Duell: Polit-Talks – alles nur Blabla?

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Jauch, Plasberg, Illner, Beckmann: Noch nie wurde im deutschen Fernsehen so viel geredet wie heute. Jetzt kommt sogar Stefan Raab mit einem Polit-Talk um die Ecke. Brauchen wir das wirklich oder ist die Talkshow-Flut nur noch nervig?

pro contra
Der Wahnsinn hat Methode: Im allwöchentlichen Mix aus pseudo-provokanten Einspielvideos, noch pseudo-provokanteren Fragen und – ja, richtig – ebenso pseudo-provokanten Antworten werden bei Plasberg, Illner, Jauch & Co die großen Fragen der Gesellschaft diskutiert. In manchen Shows gehört noch der „Publikumsgast“ dazu, ein ausgewählter Normalo, der – am besten unter Tränen – seine Leidensgeschichte erzählt und die Mächtigen auf dem immer gleich aussehenden Podium angreift.

Erzählopas und Populisten

Überhaupt, das immer gleich aussehende Podium: Nicht nur, dass sich die Stühle ähneln. Auch die, die sie besetzen, sind immer die Selben. Keine Woche vergeht im deutschen Fernsehen ohne Arnulf Baring, Heiner Geißler, Peter Scholl-Latour, Norbert Blüm und andere Scheintote. Die Gallionsfigur dieser Spezies ist Über-Kanzler Helmut Schmidt. Der weiß nämlich alles – und natürlich alles besser. Der Erkenntnisgewinn solcher Laberstunden ist gleich Null.

Ein weiteres Muss ist Alice Schwarzer, zwar jünger, aber genauso ewiggestrig wie die Erzählopas von oben. Ihre Lösung für alle Probleme: Mehr Weiblichkeit in der Gesellschaft, weg mit den bösen Männern! Und für Populisten wie Thilo Sarrazin sind Jauch & Co eine willkommene Bühne.

Stierkampf-Arenen der Mediokratie

Talkshows bieten ihrem Publikum eine emotionalisierte Politik, die Möglichkeit, Politiker in direkter Konfrontation zu erleben. In Zeiten allgemeiner Politikverdrossenheit mag das erfreulich sein. Aber mal ehrlich: Ist das Talkshow-Business nicht ähnlich festgefahren und starr geworden wie die Institutionen der Politik? Was vor zehn Jahren noch innovativ gewesen sein mag, verblasst heute. Die ewig gleichen Köpfe diskutieren die ewig gleichen Themen.

Polit-Talks sind die Stierkampf-Arenen der Mediokratie. Es wird publikumswirksam gestritten und gequatscht, bekriegt oder verbündet. Aber ändert das die Politik? Sicher nicht. Polit-Talks skandalisieren. Sie reduzieren politische und gesellschaftliche Probleme auf Allgemeinplätze, pauschale Aussagen und den Selbstdarstellungs-Drang ihrer Protagonisten. Politiker machen in den Shows ebenso viele haltlose Versprechen wie außerhalb. Nicht „Talk“ sollten diese Sendungen heißen, sondern „Babble“, Geschwätz. Wer ernsthafte, konstruktive Diskussionen erwartet, wird enttäuscht.

Qualität statt Quantität

Eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit dringlichen Fragen findet hier nicht statt. Klar, es kann nicht die Aufgabe des Fernsehens sein, politische Probleme zu lösen. Aber ein wenig mehr Ernst jenseits von Selbstinszenierung und Quoten- beziehungsweise Wählerstimmendruck wäre angebracht. Deutschlands größte Quasselbude ist nicht der Bundestag, sondern die Illner-Maischberger-Jauch-Will-Plasberg-Beckmann-Fraktion.

Lassen wir das ZDF mal raus: Einmal die Woche „Berlin Mitte“ ist gerade noch erträglich. Aber fünf Polittalks pro Sender und Woche braucht niemand. Also, liebe ARD, weniger ist mehr! Damit tätet ihr auch euren Dauergästen einen Gefallen. Die hätten dann endlich wieder Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Und die freigewordenen Sendeplätze könntet ihr mit den tollen Doku-Formaten auffüllen, die ihr immer tiefer ins Nachtprogramm verbannt habt!

Norbert Lammert mag keine Talkshows. Kein Wunder: Wer als Bundestagspräsident die größte Quasselbude der Republik moderiert, der kann keine Konkurrenz gebrauchen. Debatten und Diskussionen, das sieht jeder, der Herrn Lammert an seinem Arbeitsplatz besucht, sind ein unverzichtbarer Teil jeder Demokratie. Ein Teil, der die breite Bevölkerung allerdings relativ kalt lässt, wenn Phoenix die fünfte Debatte über die Beschlussvorlage zum Nichtraucherschutz überträgt.

Syrien im Wohnzimmer

Ganz anders sieht das aus, wenn Illner, Jauch und Co. den Streit aus dem Plenarsaal abends noch einmal in die Wohnzimmer bringen: Dann schaltet das angeblich so politikverdrossene Publikum ein – und zwar in solcher Menge, dass die ARD gleich fünfmal pro Woche zum abendlichen Politplausch lädt. Mit schwankendem Erkenntnisgewinn, da mögen die Kritiker recht haben.

