Duell am Donnerstag: Die Körperwelten-Austellung

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Den Ball fest in der Hand und den Korb im Visier. Ein Treffer ist eigentlich nur noch Formsache. Eigentlich, denn der Basketballspieler ist eine Leiche. Gunther von Hagens‘ Körperwelten-Ausstellung mit dem Thema “Zyklus des Lebens“ läuft derzeit in Bochum. Unsere Autorinnen Mary Hense und Nina Stoffer duellieren sich, ob sich das Hingehen lohnt oder nicht.
(Teaserfoto: Gunther von Hagens, Institut für Plastination, Heidelberg)

pro

Körperwelten? Ist doch alles nur eine Riesen-Leichenschau! Purer Voyeurismus! Die Würde der Leichen wird beschmutzt! Oder eben auch nur „Ih!“ – Lassen wir doch mal die pseudomoralischen, -ethischen und -korrekten Argumente gegen Gunter von Hagens Körperwelten außen vor und betrachten das Ganze pragmatisch. Die Ausstellung bildet!

Wie ein praxisnaher Biologieunterricht

In wissenschaftlicher Hinsicht ist die Ausstellung hochgradig interessant und das nicht nur für Medizinstudenten, sondern durchaus auch für Normalbürger – Kinder mit inbegriffen. Der Tod gehört zum Leben. Es ist wichtig, dass Kinder das so wahrnehmen. Mithilfe dieser Exposition könnten also auch jüngere Besucher aufgeklärt werden, dass der Tod kein großes schwarzes Monster ist, sondern dass er ein Bestandteil des Lebenskreislaufs ist – wie in einer praxisnahen Biologiestunde.

Und nicht nur das Sterben gehört zum Leben, sondern auch die Erschaffung von Leben. So finde ich es ebenfalls legitim, dass in einem separaten Bereich der Bochumer Ausstellung zwei Exponate beim Geschlechtsverkehr dargestellt werden. Gunter von Hagens überlässt es den Besuchern, ob sie diesen Teil der Ausstellung sehen wollen oder nicht.

Tipps fürs Leben

Die Ausstellung gibt auch Gesundheitstipps, wie man die Teile des Körpers intakt hält, die man sonst nicht bewusst wahrnimmt. So werden Exponate präsentiert, die eine Raucherlunge zeigen oder eine Fettleber. Realistischer kann das kein nachgemachtes Exemplar verdeutlichen.

Absolut ästhetisch

Exponate, die künstlerisch anmuten, zeigen eine große Ästhetik. Die Ausstellungsstücke werden keineswegs unwürdig oder geschmacklos dargestellt. Gunter von Hagens zeigt, dass er Respekt hat vor dem Leben und dass er diesen Respekt auch anderen Menschen vermitteln möchte.

Ja, lapidar ausgedrückt stellt Gunter von Hagens Leichen, tote Menschen, die einst ein eigenes individuelles Leben geführt haben, aus. Schlussendlich kann man jedoch auf keinen Fall verleugnen, dass die Ausstellung Körperwelten aufklärt. Mithilfe des Todes entschlüsselt sie das Verborgene des eigenen Körpers und schließlich ein Stück unseres eigenen Lebens. Ein Besuch von Körperwelten lohnt sich auf jeden Fall.

contra

Konserviert für alle Ewigkeit – In mir weckt diese Vorstellung eher beklemmende Gefühle als faszinierende Neugier. Gunther von Hagens “Körperwelten“ in Bochum bricht mit vielen Tabus und zeigt teils schockierende Einblicke in die menschliche Anatomie. So will er die Stationen der Entwicklung des Körpers sowie seine Veränderung von der Zeugung bis ins hohe Alter verdeutlichen. Aber muss das auf diese Art und Weise gemacht werden?

Dynamik und Leichen- das passt nicht zusammen

Sicherlich ist unserer Körper in der heutigen Zeit stark in den Mittelpunkt gerückt. So ist zum Beispiel das Achten auf eine gesunde Ernährung der neue Lifestyle-Trend geworden. Die Menschen wollen wissen, was in ihrem Körper los ist. Das alleine ist für mich jedoch kein Grund die Ausstellung zu besuchen. Es klingt zwar konservativ, aber mich schreckt der Gedanke ab, dass dort tote Menschen aus nächster Nähe und ganz ohne Schutz als Anschauungsobjekte dienen. In Bochum sind 20 Ganzkörperplastinate aufgebaut worden – dargestellt als Fußballtorwart, Bogenschützin, Eislaufpaar oder Pokerspieler. Die Muskeln, Knochen oder Sehnen liegen offen. Dynamik und Leichen? Das passt für mich nicht zusammen.

Im wahrsten Sinne des Wortes: Es geht unter die Haut

Von Hagens „künstlerische“ Darstellung der Plastinate widerspricht auch meinen ethischen Vorstellungen. Ich will keine gehäuteten Leichen beim Sex oder bei diversen Sportarten sehen. Ein Mensch ist kein Gegenstand! Und deswegen sollte er nicht als solcher behandelt werden- auch nicht nach dem Tod. Schließlich gibt es ja auch die Totenruhe.

Diese Ausstellung hat auch keinen wissenschaftlichen Wert. Mittlerweile weiß man ganz genau wie ein Mensch von innen aussieht und die Darstellung einer toten Schwangeren und ihrem Fötus müssen nicht sein. Es mangelt von Hagens an Respekt vor den Gefühlen von Hinterbliebenen und vor der Totenruhe. Wer wirklich Interesse am Aufbau des Körpers hat kann sich gute Anatomiebücher holen und muss sich nicht an toten Körpern im Rampenlicht ergötzen. Der Voyeurismus ist einfach fehl am Platze, da auch Kinder die Ausstellung besuchen dürfen.

Übrigens: in seriösen Ausstellungen gibt es auch kein ungutes Gefühl wegen der Beschaffung der Exponate wie es bei von Hagens oft diskutiert wird. Seit 1996 gibt es Mutmaßungen, dass auch gewaltsam ums Leben gekommene Menschen gezeigt würden. Solange die Herkunft der Plastinate nicht eindeutig geklärt ist, besuche ich die Ausstellung nicht. Von Hagens verstößt gegen den Umgang mit Verstorbenen und für mich ist das nichts anderes als eine makabre und aufsehenerregende Unterhaltungsshow.

das-duell-feeder Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann, Teaserfoto: Gunther von Hagens, Institut für Plastination, Heidelberg

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