg. Ohne zu wissen, dass sie gerade einen Schaden von 800.000 Euro angerichtet hat. Der Kalkfleck gehörte nämlich zum Kunstwerk „Wenns anfängt durch die Decke zu tropfen“ von Martin Kippenberger.

Der Schöpfer der Fettecke: Joseph Beuys. Foto: flickr/cea

Der Schöpfer der Fettecke: Joseph Beuys. Foto: flickr/cea

Die Geschichte aus dem Dortmunder U ist bekannt. Sie ist aber bestimmt kein Einzelfall: Da war zum Beispiel auch die „Fettecke“ von Joseph Beuys. Fünf Kilo Butter in einer Ecke – der Hausmeister nahm sich dieser vermeintlichen Verschmutzung an. Oder der Müllsack mit Zeitungen und Pappe drin, der im London Tate Britian vor einem abstrakten Bild stand. Das war nicht einfach nur Müll, sondern gehörte zum Werk von Gustav Metzger dazu. Es sollte die Vergänglichkeit von Kunst darstellen – wie passend, dass die Putzfrau den Sack einfach wegräumte.

Kunst will provozieren, wachrütteln, Missstände zeigen: Aber geht das wirklich mit Kalkflecken, fünf Kilo Butter oder einem Sack voll Papiermüll? Eher nicht.

Auch das kann Gesellschaftskritik sein: der Gugelhupf. Foto: flickr/kochtopf

Auch das kann Gesellschaftskritik sein: der Gugelhupf. Foto: flickr/kochtopf

Fäkalien in Dosen

Die Kunst vergisst dabei nämlich eines: Sie hat Betrachter. Und ich als Betrachter fühle mich so einfach nicht ernst genommen. Ein Beispiel: Konzeptkünstler Piero Manzoni verkaufte in den 60er Jahren seine eigenen Fäkalien in Dosen. 30 Gramm feinste „Künstlerscheiße“ – so wirklich der Titel. Das Ganze zum Preis von 30 Gramm Gold. Heutzutage würde man dafür also knapp 400 Euro für die „Künstlerscheiße“ bezahlen.

Klar, Manzoni will kritisieren, dass in der Kunst viel zu Gold gemacht wird, was es nicht wert ist. Und auch Manzoni hat es geschafft: seine „Künstlerscheiße“ wurde im Jahr 2008 für 124.000 Euro versteigert. Aber ist gerade das das richtige Mittel? Im Grunde genommen lässt er sich seine ach so tolle Kritik doch genauso versilbern, wie alle anderen Künstler das auch tun.

Kuchen der Kritik

Oder auch: Der Gugelhupf von Kunststudent Peter Schloss, der die Gesellschaft kritisieren soll. Ein schlichter Kuchen, ein Messer, Zitate von John Rawls. Wer würde nicht darauf kommen, dass Schloss die ungerechte Güterverteilung in der Welt kritisieren will. Und wer weiß: Wenn ich meinen nächsten Kuchen in den Ofen schiebe, vielleicht finde ich ja auch ein dankbares Kunstmuseum als Abnehmer.

Man kann mir jetzt natürlich vorwerfen, dass ich nichts von Kunst verstehe. Und ich bin bestimmt auch keine Kunstexpertin. Aber Kunst sollte doch auch nicht nur für Experten sein. Immerhin komme auch ich mit Kunst in Kontakt und auch ich als Nicht-Künstler würde gerne etwas davon haben. Es wäre schön, auch in Zukunft ohne Audio-Guide im Kunstmuseum zurecht kommen zu können. Und auch nach einem Museumsbesuch würde ich gerne mehr mitnehmen als reines Unverständnis.

Zurecht kann man da die Frage stellen: Ist das Kunst, oder kann das weg?

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3 Comments

  • Katja sagt:

    Ich verstehe deine Kritik auf jeden Fall.
    Aber ich denke, du hast mich ein bisschen falsch verstanden. Ich will ja nicht nur verständliche Kunst. Ich will auch nicht nur aufwendige Gemälde sehen. Ich würde einfach gerne Kunst sehen, bei der ich auch das Gefühl habe, dass das Kunst ist. Bei den Beispielen aus meinem Text habe ich das einfach nicht.

    Dazu kommt dann noch das Gefühl, dass ich beim Betrachten der Kunst habe. Meistens denkt man doch als erstes: „Das kann ich aber auch.“ Bei dem alten Ölschinken habe ich das nicht so.

    Die Frage, was gute Kunst ist und was schlechte, will ich gar nicht beantworten. Das kann ich auch gar nicht, schließlich studiere ich Journalistik und nicht Kunst oder so was. Ich habe nur ein Problem mit Gugelhupfen, die mir als Kunst verkauft werden sollen.

  • Philipp sagt:

    Ich verstehe, dass du dir komisch vor kommst in ein Museum zu gehen und ohne neue Erkenntnis heraus zu gehen – gar mit Verwirrung und der Frage, was das überhaupt soll?
    Aber was ist denn nun „verständliche Kunst“? Wieso genau wirkt es komisch, eine Dreckecke als Kunst zu schätzen, während wir diese Frage bei einem uralten Bild gar nicht erst stellen würden? Warum sollte eine Mona Lisa mehr Kunst sein als Bretter über einem Eimer? Im Grunde ist auch die Mona Lisa nur ein Portrait, gepinselt von einem Maler, dessen künstlerische Fähigkeiten auch nicht übernatürlich waren. Warum sollte also jenes Bild wertvoller und künstlerisch beachtenswerter sein als die Karikatur, die du in der Vorlesung vom Professor malst?
    Der Unterschied liegt schlichtweg darin, dass sich für deine Karikatur niemand interessiert, während sich Leute stundenlang anstellen um einen Blick auf ein Portrait zu werfen. Als BWL Student kann ich da wohl nur die altbekannte Formel von Angebot und Nachfrage auftischen.
    Aber eine Antwort auf die Frage, was ist gute Kunst, was ist schlechte Kunst und was darf überhaupt Kunst sein, wird wohl ewig im Auge des Betrachters liegen. Ob man nun Kunstexperte ist oder Laie – dem einen gefällt’s, dem anderen nicht. Und ich glaube kaum, dass ein Kunstexperte ohne Hintergrundwissen (oder Audioguide) jedes Kunstwerk verstehen würde 😉

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