Aber mal ehrlich: Ist es nicht gut, wenn politische Streitfragen überhaupt noch im Fernsehen stattfinden? Was in Syrien oder Afghanistan passiert, erleben wir in drei Minuten in den Nachrichten, wenn es gut läuft, noch in ein, zwei Magazin-Beiträgen. Eurokrise? Will kein Mensch mehr hören. Rentenreform? Viel zu abstrakt.

Raus aus der Komfortzone

In Talkshows hingegen bleibt der Zuschauer auch dort dabei, wo er in der Zeitung lieber weiterblättert. Vielleicht auch wegen des schönen Streit-Spektakels, das er dort geboten bekommt. Aber auch, weil das Format die Gäste zwingt, ihre Komfortzone aus wohlformulierten Pressestatements und Regierungserklärungen zu verlassen, in der sich jede Gedankenlücke mit unverständlichem Bürokratendeutsch übertünchen lässt.

Dass viele sich unter diesen Bedingungen nur noch hinter Phrasen und Stammtischparolen ducken können, zeigt dem Zuschauer, wer für seine Meinung wirklich Argumente hat. Oft sind es eben nicht die geltungssüchtigen Dauergäste, die sich seit Jahren ein erbittertes Duell im Talkshow-Couchsurfing liefern.

Gute Politsatire

Doch selbst wenn ein Gast wirklich nur verbale Hafergrütze produziert, erfüllt er immerhin einen Zweck: Gute Politsatire ist im Fernsehen Mangelware – da muss man für jeden dankbar sein, der die Sendezeit nutzt, um sich selbst lächerlich zu machen. Immerhin: Wenn Bischof Overbeck bei Anne Will zum Thema Homosexualität doziert, illustriert das den überbordenden Reformeifer der katholischen Kirche besser als fünf Sonntagspredigten. Ohne ihren Auftritt bei Johannes B. Kerner hätten wir Eva Hermans unkonventionelle Ansichten zum Dritten Reich vielleicht längst vergessen.

Talkshows helfen uns, nicht nur im eigenen Meinungssaft zu schmoren. Während wir in der Kneipe lieber bei denen sitzen, die ohnehin unserer Ansicht sind, sucht das Fernsehen die Konfrontation. So hören wir plötzlich Menschen zu, bei denen wir im echten Leben sofort auf Durchzug schalten und merken manchmal, dass wir den einen oder anderen völlig zu Unrecht als Vollpfosten abgekanzelt haben. Oder auch nicht.

Politik statt Popstars

Wenn erst Stefan Raab kommen muss, damit wir über Altersarmut oder Integration nachdenken, dann mag das traurig sein. Trotzdem könnte es dafür sorgen, dass ein Publikum, das sonst eher die Wok-WM oder Popstars einschaltet, überhaupt mit diesen Themen in Berührung kommt. Denn mal ehrlich: Die Programm-Alternative heißt in dem Fall nicht „Phoenix“, sondern „Frauentausch“.

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Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann, Teaserfoto: Jörg Sabel/pixelio.de

5 Comments

  • Auf These und Gegenthese folgt (meist) Synthese. Ein Allgemeinplatz mag man denken. Doch hier kommt er vortrefflich zur Anwendung. Gibt es zu viele Talkshows? Hand auf´s Herz! Private wie Öffentliche produzieren weit mehr anderen Müll. Da sind selbst die vorhandenen Talkshows ein Gewinn. Und es gibt durchaus Talkformate, die sich formal wie inhaltlich lohnen: ZDFneo „LogIn“ oder ZDFkultur „Roche und Böhmermann“ seien da erwähnt. Zu beklagen ist weniger der Umstand, dass es Talkformate gibt bzw. sogar deren Anzahl, sondern vielmehr die Qualität derselben. Ja Dominic, die ARD tät gut daran, die Zahl ihrer Talkshows zu reduzieren und dafür die Qualität (bei Moderatoren und Gästen) anzuheben, aber im Mainstream (Sender und Zeitpunkt der Ausstrahlung) muss man auch an die Rezipienten denken. Deren Horizont ist oftmals recht schlicht strukturiert. Da darf es nicht wundern, dass kreative, innovative und provokative Formate „zunächst“ in den Nischenkanälen ausprobiert werden. Und Jana, gab es nicht mit Blick auf Stuttgart21 einen enormen Hype, als ausgerechnet Heiner Geissler eine Meute von Interessenvertretern zu domestizieren versuchte? In einer Fernsehdemokratur kann man es nicht Allen gleichermassen recht machen. Mein Fazit: Dass es Talkformate gibt ist gut und wichtig. Dass man, und zwar stets, an deren Qualität feilen sollte, müsste selbstverständlich sein. Aber da gibt es im aktuellen Programmgefüge Produkte, die eher ein Pro und Contra verdient hätten, beispielsweise der Hype um all die Casting-Shows!

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