Duell am Donnerstag: Streiken wir zu viel?

Weite Teile des Ruhrgebiets standen am Dienstag still. Wegen der Warnstreiks im öffentlichen Dienst fuhren weder Busse noch Bahnen. Immer wieder rufen Gewerkschaften in Deutschland die Arbeiter zu Streiks auf. Im Duell am Donnerstag streiten Jan Lukas Winter und Linus Busch: Streiken wir zu viel?

Ja!

Ach, schon wieder Streik? Ob Lufthansa, Kindergärten oder Busse – kaum ein Monat, in dem nicht irgendwo die Arbeit niedergelegt wird. Aus Sicht der Gewerkschaften, die zu den Streiks aufrufen, sind diese selbstverständlich alternativlos, um angemessene Lohnerhöhungen durchzusetzen. Doch in dieser Häufigkeit bringen Streiks für die Arbeitnehmer gar nichts – und nutzen letztlich nur den Gewerkschaften selbst. 

Keine Drohkulisse mehr

Je öfter gestreikt wird, desto weniger ist der Streik eine Drohkulisse. Desto mehr büßt ein Streik an Wichtigkeit ein. Und desto weniger kann ein Streik bewirken. Wenn sowieso bei jeder Tarifverhandlung erst einmal präventiv gewarnstreikt wird – warum sollte ein Arbeitgeber dann schon zu Beginn ein ernsthaftes Angebot unterbreiten? Der Arbeitgeber kann in der ersten Verhandlungsrunde ganz in Ruhe völlig überzogene Maximalforderungen stellen, die obligatorischen Warnstreiks abwarten und sich erst dann Gedanken über mögliche Kompromisse machen.

Doch mit dem inflationären Gebrauch des Streikrechts verspielen die Gewerkschaften nicht nur die Chance auf gute Tarifabschlüsse, sondern auch ihre Glaubwürdigkeit. 

Streik bringt Mitglieder 

Für eine Gewerkschaft ist nämlich vor allem eines wichtig: Dass sie genügend Mitglieder hat. Und wann haben Gewerkschaften mit Abstand den größten Mitgliederzuwachs? Richtig, in Streikzeiten. Natürlich klingt es wunderbar solidarisch, wenn sich alle Arbeiter in einem Betrieb zum Streik bekennen und in die Gewerkschaft eintreten. Aber haben sie überhaupt eine andere Wahl? Wer nicht mitstreiken will, ist bei den Kollegen schnell als Streikbrecher außen vor. Wer aber streikt, hat für diese Zeit keinen Anspruch auf Lohn. Und hier kommt der Wohltäter Gewerkschaft ins Spiel: Aus großzügiger Solidarität zahlen Gewerkschaften ein Streikgeld – nur an Mitglieder, versteht sich. Wer nicht ausgeschlossen oder arm werden will, tritt also lieber ein. Für Gewerkschaften ist eine schnelle Einigung mit den Arbeitgebern daher absolut geschäftsschädigend.

Und so gerät eines in den Hintergrund: Dass für die einzelnen Arbeitnehmer das beste Ergebnis erzielt wird. Doch genau dafür sollten die Gewerkschaften eigentlich sorgen. Vor allem durch konstruktive Verhandlungen – und im äußersten Notfall auch durch Streiks.

 

Nein!

Wenn auf einmal nichts mehr geht in einer Stadt, macht sich schnell Unverständnis breit. So wie am Dienstag: Busse und Stadtahnen standen still, Behörden und Kindergärten blieben geschlossen und nichtmal der Müll wurde abgeholt!

Trotzdem: Der Streik ist in unserem Land ein wichtiges Grundrecht im Arbeitskampf und ein wertvolles Druckmittel von Arbeitnehmern und Gewerkschaften gegenüber den Arbeitgebern. Wir sollten froh sein, dass es diese Möglichkeit in Deutschland gibt!

Ein Blick über den Tellerrand 

Oft wird uns Deutschen vorgehalten, wie gern und viel wir streiken. Dann werden Vergleiche herangezogen, zum Beispiel mit den USA, wo tatsächlich pro Jahr deutlich weniger gestreikt wird. Wenn wir aber tatsächlich auf die Situation westlich des Atlantiks blicken, sehen wir die Kehrseite der Medaille. In den USA gelten Gewerkschaften vor allem unter Republikanern als linkes Teufelszeug und absolute Jobkiller. Vor dem Hintergrund verwundert es nicht, dass zum Beispiel der amerikanische Supermarkt-Riese Walmart einmal gedroht hat, einen ganzen Markt zu schließen, weil die Belegschaft angekündigt hatte sich gewerkschaftlich zu organisieren. Faktisch gibt es dort also kaum ein Mittel, mit dem Arbeitnehmer wirksam Druck auf ihre Arbeitgeber ausüben wollen. Möchten wir solche Zustände auch in Deutschland?

Der Streik gehört dazu

Eine demokratische Gesellschaft lebt von der Diskussion auf Augenhöhe. Das gilt nicht nur für die Politik, sondern auch für die Wirtschaft. Und ein gewerkschaftlich organisierter Streik schafft eben diese Augenhöhe zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Erst dann sind sinvolle Verhandlungen überhaupt möglich, an deren Ende dann ein Kompromiss steht, mit dem beide Seiten leben können.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf fällt es gleich viel leichter, ein bisschen Verständnis für unsere streikenden Mitmenschen aufzubringen und statt mit dem Bus einfach mal mit dem Fahhrad zu fahren. Und am frühen Mittwochmorgen war der Spuk dann sowieso auch schon wieder vorbei. 

 

 

 

das-duell-feeder 

Foto: stockxchng/bizior, Teaserfoto: S. Hofschlaeger / pixelio.de, Montage: Steinborn/Schweigmann 

Teaserfoto: Ich-und-Du /pixelio.de

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