Scheißhausparolen und Studiengebühren

Wer hat sie nicht gehört, die Parolen für oder eher gegen Studiengebühren? Selbst im Hauptbahnhof schallte ein stetiges „Bildung – für alle – und zwar umsonst!“ um die Ohren aller. Auch gerne geschrien wurden „Bildung ist Menschenrecht!“ Nur, wenn die Hundertschaft sowieso wegen des Pottfußballes anrückte, war es relativ still. Aggressive Scheißhausparolen kommen bei den grün angezogenen wohl eher nicht gut an.

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Ich finde diese Wahl der Worte ungünstig. Bildung ist ein Menschenrecht per se. Grundbildung. Hochschulunterricht muss allen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offenstehen. Das bedeutet aber nicht, dass der Staat oder irgendwer „anderes“ diese Weiterbildung für alle bezahlen muss. Bildung „umsonst“ bedeutet doch auch, dass es „für die Katz‘“ sein kann, oder? Ist es nicht gerechter und qualitätssichernd, wenn es Bildung für alle gibt, sie aber unter bestimmten Bedingungen bezahlt wird? Ein Versuch waren die Studiengebühren. Diese grandiosen 500 Euro, später auf 480 Euro gesenkten Gebühren, die viele zur KfW Bank brachten, um sie pünktlich aufzubringen. Alternativ wurde länger studiert, weil mehr Geld vom Nebenjob gespart werden musste – gleichzeitig wurde vermutlich auch mehr in der riesigen Zuhörermasse geschlafen. Beworben wurden die Studiengebühren als definitive „Verbesserung der Lehre“ – vielerorts sogar bedingt erfolgreich umgesetzt. Mehr Tutorien, Druckkostenübernahme, mehr nötige Gerätschaften. Leider durften keine baulichen Maßnahmen gefördert werden, auch wenn ich es mir persönlich gewünscht hätte, nicht mehr in jeder Vorlesung von einem anderen Klappstuhl zu rutschen. Ein paar Jahre später wurden die Studiengebühren mit einem politischen Handwedeln wieder abgeschafft. Keiner weiß, ob sie wieder in Erscheinung treten werden – schließlich ist dies je nach kommender politischer Hand wieder möglich.

Wie wäre es denn mit einer nachhaltigen Strategie?

Wie das Wort „nachhaltig“ schon andeutet, so könnte man nach einem Studium (erfolgreich oder nicht erfolgreich) eine Abgabe von Studierten verlangen, die an ihrem Einkommen gemessen ist. Eine Abgabe, die sie auch zahlen müssen, wenn sie in Deutschland studieren und dann im Ausland das Dreifache verdienen, was sie hier hätten verdienen können. Es soll ihnen nicht madig gemacht werden, ins Ausland zu gehen, jedoch ist es doch sozial fair, dass man einen Obulus an seine Hochschule zahlt, weil man die Ausbildung genossen hat, die einem den gut zahlenden Job ermöglicht hat, oder? Wenn ich sonst eine Dienstleistung in Anspruch nehme, kostet diese ja auch!

Ist uns unser Studium etwas wert?

Wir regen uns über die Qualität der Lehre auf, weil wir mit mehreren hundert Menschen eingepfercht in einem Raum einer Person mit rauschendem Mikro zuhören müssen. Wir zwängen uns in Seminarräume, die kaum genug Luft zum Atmen (geschweige denn Denken) lassen. Teilweise warten wir auf einen Sitzplatz in teilnehmerzahlbegrenzten Kursen. Wir könnten dies ändern! Vielleicht nicht mehr direkt für uns selbst, jedoch für die Zukunft. Gerade jetzt, wo KiTa und Kindergartenerweiterungen die heißen Themen der Politik sind und ein Kindergartenplatz ein Vielfaches von einem Studienplatz kostet, ist es Zeit, unsere Probleme in die eigene Hand zu nehmen. Wir werden aus normalen Steuergeldern keine bessere Hochschulatmosphäre erhalten. Warum auch? Da zahlen Menschen für unsere Hochschule, die sie niemals von innen gesehen haben – soziale Gerechtigkeit sieht für mich anders aus.

Aber wie kann das funktionieren?

Wir brauchen definitive Spielregeln. Wir brauchen Rücksicht auf diejenigen, denen auch mit einem Master später ein Obulus an ihre Hochschule wehtut. Wir brauchen eine Verwaltung dieser Obuli, die wiederum neue Arbeitplätze für Deutschland bedeutet. Wir brauchen Mut. Mut zu sagen, dass wir selbst eine profitable Zukunft haben. Ich kann im Moment nicht glauben, dass mir später solch ein Obulus an meine Alma Mater nicht wehtun wird. Ich kann nur hoffen, weil ich dafür studiert habe und als Gegenleistung gerne etwas für die Einrichtung tun möchte, die mich jahrelang gut auf meinen Weg gebracht hat.

Ein konkretes Abgabensystem wäre UniSol35Plus von dem hiesigen Prof. Dr. Stefan Winter. Es ist ein nachhaltiges Konzept, welches auch den Numerus Clausus abschaffen könnte. Ihr wisst schon, dieser NC, der 1977 als Übergangssystem zur Zulassung eingesetzt wurde. Seitdem ist nur leider nichts passiert! Jeder Schüler, der vor seinem Abitur also nicht die Blüte seines Intellektes erreicht hat, landet meist in einem Fach, das er hasst – oder auf gar keiner Uni und sein Talent, welches er nach der Ausbildung vollendet ausgeformt hat, ist meist vertan. Vielleicht hätte er ein fabulöser Chefarzt werden können? Einer von denen, die nicht steif an ihrer Platzhirschherrschaft festhalten? Möglich! Selbstredend müsste man in bestimmten Fächern Eignungstests einführen oder in den ersten Semestern rigoros aussieben.

Abgabe an die Uni

UniSol35Plus ist also ein Konzept, bei dem studierte Menschen nach dem Studium 0,1 Prozent ihres Jahresgehaltes pro Monat an ihre Hochschule abgeben. Egal, wo sie nach dem Studium sind. Überwacht würde dies von dem Finanzamt und einer Verwaltungszentrale, die alle Abgaben nach vollbrachter Dienstleistung an Hochschulfakultäten verteilt. Dies soll in diesem Konzept erst ab 35.000 Euro brutto pro Jahr erhoben werden und maximal 40 Jahre Laufzeit haben. Konkret gesehen bezahlen die, die mehr von ihrem Studium profitiert haben auch mehr an die Uni zurück. Diejenigen, die trotz ein paar Semestern auf den Schultern keinen Abschluss haben und millionenschwerer Rockstar werden, können ebenfalls ihre Dienstleistung bezahlen. Wenn aber Studierte das harte Los erhalten und auch mit ihrem Abschluss keine großen Einkommenssprünge machen, so bezahlen sie weniger bis nichts an ihre Alma Mater. Meiner Meinung nach ist das sozial gerechter als gleiche Abgaben für alle.

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Anne K. Dote ist eine Studentin des N-Gebäudes an der Ruhr-Universität Bochum, die sich regelmäßig auch in anderen Buchstaben verirrt. In ihrer Kolumne gibt sie einen persönlichen Einblick in den Kosmos RUB - und das normalerweise monatlich. Grafik: F. Steinborn, Teaserfoto: Anne K. Dote

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