Abwässer neben dem Badestrand: Schöne Scheiße!

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Wilhelmshaven in Niedersachsen hat Deutschlands einzigen Nordseestrand mit Südlage. Und den einzigen Strand, an dem Badegäste regelmäßg in Exkrementen und anderen Dingen schwimmen, die irgendwann mal die Kanalisation von innen gesehen haben. Grund dafür ist eine von drei Einleitungsstellen des lokalen Abwassersystems. Unter bestimmten Voraussetzungen lässt die Stadt Wilhelmshaven ungeklärte Abwässer in den Jadebusen fließen. 

Zum einen gibt es die nordöstlich gelegene Einleitungsstelle Heppenser Siel (gelb), zum anderen die zentraleren Einleitungsstellen Hafen (grün) und Banter Siel (rot). Besonders letztere stört die Wilhelmshavener, denn sie liegt direkt neben dem Badestrand (in der Karte orange). Wolf-Dietrich Hufenbach lebt in Wilhelmshaven und dokumentiert seit einigen Jahren das Vorgehen der Stadt auf seiner Website. Er zählt auf, was dort dann alles in der Nordsee landet: 

Offiziell heißt das Mischwasser. Praktisch ist das ungeklärtes Abwasser. Da ist alles drin, was in der Kanalisation landet: Straßenabrieb mit Hundekot, alles aus den häuslichen Klos, aus Krankenhäusern und Industrieabwässern.

Insgesamt eine eklige, braune Brühe, die dort in den Jadebusen gepumpt wird. Das passiert immer dann, wenn in Wilhelmshaven zu viele Abwässer anfallen. Das ist zum Beispiel bei Regen der Fall, aber auch wenn in überdurchschnittlich vielen Haushalten zur gleichen Zeit die Klospülung gedrückt wird. 

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Die Einleitungsstelle Banter Siel in Wilhelmshaven. Ein paar Meter weiter soll gebadet werden.

Während in den meisten anderen Städten zwischen der Kanalisation und der Kläranlage für genau diese Fälle Zwischenspeicher gebaut wurden, die ein erhöhtes Abwasseraufkommen abfangen können, gibt es in Wilhelmshaven keine ausreichenden Speicher. Kurz ausgedrückt: Kommt die Kläranlage nicht hinterher, muss der Jadebusen herhalten. Abwasserentsorgung auf die einfache Art.

Was im ersten Augenblick unfassbar klingt, ist völlig legal: Zuletzt wurde der Stadtverwaltung die Erlaubnis dazu von der Bezirksregierung Weser-Ems im Jahr 2001 erteilt. Diese beruft sich unter anderem auf das niedersächsische Wassergesetz.

Fast drei Millionen Liter Abwasser täglich

Zwar wird bei weitem nicht an jedem Tag in die Nordsee eingeleitet – aber wenn eingeleitet wird, dann nicht wenig: Seit 2005 führen die Abwasserbetriebe der Stadt eine Statistik über die Einleitungen – 2008 ist darin der bisherige Spitzenreiter. Damals wurde an über 55 Tagen am Banter Siel neben dem Strand eingeleitet. Inzwischen gehen die Zahlen zurück. Doch die Mengen sind trotz eines Rückgangs immer noch so groß, dass umgerechnet pro Tag an allen drei Stellen fast 3.000 Kubikmeter eingeleitet werden. Das entspricht knapp drei Millionen Litern täglich. Das Jahr 2016 wurde bisher vom 1. Januar bis zum 31. Mai erfasst.

Um diese unvorstellbaren Werte zu verdeutlichen, kann man sie wie folgt umrechnen: Ein Kubikmeter sind tausend Liter. Ein normaler Tanklastwagen, den man zum Beispiel von Tankstellen kennt, kann 30 Kubikmeter transportieren.

Potentielle Badegäste werden aber bei einer Einleitung gewarnt. Nicht durch im 15-Minuten-Takt anrollende LKW, sondern durch eine rote Fahne. Während sie am offenen Meer „Lebensgefahr“ durch etwa zu hohen Wellengang bedeutet, warnt sie in Wilhelmshaven vor Dingen im Wasser, neben denen man eigentlich ungern schwimmt. Für Wolf-Dietrich Hufenbach ist das nur wenig hilfreich: „Ich glaube nicht, dass jeder das kennt. Und diese Fahne wird auch nur hochgezogen, wenn ganz offiziell Badezeit ist.“ 

Einleitung in Wilhelmshaven

Wenn besonders viele Möwen an einer Stelle sind, ist das ein Zeichen für eine Einleitung.

Es gibt aber auch eine andere Methode, um zu erkennen, ob gerade eingeleitet wird oder nicht: Möwen. Fliegen diese in Scharen kurz über der Wasseroberfläche, ist in den meisten Fällen eine Einleitung im Gange. 

Einleitung auch in der Badesaison

Aber besonders im Sommer sollten sich Badegäste eigentlich keine Sorgen darum machen müssen, ob sie gerade im Abwasser schwimmen oder nicht. Auf Anfrage teilt die Stadt Wilhelmshaven mit: „Während der Badesaison wird ausschließlich in den Kanalhafen gepumpt.“ Die Statistik für das Jahr 2015 zeigt allerdings etwas anderes: Von der Badesaison spricht die Wilhelmshaven Touristik & Freizeit GmbH in der Zeit von Mai bis September. In diesem Zeitraum wurde neben dem Strand an fünf Tagen eingeleitet, insgesamt 24 Millionen Liter.

Zwar besteht die Möglichkeit, dass durch Ebbe und Flut das eingeleitete Abwasser mit dem Meerwasser vermischt und weggespült wird. Dann wäre das Problem nur halb so schlimm. Allerdings gibt es entsprechende Statistiken, die das widerlegen, sagt Wolf-Dietrich Hufenbach. Er kenne ein Gutachten, das sagt, dass es im Jadebusen drei Monate dauere, bis das Wasser einmal ausgetauscht ist.

Theoretisch könnte die Einleitung von Abwässern in den Jadebusen um einen Großteil verringert werden, denn es gibt neben normalen Zwischenspeichern in Kläranlagen auch Anlagen, die komplett unter Tage oder an anderen, unproblematischen Stellen gebaut werden können. In Wilhelmshaven ist das aber kein Thema. Die Stadt nennt als Grund dafür die zurückgehende Zahl der Einleitungen. Dort wird also lieber Abwasser in die Nordsee gepumpt – wenn auch nicht mehr ganz so oft neben dem Badestrand.

 

Teaser- und Beitragsbilder: Bürgerportal Wilhelmshaven/Wolf-Dietrich Hufenbach 

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