Ich esse, was ich will!

Ernährungs-Themenwoche auf pflichtlektuere.com: Muss das wirklich sein? Ist das Thema nicht ohnehin schon auf allen Kanälen präsent? Laufen nicht schon genug Besseresser durch die Gegend, um uns vom politisch korrekten Essen zu überzeugen? Zerbrechen wir uns nicht schon zur Genüge den Kopf darüber, was auf den Tisch kommt? Höchste Zeit, Contra zu geben.

Gehypt von den Medien, lechzt unsere Gesellschaft fanatisch nach gesunder und moralisch guter Ernährung: Die Besseresserei als große Ideologie unserer Zeit. Gesunde Ernährung wird zur Ersatzreligion. Wir suchen unser Heil, unsere Erlösung darin, gesund und korrekt zu essen. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom bösen Essen. Das Ergebnis dieser Manie: Kein wohlschmeckendes Sternemenü, sondern fader Einheitsbrei.

Von Billig-Bioware und Volksdrogen

Wir Deutschen wissen gutes Essen nicht so zu schätzen wie etwa unsere französischen Nachbarn. Die geben mehr Geld für Lebensmittel aus als die Deutschen, obwohl sie im Durchschnitt ein geringeres Einkommen haben. Wir aber parken unsere dicken Audis vor den Discountern, wo wir zur Billig-Bioware greifen, alle Inhaltsstoffe genau prüfen und dann mit der Kalorien-App checken, ob das alles so in Ordnung ist.

In Bezug auf Essen halte ich es wie Oscar Wilde: „Der einzige Weg, eine Versuchung loszuwerden, ist ihr nachzugeben.“ Ich habe noch nie auf Kalorien geachtet, weder vor, noch nach einer Mahlzeit. Es ist mir völlig egal, wie viele Kohlenhydrate ich zu mir nehme. Kurzum: Ich esse, worauf ich Lust habe; wann ich will, und was ich will. Nicht völlig ungesund oder in Massen, aber so, wie es mir in den Kram passt.

Feinkost aus dem Meer: Den Deutschen ist gutes Essen viel zu wenig wert.

Feinkost aus dem Meer: Den Deutschen ist gutes Essen viel zu wenig wert. Fotos und Teaserbild: Dominik Speck

Habe ich Lust auf Currywurst, hol‘ ich mir ’ne Currywurst. Wenn ich Lust auf Salat habe, gibt es Salat. Will ich Exquisites haben, darf es schon mal Hummer oder Krebs sein. Entscheidend ist das richtige Maß, das mir mein Verstand – auch ohne Diätberater oder Ernährungscoach – vorgibt. Ich esse gerne Fair und Bio, aber nicht ausschließlich. Nein danke: Ich brauche keinen Plan, zu welcher Tageszeit ich was essen soll und warum. Ich esse, also bin ich – aber ich bin nicht, was ich esse.

Vom Essen und der Moral

Damit fühle ich mich in unserer Gesellschaft immer einsamer. Ein bisschen mehr Entspannung rund um’s Essen würde niemandem schaden. Nicht Zucker ist die Volksdroge, wie der „Stern“ behauptet, sondern der Glaube an den ultimativen Ernährungsplan. Trauriger Gipfel: Schlankheitskult. Models, die nur dann erfolgreich sind und als schön gelten, wenn sie aufs Schlimmste untergewichtig sind. Magersucht. Bulimie. Orthorexie, also die „Recht-Essung“, die psychotische Unterscheidung von moralisch „guten“ und „schlechten“ Lebensmitteln.

Überhaupt, das Essen und die Moral. Ich bin kein Verächter von Biokost, und, auch wenn mein Lieblingstier Steak heißt, kein Vegetarier-Hasser. Gerade ich stehe dafür ein: Jeder sollte das Recht haben zu essen, was er möchte. Wütend machen mich nur jene Vegetarier, Veganer oder Ökofetischisten, die mit missionarischem Eifer durch die Welt ziehen, beseelt von dem Glauben, sich auf einer höheren evolutionären Stufe zu befinden. Verzichtsprediger, die dir einbläuen: Fleisch essen ist Sünde, und wenn du nicht immer zum Bio-Produkt greifst, verantwortest du den Klimawandel, das Leid in den Entwicklungsländern und den entfesselten Finanzkapitalismus.

Von Erdenrettern und Wohlstandsproblemen

Unvergessen ist mir dieses Erlebnis: Beim Essen in einem Tagungshaus greife ich zur fair gehandelten Bio-Banane, glaube also, mich auf dem Boden der Political Correctness zu befinden. Mein Gegenüber, eine sehr geschätzte Bekannte, starrt mich entgeistert an: Wie ich denn Bananen essen könne? Sie verzichte da schon länger drauf. Schließlich würden die Früchte doch aus Übersee angeschifft, was ganz und gar böse und verwerflich sei. Dabei gibt es Studien, die beweisen: Für den Apfel aus dem Nachbardorf ist unter Umständen mehr CO2 verbraucht worden als für die Banane aus Costa Rica.

Ein anderes Beispiel: Ich lese die Einladung zu einer Konferenz, auf der via App der „Klima-Gewinner“ gekürt werden soll, also jener erdenrettende Superheld, der nie Schnitzel isst und statt dem Aufzug die Treppe nimmt (was ist mit Rollstuhlfahrern?). Dass die Smartphones, die für die Berechnung in Anspruch genommen werden, unter umweltfeindlichen und sozial ungünstigen Bedingungen produziert worden sind, fällt keiner – pardon – Sau auf.

Diese Banane ist fair und bio. Ethisch korrekt ist sie deshalb noch lange nicht.

Diese Banane ist fair und bio. Ethisch korrekt ist sie deshalb noch lange nicht.

Das eigentlich Perverse ist also: Nirgendwo sonst bei unserem Konsumverhalten achten wir so sehr auf Political Correctness wie beim Essen. Wir greifen zur Bio-Karotte und zur Fair Trade-Mango. Und gleich danach gehen wir zu H&M und kaufen Klamotten, die unter fragwürdigen Umständen produziert worden sind, unter denen die Umwelt leidet.

Die Menschen, die diese Klamotten herstellen, werden schäbig behandelt und bezahlt, und Brandschutz in den Fabriken: Fehlanzeige. Solange unser wohl gefütterter europäischer Magen seine moralisch, ethisch und medizinisch korrekte Mango bekommt, ist alles in Ordnung.

Die Besseresserei, die Essstörungen, der ganze Gesundheitswahn: Alles nur Wohlstandsprobleme. Doch selbst dieser Wohlstand und mein gesunder Appetit erlauben es mir nicht, soviel zu fressen, wie ich… na, ihr wisst schon.