Kein Kind zurücklassen

Das Netzwerk INFamilie

„Seit der Umwandlung des Arbeitslosengelds II zu Hartz IV 2005 steigen die Sozialausgaben. Die Mieten steigen, die Anzahl der arbeitslosen oder aufstockenden Empfänger wächst“, sagt Ingolf Sinn. Parallel dazu nehme die Stadt immer weniger ein. „Wo spart man also? Man fährt die Prävention herunter. Es ist die Ohnmacht vor den hohen Kosten.“

Das Landesprojekt „Kein Kind zurücklassen“ sei ein neuer Versuch, präventiv zu arbeiten.

Ingolf Sinn ist einer der Akteure des Netzwerks INFamilie, dem Dortmunder Teilprojekt von „Kein Kind zurücklassen“. Sinn ist seit 25 Jahren in der Sozialarbeit in Dortmund tätig und arbeitet derzeit für das städtische Familienprojekt. Er weiß, Reparaturmaßnahmen alleine bringen kaum etwas. „Das ist wie ein Fass mit Löchern, man steckt viel hinein und unten fließt alles heraus.“ Geld über den Bezirk zu schütten, helfe nicht. „Man muss das Problem unter einem ganzheitlichen Ansatz sehen: Die Rahmenbedingungen, in denen Kinder aufwachsen, spielen eine große Rolle.“ Wolle man den Kindern helfen, müsse man ihren Familien helfen und die Umgebung, in denen die Familien leben, kinderfreundlicher gestalten. „Die Kinder wachsen nicht im Vakuum auf.“

Das Familienprojekt der Stadt Dortmund soll das Miteinander junger Familien in Dortmund beleben. Foto: Niklas Dummer

Das Familienprojekt der Stadt Dortmund soll das Miteinander junger Familien in Dortmund beleben. Foto: Niklas Dummer

In dem Brunnenstraßen- und Hannibalviertel in der Dortmunder Nordstadt – vom Netzwerk „das Quartier“ genannt – versuchen die gut 60 Akteure von INFamilie, den Kindern eine Chance auf Bildung und somit auf den sozialen Aufstieg zu geben.

Das Quartier ist geprägt vom Hannibal, einem Bau aus den Siebzigern, der an aufeinander gestapelte Wohncontainer erinnert. Das Hannibal ist der Mittelpunkt eines abgestürzten Stadtteils. Die Bewohner des Quartiers stammen aus 35 verschiedenen Nationen, sprechen in vielen Fällen kaum Deutsch. Viele von ihnen vereinsamen, weil sie sich kaum mit ihren Nachbarn verständigen können. Die Stadt gibt ihnen Geld, aber wie Deutschland funktioniert, erklärt ihnen niemand.

 

„Alles andere sind Reparaturmaßnahmen.“

Um den Kindern in diesem Stadtteil ein ähnliches Schicksal zu ersparen, setzt das Netzwerk auf frühe Förderung, damit die entwicklungspsychologischen ersten drei Lebensjahre genutzt werden können. „Nur so kann Chancengleichheit realisiert werden, alles andere später sind Reparaturmaßnahmen“, sagt Sinn. Den Kontakt knüpfen Sinn und seine Mitarbeiter bei Willkommensbesuchen kurz nach der Geburt des Kindes. Dort werden die Eltern über verschiedene Leistungen wie Fördermaßnahmen für das Kind und sich selbst, den Baby-Eltern-Treff und Kinderärzte aufmerksam gemacht. 

„Wir haben viele soziale Dienstleister in der Dortmunder Nordstadt mit ins Boot geholt“, sagt Sinn. „Damit haben wir eine Bildungskette entwickelt.“ Bis das Kind zehn Jahre alt ist, soll es unterstützt werden: „Wir wollen das, was in den Familien bereits vorhanden ist, fördern und das, was nicht vorhanden ist, von außen hintragen.“

Markus Jentzsch vom Familienprojekt kommt im Bürgergarten mit einigen Vätern ins Gespräch.

Markus Jentzsch vom Familienprojekt kommt im Bürgergarten mit einigen Vätern ins Gespräch.

Leergezogene Häuser, kein Strom, kein Wasser

Die Angebote des Netzwerks wenden sich an alle Kinder des Quartiers. Derzeit sind es etwa 500 Kinder. Dazu kommen deren Familien. Jedes Jahr kommen 50 weitere Kinder hinzu.

„Ein Angebot haben ist gut. Die Kinder dort hinein zu kriegen, ist gar nicht so einfach“, sagt Sinn. An die Eltern heranzukommen, sei oft schwer. Manche von ihnen wohnten in leergezogenen Häusern, hätten keinen Strom, kein Wasser, dafür Ratten und Müll im Hinterhof. „Wenn ich nicht weiß, was meine Kinder morgen essen sollen, habe ich keinen Kopf für ein Bildungsangebot.“
Deswegen sei es umso wichtiger Orte zu schaffen wie den Bürgergarten an der Heroldwiese.

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