Das Duell: Last Minute ins Praktikum?

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Das ganze Semester hören wir Vorlesungen, besuchen Seminare, schreiben Hausarbeiten und büffeln für Klausuren – um dann in den Semesterferien noch schnell ein Praktikum zu absolvieren? Sollen wir uns in letzter Minute noch einen Platz organisieren, um der ganzen Theorie für einen Moment zu entkommen? Oder dem Druck standhalten und auf ein Aufhübschen des Lebenslaufes verzichten?

PRO CONTRA
Grau ist alle Theorie. Um aus diesem Grauen zu entkommen, wäre mir fast alles recht. Deshalb plädiere ich dafür, die Semesterferien für externe Praktika zu nutzen, auch für solche, die man kurz vor knapp noch ergattert hat.

Was wir für Klausuren oder Hausarbeiten erarbeiten, was wir in Vorlesungen und Seminaren lernen, sind erst einmal nur Zahlen, Formeln, Sätze und Zusammenhänge. Wir lernen keine Tätigkeiten, wenig Teamwork oder Soft Skills.

Die universitäre Parallelwirklichkeit

Selbst die praktischen Anteile, die jedes Studium inzwischen hat, finden im geschützten Raum statt. Die erarbeiteten „Werkstücke“ müssen sich nicht an dem messen, was auf dem freien Markt angeboten wird. Unsere „Innovationen“ können nur so genannt werden, weil sie in der Parallelwirklichkeit des universitären Umfelds als neu erachtet werden.

Konkret: Der Student der Architektur plant futuristische Häuser, die nie gebaut werden, der Journalistik-Student schreibt für Publikationen, die nur wenige lesen, der Informatik-Student tüftelt an einem Algorithmus, den Microsoft schon vor ihm perfektioniert hat.

Reibung an der Praxis

Wir lernen heute über eine lange Periode unseres Lebens. Mancher hockt noch mit 30 in der Theoriefalle. Es ist nichts dagegen zu sagen, dass wir lange lernen. Der Praxisabgleich ist jedoch nötig.

Ich glaube, dass wir nicht „Generation Praktikum“ genannt werden, weil wir zwanghaft unseren Lebenslauf mit Praktika aufbessern wollen oder gar müssen. Ich glaube, eine andere Motivation steckt hinter den vielen Praktika: Die Hände und den Kopf an der außeruniversitären Wirklichkeit zu messen, das Gelernte anzuwenden, die Theorie an der Praxis reiben zu lassen. Wir wollen Praxis, weil wir soviel Theorie intus haben.

In der Theoriefalle

Da wir hohe Studiengebühren zahlen und uns irgendwie über Wasser halten müssen, wäre es natürlich wichtig, dass die Praktika auch bezahlt werden. Wir sollten davon profitieren, was wir in der Praxis erarbeiten – auch, wenn es nur ein guter Kaffee ist. Der Lehrling wird ja auch schon im ersten Lehrjahr für seine Arbeit bezahlt.

Aber ich verstehe auch denjenigen, der so verzweifelt der Theoriefalle zu entkommen versucht, dass er sich mit einer „Aufwandsentschädigung“ zufrieden gibt oder auf eine Bezahlung für sein Praktikum ganz verzichtet. Auch verstehe ich denjenigen, der nicht ein ganzes Jahr im voraus planen kann, um das Praktikum seines Lebens zu ergattern. Nehmt was ihr kriegen könnt, und entkommt so der Theoriefalle.

Du hast noch kein Praktikum für die vorlesungsfreie Zeit? Und vor dem letzten Semester hast Du auch keins gemacht? Manche Deiner Kommilitonen aber können ihre Praktika der letzten Jahre ohne nachzuschauen gar nicht mehr aufzählen? Dann gerate bloß nicht in Panik. Lass die Finger von Angeboten für „Last-Minute-Praktika“. Bewahre die Ruhe, denn Praktika sind nicht alles. Auch wenn mancher Dir das weismachen will.

Ausbildung in der praktischen Arbeit

Generell ist gegen Praktika nichts einzuwenden, solange sie auf die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes abzielen. „Ausbildung in der praktischen Arbeit als Teil des Studiums“, so definiert es das Wörterbuch von wissen.de. Das Praktikum als praktischer Teil des Hochschul-Studiums. Darunter kann nicht nur ein Pflicht-Praktikum im Rahmen des Studiengangs fallen, sondern auch alles, was zum späteren beruflichen Tätigkeitsfeld gehört. Vereinfacht gesagt: Wer später Bauingenieur werden will, macht ein Praktikum in einem Ingenieurs-Büro, Pädagogik-Studenten in einem Weiterbildungs-Institut.

Ein Praktikant ist kein Arbeitnehmer

Im Praktikum sollen theoretische Kenntnisse eine Anwendung in der Praxis finden. Neues Wissen soll hinzukommen. Doch die Realität sieht oft anders aus. „Nach deutscher Rechtsprechung (…) sind Praktikanten keine Arbeitnehmer. Es kann jedoch sein, dass ein als Praktikum bezeichnetes Dienstverhältnis entgegen der Bezeichnung in der Realität ein Arbeitsvertrag ist“, heißt es im Eintrag zu „Praktikum“ bei Wikipedia. Oft werden Praktikanten ausgenutzt, müssen alle Aufgaben eines Festangestellten übernehmen, besonders hart arbeiten. Oder aber das Gegenteil: der Praktikant bekommt nichts zu tun, muss höchstens noch Kaffee kochen. Beides kann erträglich sein, wenn wenigstens der Verdienst stimmt. Doch oft springt nur ein Hungerlohn (Stichwort „Aufwandsentschädigung“) dabei heraus.

Ehrliche Arbeit statt großes Stottern

Die „Generation Praktikum“ wurde in den letzten Jahren bereits breit thematisiert. Gefahren beim Praktikum lassen sich nur umgehen, wenn es von langer Hand geplant wird. Wenn das Praktikum zum späteren Berufsbild des Studenten passt. Wenn die Tätigkeiten im Vorfeld umfangreich abgesprochen wurden. Wenn Student und Unternehmen wissen, worauf sie sich einlassen. Bei einem „Last-Minute-Praktikum“ ist das alles nicht der Fall. Und auch wer mit einem Praktikum nur seinen Lebenslauf aufhübschen will, ohne Interesse an der Tätigkeit, wird damit in den meisten Fällen reinfallen.

Wer in der vorlesungsfreien Zeit dagegen dringend Geld verdienen muss, der sollte lieber eine Aushilfstätigkeit anstreben. Kassieren oder Kellnern bringt in manchen Fällen auch mehr Geld ein, als ein Praktikum. Und solche „ehrliche Arbeit“ im Lebenslauf kommt bei Arbeitgebern später garantiert besser an, als wenn auf Nachfragen zu früheren Praktika das große Stottern einsetzt.

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Foto: stockxchng/ bizior, Montage: Falk Steinborn

1 Comment

  • Peter sagt:

    Toll geschrieben! Ich bin echt ein Fan von euren „Duellen“. Ich selbst habe mich in meinen für diese Semesterferien FÜR ein Praktikum entschieden :-). Kleiner Tipp vielleicht noch: über eure Seite bin ich davor auf http://www.prakti-test.de aufmerksam geworden. Die Erfahrungen früherer Praktikanten haben mir bei der Suche echt gut weitergeholfen – toller Tipp von euch!

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