Kommentar: Hochschulen droht der Ausverkauf

Ein Kommentar von Dominik Speck

In unserer Magazinausgabe 01/2013 der pflichtlektüre haben wir über die Sparmaßnahmen an der Bochumer Ruhr-Uni berichtet. Ihr fehlen 9,5 Millionen Euro. 180 Stellen sollen nicht wieder besetzt werden. Die Lehre leidet. Wer einen Verantwortlichen sucht, um ihn an den Pranger zu stellen, hat es schwer.

An der Ruhr-Uni Bochum fehlen 9,5 Millionen Euro. Foto: Niko Korte/pixelio.de

An der Ruhr-Uni Bochum fehlen 9,5 Millionen Euro. Foto: Niko Korte/pixelio.de, Teaserbild: twicepix/flickr.com

Schuld ist nicht die Universität alleine. Das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium trägt die steigenden Kosten der RUB zwar nicht ausreichend mit. Doch mit dem Finger auf die Düsseldorfer Ministerialen zu zeigen, wäre ebenso falsch. Die Ursachen sind vielschichtig: Steigende Energiekosten werden nicht vom Land ausgeglichen. Bei der Vergabe der so gennanten „Leistungsorientierten Mittel“ zählt die RUB seit Jahren zu den Verlierern. Der Wegfall der Studiengebühren wurde nicht ausreichend kompensiert. Sicher hat auch die Universitätsverwaltung Fehler gemacht.

Doch der große Fehler liegt im System. Deutschlands Hochschullandschaft ist eine Welt aus Bürokratie und Gremien, die wichtige Entscheidungen auf die lange Bank schieben. Haushalte und Fördermittel werden durch komplexe Formeln berechnet, die selbst Fachleute kaum mehr verstehen. Mitunter erinnern diese Formeln an die finanzmathematischen Fallstricke, die sich Banker ausdenken, um ihre Kunden auszutricksen.

Verkrustete Strukturen

Bochum ist kein Einzelfall. An vielen Unis regiert der Rotstift. Das zeigt: Die verkrusteten Strukturen im deutschen Hochschulsystem müssen aufgebrochen werden. Die Studierenden brauchen mehr Mitspracherecht. Denn das Augenmerk von Politik, Wirtschaft und vielen Hochschulrektoren liegt auf Spitzenforschung – obwohl immer mehr junge Menschen an die Hochschulen drängen. 2,5 Millionen Studierende gibt es heute in Deutschland. Sie brauchen eine größere Lobby.

Der Bund muss endlich die Möglichkeit bekommen, Universitäten auch jenseits kurzfristiger Förderprogramme zu unterstützen. Bislang können das nur die Länder. Dazu muss das Grundgesetz geändert werden. Sonst haben finanziell schlecht aufgestellte Länder wie Nordrhein-Westfalen weiterhin Probleme, den Normalbetrieb an den Hochschulen aufrechtzuerhalten.

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Zunehmender Leistungsdruck und wachsende Ökonomisierung stellen das System Hochschule vor die Frage, wie es weitergehen soll. Mit der mangelnden gesellschaftlichen Akzeptanz der Studiengebühren bricht eine mögliche Finanzierungsquelle weg. Statt andere Töpfe aufzumachen, gibt sich die Politik knauserig und wälzt die Verantwortung ab.

Sie ruft die Hochschulen dazu auf, besser miteinander um Fördermittel zu konkurrieren. Damit die Besten belohnt werden können – oder besser, damit nur manche angemessen bezahlt werden müssen. Das Küren von „Elite“-Unis lenkt die Aufmerksamkeit auf eine glanzvolle Fassade, in deren Schatten die tatsächlichen Probleme der Universitäten verborgen bleiben.

Einheit von Forschung und Lehre in Gefahr

Der Bund soll die Hochschulen stärker unterstützen dürfen. Foto: Schrift-Architekt/flickr.com

Der Bund soll die Hochschulen stärker unterstützen dürfen. Foto: Schrift-Architekt/flickr.com

Von der Ökonomisierung der Hochschulen hat eine der beiden Säulen universitärer Arbeit überdurchschnittlich stark profitiert: Die Forschung. Drittmittel fließen in hohem Ausmaß hierhin. Keine Frage: Forschung ist wichtig. Sie entwickelt wichtige Innovationen. Doch als Wilhelm von Humboldt im 19. Jahrhundert die „Einheit von Forschung und Lehre“ propagierte, hätte er sich wohl kaum träumen lassen, dass die Lehre heute oft ein Randdasein im Schatten der Forschung fristet.

In Bochum müssen jetzt schnelle und effiziente Lösungen her. Schnell und effizient: Im vorhandenen Hochschulsystem könnte das schwierig werden. Deshalb muss die Stimme von uns Studierenden lauter werden. Noch nie gab es so viele von uns. Die Politik darf sich nicht länger vor ihrer Verantwortung drücken und den Wettbewerbsdruck zwischen den Hochschulen verstärken. Die Strukturen und Gremien der Universitäten müssen dringend reformiert werden. Der Bund muss die Unis finanziell unterstützen können. Nur dann kann der Ausverkauf der deutschen Hochschullandschaft verhindert werden.

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