Wohin mit euch, Absolventen?

Nach dem Studium raus in die große Welt – solche Pläne machen viele Studenten, vor allem zu Beginn ihres Studiums. Doch hat man sich einmal in der Stadt eingelebt, überlegt man es sich zweimal mit dem Wegziehen. Wir haben fünf Studenten gefragt, ob das Ruhrgebiet für sie eigentlich genug Potenzial für ein Leben nach dem Studium hat. 

Der 25-jährige Frederik studiert angewandte Literatur- und Kulturwissenschaften im vierten Mastersemester. Für sein Studium zog er aus Dorsten nach Dortmund. 

Frederik Foto:

Frederik genießt das Leben im Ruhrpott. Fotos: Sarah Tober 

Ich bin zwar auch hauptsächlich wegen des Studiengangs hierher nach Dortmund gekommen, aber auch, weil die Stadt und auch das Ruhrgebiet als Ganzes einfach super lebhaft sind und viel zu bieten haben. Immer wenn ich mit  Freunden zu Konzerten gefahren bin oder anderweitig unterwegs war, sind wir im Ruhrgebiet gelandet. Was ich außerdem total mag, sind die Leute hier. Ihre direkte Art und auch der Ruhrgebiets-Slang sind super erfrischend.  

Dass es im Ruhrgebiet nicht immer überall besonders schön ist, wusste ich schon vorher. Dafür finde ich es hier aber echt interessant und lebenswert. Außerdem reizt mich das kulturelle Potential, das es hier gibt, auch wenn es leider nicht genug ausgeschöpft wird. Doch so langsam gewinnen Kreativität und Kultur an Bedeutung, das merke ich. Erst kürzlich habe ich mir hier auch ein zweites Standbein aufgebaut und mit Freunden ein eigenes Ladenlokal eröffnet. Deswegen werde ich nach meinem Master auch erst einmal hier bleiben und meine Zukunft von den Leuten abhängig machen, die um mich herum sind. Vor zwei, drei Jahren konnte ich mir das zum Beispiel überhaupt nicht vorstellen. Da habe ich ziemlich gehadert und wollte meinen Master auf keinen Fall in Dortmund machen. In dieser Phase hat das für mich alles irgendwie nicht gut gepasst. Momentan ist es aber total cool hier und nicht der richtige Moment, um wegzuziehen. Außerdem will ich auch einfach erstmal gucken, was kommt.

 

 

 

Martin ist 21 und ist bereits in seinem vierten Semester. Der geborene Dinslakener studiert Chemie an der Uni Duisburg-Essen.

Martin wohnt in Essen und studiert dort Chemie. Foto:

Martin wohnt in Essen und studiert dort Chemie.

Den Nobelpreis zu gewinnen, das ist natürlich das Ziel eines jeden Naturwissenschaftlers. Und auch mein Traum. Bis dahin wird es aber noch ein schwieriger Weg. 

Für die Uni Duisburg-Essen habe ich mich wegen des guten Rufs entschieden. Ich hatte die Wahl: Ausziehen oder Auto. Schließlich habe ich mich für das Auto entschieden und muss jetzt damit klarkommen, dass meine Mutter alles im Blick hat. Einfach mal einen Tag blau machen? Das bleibt zu Hause nicht unbemerkt. 

Generell kann ich mir vorstellen, später einmal im Ruhrgebiet zu leben. Nicht unbedingt in Essen, sondern in den Ruhrgebietsvorstädten. Dort, wo es etwas grüner und ruhiger ist. Doch all das hängt von den jeweiligen Forschungsmöglichkeiten ab. Vielleicht mache ich den Master auch in Düsseldorf, wenn dort besonders interessante Schwerpunkte gesetzt werden. Insgesamt stehen die Chancen aber ziemlich gut, dass ich dauerhaft im Ruhrgebiet bleibe. Das hier ist einfach ein guter Standort für die chemische Industrie.

 
 

 

Yola ist 24 und kommt aus Gummersbach. Sie studiert im neunten Semester Spanisch und Französisch auf Lehramt an der Uni Duisburg-Essen und wohnt in Essen.

Yola zog aus Gummersbach in eine fremde Stadt. Foto:

Yola zog aus Gummersbach in eine fremde Stadt.

