Kein Kind zurücklassen

Die Dortmunder Nordstadt ist kein Ort, an dem Kinder aufwachsen sollten. Hier sieht man wie das Großwerden mit Armut und Perspektivlosigkeit Menschen verändern kann: Trinker sitzen morgens am Nordmarkt. Entlang der Mallinckrodtstraße verkaufen Dealer Chemie. Ihre Kundschaft: Skelette, auf denen die Haut nur noch wie rissiges Papier hängt.

Das sind nur die augenscheinlichsten Auswüchse der Armut. Die Mehrheit der Perspektivlosen igelt sich in Häusern ein, die zum Teil nur noch stehen, weil sie von ihren Nachbarhäusern gehalten werden.
 Wie in den meisten Nordstädten der Ruhrgebiets-Metropolen arbeiteten hier vor 50 Jahren die Erwachsenen als Bergarbeiter. „Wenn der Großvater auf Zeche gearbeitet hatte, war es klar, dass der Vater und der Sohn und die Enkel auch noch auf Zeche arbeiteten“, sagt Peter Strohmeier. Um auf der Zeche bis zum Rentenalter sein Auskommen zu verdienen, reichte eine geringe Schulbildung  – die meisten verließen damals die Schule nach der achten Klasse.

 

Strohmeier wuchs in Herten auf, sein Vater war Bergmann. Die meisten Mitschüler in der Grundschule waren Kinder von Bergleuten. Als es nach der Grundschule auf die weiterführende Schule ging, schafften es nur zwei Schüler auf das Gymnasium: Peter Strohmeier und ein Mitschüler, dessen Vater als Ingenieur im Bergbau tätig war.

Die meisten Kinder erbten den Bildungsstandard ihrer Eltern. Ein Aufstieg war deshalb die Ausnahme.

Chrisa Tanlaks jüngster Sohn Ömer beim Frühstück in der Kinderstube.

Chrisa Tanlaks jüngster Sohn Ömer beim Frühstück in der Kinderstube. Foto: privat

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert – trotz der Bildungsexpansion, die seit 1970 mehr Chancengleichheit herstellen soll. Was sich im Ruhrgebiet dagegen geändert hat: Mit den Zechen ist der Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte verschwunden. „Wo früher 6000 Mann gearbeitet haben, gibt es heute noch 1200 Jobs – viele davon sind für höher Qualifizierte, die zumeist mit ihren Arbeitgebern ins Ruhrgebiet gezogen sind.“

Vom Kind eines Bergarbeiters zum Professor

Peter Strohmeier  hat es vom Kind eines Bergarbeiters zum Soziologie-Professor an der Ruhruniversität Bochum geschafft. Als Forscher versucht er herauszufinden, wie solche auch heute noch seltenen Bildungsaufstiege möglich sind. Denn mit diesem Wissen könne man den Weg „nach oben“ für viele Kinder erleichtern, die heute in Armut aufwachsen.

Chrisa Tanlak zieht in der Dortmunder Nordstadt vier Kinder groß. Sie wirkt wie eine moderne Mutter: Statt Kopftuch trägt sie Jeansjacke.

Trotzdem bleibt sie daheim und zieht die Kinder groß. Tanlak ist in Deutschland geboren und Tochter türkischer Einwanderer – aufgewachsen sind ihre Kinder mit der türkischen Sprache, Deutsch lernten sie erst außerhalb des Elternhauses. Und das, obwohl Tanlak hervorragend Deutsch spricht.

Statistisch gesehen haben ihre Tochter Evi und ihre Söhne Mustafa, Mehmet und Ömer kaum eine Chance aufzusteigen. Grund dafür sind die Umgebung und die Verhältnisse in denen sie aufwachsen. „Wenn ich wissen will, welche Zukunftsaussichten ein Kind hat, brauche ich nur die Adresse“, sagt Strohmeier.

Um die Nachteile auszugleichen, unter denen die Kinder von Chrisa Tanlak und andere Kinder leiden, weil sie in der „falschen“ Gegend aufwachsen, haben die Landesregierung NRW und die Bertelsmann-Stiftung 2011 das Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen“ ins Leben gerufen. Mit einer Million Euro werden 18 Kommunen in NRW dabei unterstützt, die Startbedingungen von benachteiligten Kindern so zu optimieren, dass sie überhaupt eine Chance haben, Teil der Gesellschaft zu werden, einen Beruf zu ergreifen, im besten Fall dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken.

Was braucht es, um ein Kind zu fördern?

Peter Strohmeier hat es vom Kind eines Bergarbeiters zum Professor gebracht. Foto: Peter Strohmeier

Peter Strohmeier hat es vom Kind eines Bergarbeiters zum Professor gebracht. Foto: privat

Peter Strohmeier begleitet das Projekt wissenschaftlich, um später einmal effektive Methoden in anderen Problembezirken zur Anwendung zu bringen.

Was braucht es, um Kinder zu fördern, deren Eltern oft kein Deutsch sprechen und zum Teil nicht wissen wie sie die eigenen Kinder erziehen sollen? „Man muss den Eltern grundlegende Kompetenzen vermitteln: Wie gehe ich mit Kinderkrankheiten um? Wie ernähre ich mein Kind?“, erklärt Strohmeier. Die Kinder selbst benötigten eine möglichst frühe Förderung, müssten Bewegungsangebote und eine Gesundheitsförderung erhalten. Ihre Umgebung müsse so gestaltet werden, dass sie dort die Chance hätten, sich anständig zu entwickeln. All das fasst der Soziologe unter dem Begriff der Präventionskette zusammen.

Die Förderung der Kinder ist umso wichtiger, da in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden und es immer mehr Rentner gibt. Wenn die wenigen Kinder statt in den Arbeitsmarkt eingegliedert zu werden, als Posten im Sozialsystem geführt werden, wird das für Kommunen, Land und Bund immer teurer.

 

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