Sollte der Organspendeausweis in Deutschland Pflicht werden?

Duell am Donnerstag

Überall auf der Welt fehlt es an Spenderorganen. Um den Mangel zu beheben, soll in Großbritannien die Entscheidung für oder gegen die Organspende an den Führerscheinantrag gekoppelt werden. Der Grund: Nach Angaben des britischen Transplantationsdienstes sind 90 Prozent der Briten zu Organspenden bereit, aber nur 27 Prozent als Spender registriert. Ähnlich ist es in Deutschland: Laut einer Forsa-Umfrage der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung würden über zwei Drittel der Deutschen einer Entnahme ihrer Organe nach dem Tod zustimmen. Aber nur zwölf Prozent besitzen einen Spenderausweis. Sollte der Organspendeausweis in Deutschland Pflicht werden?

PRO CONTRA
Ja, sollte er. Denn was ist schon dabei, sich fünf Minuten Zeit zu nehmen und den kleinen blau-orangen Zettel auszufüllen? Was ist schon dabei, sich einen Moment darüber Gedanken zu machen, ob man nicht einem Mitmenschen das Leben retten möchte, wenn dieses für einen selbst tragischerweise vorbei sein sollte? Was ist schon dabei, eine Wahl zu treffen und damit den Menschen, die einem nahe stehen, diese Entscheidung nicht aufzubürden?

Der Tod – ein Tabuthema

Wir setzen uns nicht gerne mit dem Tod auseinander. Klar, wer möchte schon jetzt darüber nachdenken, was passiert, wenn er einmal stirbt? Der Tod und das Danach ist ein schwieriges Thema, nichts für den nachmittäglichen Plausch mit den Freunden, nichts für das Gespräch beim Abendbrot mit den Eltern oder dem Partner. Machen wir uns nichts vor: Irgendwann müssen wir sterben und nicht selten kommt der Tod plötzlich, unerwartet und früher als gedacht.

Wie hätte der Tote entschieden?

Die Frage ist doch ganz einfach: Weißt du – jetzt, in diesem Moment – ob deine Eltern, Geschwister oder dein Partner ihre Organe spenden wollen? Weißt du, ob sie einen Organspendeausweis besitzen und was sie eingetragen haben? Die Pflicht, einen Organspendeausweis auszufüllen, würde den Verwandten im Todesfall die Entscheidung abnehmen – dann, wenn sie schon die schwersten Stunden durchleben, weil sie einen geliebten Menschen verloren haben. Und auch für uns selbst ist der Organspendeausweis eine Sicherheit – ein letzter, festgeschriebener Wille, was mit dem eigenen Körper nach dem Tod passieren darf und was nicht.

Ausweispflicht ist Zustimmungsregelung

Der Wille zur Organspende ist dabei nicht – einmal kundgetan – in Stein gemeisselt und fortan unveränderbar. Den Zettel einfach zerreissen, einen neuen Ausweis ausfüllen. Völlig unbürokratisch. Mit der Ausweispflicht können wir auch nicht zu „Opfern“ unseres Schweigens werden, wie die Bevölkerung in Spanien, Österreich oder Belgien. Dort gilt die Widerspruchsregelung: Wer der Entnahme seiner Organe nicht widerspricht, ist automatisch Spender.

Es geht nicht um „Ja“ oder „Nein“

Hier geht es nicht darum, ob es eine Organspendepflicht geben soll. Die Frage ist vielmehr, ob die Menschen zu Lebzeiten eine Entscheidung treffen und auf Papier festhalten sollen. Sie sollten. Letztlich ist es doch nur ein Häkchen und eine Unterschrift – und die Sache ist erledigt.

Nein, sollte er nicht. Ich bin dagegen, dass der Organspendeausweis zur Pflicht wird. Nicht, weil ich etwas gegen die Organspende habe. Im Gegenteil, viele Menschen können nur mit einem neuen Organ gerettet werden. Was mich daran stört ist die Pflicht, denn in unserer Gesellschaft herrscht immer noch der Grundsatz der Selbstbestimmung.

Organisatorisch extrem kompliziert

Dazu gibt es zu viele praktische Probleme: Wo wird die Entscheidung für oder gegen die Organspende dokumentiert? Auf dem Führerschein, wie es gerade die englische Regierung vorgeschlagen hat? Oder wie beim derzeitigen Spenderausweis auf einem farbig bedruckten Stück Papier? Beides ist sicher nicht optimal. Zum einen besitzen nicht alle Bundesbürger einen Führerschein. Und selbst bei denen, die einen besitzen, gibt es noch offene Fragen: Ab welchem Lebensjahr kann man eine solche Entscheidung wirklich vernünftig und überlegt treffen? Darf der Staat einen 18-jährigen Fahranfänger vor so eine Wahl stellen? Und wer seine Entscheidung im Laufe der Zeit ändert, der darf dann jedes Mal einen neuen Führerschein beantragen? Nach einer guten Lösung klingt das nicht.

Eine Ausweispflicht kann nicht die Lösung sein

Bleibt der Papierausweis. Einfach zu handhaben, von jedem auf die Schnelle leicht auszufüllen. Doch auch hier hat die Sache einen Haken. Angenommen ich habe aufgrund meiner Überzeugung entschieden, meine Organe zu spenden, doch ich habe meinen Ausweis nicht immer dabei. Wenn ich einen Unfall habe, dann weiß niemand, ob ich spenden will oder nicht. Und wo der Ausweis ist, kann dann auch nur schwer ermittelt werden. Kein Konzept, das wirklich überzeugt.

Und wenn es schon eine staatlich auferlegte Pflicht ist, diese Entscheidung zu treffen, dann müsste es auch dementsprechende Kontrollen geben. Ohne diese wäre eine Pflicht sinnlos, es würde sich an der Situation wenig ändern. Viel Aufwand und hohe Kosten, die besser anders für die Organspende ausgegeben werden könnten. Doch für was?

Was kann dann die Lösung sein?

Viele Studien belegen, dass 67 Prozent der Deutschen die Organspende grundsätzlich gut finden. Trotzdem hat nur ein kleiner Teil davon einen Spenderausweis in der Tasche. Das heißt die Bereitschaft ist da, nur dazu aufraffen kann sich keiner. Und um das zu beheben braucht es einfach nur Werbung, Überzeugungsarbeit und Aufklärung, um die letzten Zweifel zu zerstreuen.



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