Aus dem Oberbergischen nach Essen zu ziehen war ein riesiger Schock für mich. Ein Schock im absolut positiven Sinne. Ehrlich gesagt kannte ich Essen gar nicht. Die Uni hier war schlichtweg die einzige, die mich genommen hat. Wirklich über die Stadt informiert habe ich mich im Vorhinein nicht. Mein erstes Mal in Essen war dann der Tag, an dem ich den Mietvertrag im Studentenwohnheim unterschrieben habe. 

Mir hat es im Ruhrgebiet auf Anhieb gefallen: Die Leute hier sind super offen und nett und nicht so verschlossen wie in Gummersbach. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit einem „Ömchen“ ins Gespräch komme. Die Atmosphäre hier ist einfach viel privater. Die Größe der Stadt ist außerdem optimal für mich. Essen ist größer als meine 50.000-Einwohner Heimat und kleiner als so eine Riesenstadt wie Berlin. Vor einer solchen Metropole hätte ich schon Schiss.

Natürlich hat Gummersbach viel mehr Natur zu bieten als Essen. Vor allem die schönen Talsperren vermisse ich. Doch insgesamt finde ich es hier im Ruhrgebiet super und will nach dem Studium auch gerne hier bleiben.

 

 

  

Melissa studiert soziale Arbeit im dritten Semester und ist 21 Jahre alt. Geboren in Herne, wohnt sie heute in der Nähe ihrer Uni – der evangelische FH Bochum. 

Melissa. Foto:

Melissa studiert soziale Arbeit in Bochum.

Bochum oder Essen. Die beiden Unis kamen für mich in Frage. Die Entscheidung fiel mir dann gar nicht so schwer, die FH Bochum hat einfach einen besseren Ruf für soziale Arbeit. Andere Städte wie Berlin oder München reizen mich zwar sehr, doch hunderte von Kilometern von zu Hause zu studieren, das wollte ich nicht. Ich habe auf jeden Fall noch vor, viele andere Orte in Deutschland zu entdecken, den Master vielleicht auch zusammen mit meinem Freund in einer anderen Stadt zu machen. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass es mich früher oder später immer wieder ins Ruhrgebiet zurückziehen wird. Ich brauche einfach die Nähe meiner Familie und Freunde. Außerdem gefällt es mir hier wirklich richtig gut. Wer glaubt, das Ruhrgebiet sei grau und hässlich, der muss sich nur genauer umsehen: Der botanische Garten in Bochum und der Kemnader See gehören hier zu meinen Lieblingsorten. Ich vermisse hier rein gar nichts.

 

 

Jonas ist 21 und studiert im vierten Semester Physik an der TU Dortmund. Er kommt aus Calau (Niederlausitz) und wohnt heute in seiner Unistadt. 

Jonas Foto:

Jonas sieht im Ruhrgebiet riesiges Potential.

Auf jeden Fall raus und von zu Hause weg. Das war mir für meine Studienzeit wichtig und nach meinem Abi sofort klar. Nahegelegene Städte wie Dresden kamen dabei für mich nicht in Frage: Zu nah an der Heimat und dem alten Freundeskreis. Mit der Möglichkeit, schnell mal nach Hause zu fahren, trifft man sich sowieso weiterhin mit der alten Gruppe und ist nicht so offen, neue Leute kennenzulernen. 

Dortmund hat einen echt guten Ruf, was das Physik-Studium angeht. Das war mir wichtiger als der Trendfaktor der Stadt. Und hier bin ich also. Einige typische Klischees, die ich über das Ruhrgebiet kannte, haben sich sofort bestätigt: Die Leute sind ehrlich und direkt. Nichts ist aufgesetzt – das finde ich super sympathisch, damit kann ich mich identifizieren. Außerdem ist das hier ein „Mekka für Autofahrer!“.

Das Potential des Ruhrgebiets ist riesig. Es gibt nichts, was man nicht machen kann. Leider haben das viele Menschen noch nicht erkannt. Die Städte könnten viel studentenfreundlicher, jünger und dynamischer sein. Es gibt keine Alternativ- oder Künstlerviertel. Gründe, warum vielen Studenten hier die Perspektive fehlt.  Auch ich werde vermutlich nicht im Ruhrgebiet bleiben und nach dem Studium eher wieder in Richtung Familie ziehen oder sogar ein paar Jahre im Ausland arbeiten. 

 

 

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