Duell: Soll Deutschland Flagge zeigen?

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Heute Abend spielt die deutsche Nationalmannschaft gegen Italien um den Einzug in das EM-Finale. Und es werden wieder Millionen Deutsche ihre Fahnen herausholen, sich schminken, ihr Trikot anziehen. Doch soll oder muss der deutsche Fan sogar aus Sympathiebekundung Flagge zeigen?

pro
contra

Die deutsche Mannschaft als Europameister 2012: Das ist der Traum eines jeden Fußballfans. Und nicht nur das. Fahnen und Flaggen wehen an Autos die deutschen Straßen entlang, Fenster sind geschmückt mit schwarz-rot-gold. Eine ganze Nation fiebert in diesen Stunden dem Halbfinale der EM entgegen.

Und wieder einmal stellt sich die Frage: Sollten wir, die Deutschen, mit Trikot und Flagge den Stolz auf unsere Mannschaft zeigen dürfen? Meine Antwort: Ja.

Fahnen sind kein Tabu mehr

Seit dem „“Sommermärchen“ 2006 hat sich etwas verändert. Deutsche Fahnen sind, zumindest pünktlich zur EM und WM, kein Tabu mehr. Trotzdem kommen Begriffe wie Nationalstolz und Patriotismus immer noch, auch 67 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs, Schimpfwörtern gleich.

Klar, wir haben eine schwere und schuldbeladene Vergangenheit hinter uns. Und aus so einer Vergangenheit sollte man lernen. Aber das heißt doch nicht, dass hinter jeder deutschen Fahne direkt ein versteckter Rechtsradikaler oder Rassist lauern muss. Idioten gibt es immer und die brauchen keine Europameisterschaft, um ihre verqueren Ideologien zur Schau zu stellen.

Die Zeiten haben sich geändert

Wir leben im Jahr 2012, nicht kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Hier geht es um die Gegenwart, um Spaß am Sport und am gemeinsamen Mitfiebern. Warum sollten alle anderen Länder ihre Nationalmannschaft feiern dürfen und wir nicht? Als einziges Land dermaßen gebrandmarkt zu sein, wäre doch ziemlich traurig. Wären wir einmal so patriotisch und nationalistisch wie sonst eigentlich alle unsere Nachbarn, was wäre das Geschrei groß! Also: alle zwei Jahre werden wir ja wohl mal ein paar Fahnen zeigen dürfen.

Es geht „nur“ um Fußball

Warum also alles so bierernst nehmen? Und – wie in gewissen Studien und Artikeln – bis ins kleinste Detail analysieren, aus welchen Beweggründen ein betrunkener Student nach einem gewonnenen Spiel schreit, dass Deutschland „geil“ sei? Es geht hier schließlich „nur“ um Fußball. Als einzige Mannschaft mit neun Punkten in der Vorrunde ist ein bisschen Stolz ja wohl mehr als angebracht.

Und wenn die gegnerische Mannschaft doch ein Tor gegen uns macht, wird sie halt auch mal mit Bier in der Hand und Fahne auf der Wange beschimpft. Na und? Alles ist zehn Minuten später vergessen. Die eigene Flagge zu zeigen ist ja nicht ausländerfeindlich. Eine Fahne für Deutschland bedeutet nicht automatisch auch eine Fahne gegen andere. Deshalb: weg mit den Tabus, raus mit den Fahnen. Und fest dran glauben, dass die deutsche Mannschaft heute gegen Italien gewinnt.

Bis vor ein paar Jahren herrschte fast schon ein Zwang, seine Zuneigung zu Deutschland bloß nicht offen zur Schau zu stellen. Seit den letzten Jahren wird bei den Europa- und Weltmeisterschaften genau das erwartet: Wer kein Trikot trägt, gehört nicht gleichermaßen in die Gruppe.

Schon in Dortmund passiert Ähnliches. Als ich letztens zum Beispiel mit einem Freund an der Supermarkt-Kasse stand, haben wir uns über einen BVB-Sieg gefreut. Ein allumfassend schwarz-gelb gekleideter Fan sprach mich daraufhin an: „Du hast doch noch nicht mal ein Trikot an.“ Durch meinen Kleidungsstil sollte ich also meine Legitimation zur Freude verloren haben.

Wir werden zum Feiern konditioniert

Für mich hat aufgezwungene Feierei mit möglichst vielen Fanartikeln am Leib wenig mit eigentlichem Fantum zu tun. Die meisten Fans mit Dresscode wollen sich meiner Auffassung nach kollektiv gehen lassen.

Denn sind wir ehrlich, geht es für viele Fans gar nicht mehr um den Fußball. Es ist das Eventfeeling, das zählt. Alle zwei Jahre impfen uns die Fußballverbände UEFA oder FIFA und die Werbeindustrie mit Euphorie und weisen uns darauf hin, doch bitte einmal die Sau rauszulassen. Kein Wunder, schließlich sind die beiden Verbände und die Werbeindustrie die größten Profiteure der Turniere.

Auch die Medien machen mit, denn es gibt ja – gerade zur Zeit – kaum ein wichtigeres Thema als den Fußball. Instruierte Fans zeigen uns dann vor den Kameras, wie wir auszusehen und zu jubeln haben. Wir werden zum Feiern konditioniert. Trikot, Schminke, schwarz-rot-goldene Halskette. Alles zählt, womit irgendwie Geld gemacht werden kann. Für die Qualifikation zu den Turnieren interessiert sich höchstens ein geringer Bruchteil derer, die beim Spiel die meisten Fanartikel auf ihrem Körper vereint haben.

Temporärer Patriotismus

Außerdem kann man in einem Monat „Deutschland-Fahne-Schwenken“ keinen neuen, positiven Patriotismus erkennen. Es ist höchstens ein temporärer Zustand. Alle zwei Jahre, bei großen Events sind wir ein bisschen stolz, vielleicht auf die Mannschaft und vielleicht auch auf uns selber, aber doch nicht auf Deutschland. Nach der EM werden die Fahnen wieder weggeschmissen, wie schon Hunderttausende nach den letzten WMs und EMs, und die Wirkung des Impfstoffs ist verflogen.

Es geht mir nicht darum, euch den Spaß am Fußball zu nehmen. Ich bin selbst seit der Kindheit Fußball-Fan und schaue fast jedes Spiel bei Welt- und Europameisterschaften. Doch wir sollten zumindest einmal hinterfragen, ob nicht dieser gefühlte Zwang zum Fähnchen-Schwenken und Gesichtsmalerei so positiv verkauft wird, um daraus möglichst viel Geld zu machen. Denn man muss nicht zwangsläufig mit Fan-Artikeln verkleidet sein, um Fußball-Fan oder Patriot zu sein.

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Foto: Rike/pixelio.de, Montage: Steinborn/Schweigmann