Kein Kind zurücklassen

Die Grundschule Kleine Kielstraße

Am ehesten knüpft man den Kontakt zu den Kindern und Eltern über die Grundschule. Sie ist der Ankerpunkt, der erste Ort, an dem die Eltern mit ihren Kindern hinmüssen – so will es die Schulpflicht in Deutschland.

Die Grundschule im Quartier, die „Kleine Kielstraße“, war ausschlaggebend für die Wahl des Orts, an dem die Stadt Dortmund seine Arbeit für das Projekt „Kein Kind zurücklassen“ aufnahm. Problembezirke, in denen eine solche Arbeit nötig wäre, gibt es in Dortmund zur Genüge. „Die Grundschule geht einen anderen Weg als die meisten  Grundschulen in Deutschland – sie öffnet sich gegenüber dem Viertel“, erklärt Ingolf Sinn vom Netzwerk INFamilie.

„Die Schule ist in diesen Stadtteil eingebettet.“

Die Grundschule Kleine Kielstraße im Brunnenstraßenviertel.

Die Grundschule Kleine Kielstraße im Brunnenstraßenviertel. Foto: Wikipedia/Ralf Hüpf

Die „Kleine Kielstraße“ hat das Netzwerk mit initiiert. Doch schon viele Jahre vor dem Projekt „Kein Kind zurücklassen“ hat die Grundschule versucht, umzusetzen, was das Netzwerk heute forciert.

Julia Herdramm, Konrektorin der „Kleinen Kielstraße“, bezeichnet die Schule als eine Stadtteilschule. „Die Schule ist in diesen Stadtteil eingebettet.“ Auf einem beengten Platz inmitten von Hochhäusern kommen über 400 Kinder aus 35 Nationen zusammen. Manche von ihnen haben nie einen Kindergarten besucht und sprechen bei der Einschulung kaum ein Wort Deutsch. Manche können bis 20 zählen, andere wissen nicht, was eine 2 ist. Vielen hat es in ihrer frühen Kindheit an Bewegung und Erziehung gefehlt. Kein einfacher Arbeitsbereich für Lehrer. Wer hier etwas erreichen will, muss mit den Kollegen und den Eltern an einem Strang ziehen.

Als die Grundschule 1994 gegründet wurde, fragte sich das Kollegium, was Kinder brauchen, die in einem Umfeld wie der Dortmunder Nordstadt aufwachsen. „Diese Frage haben wir uns immer wieder gestellt und daraus erwachsen unsere Konzepte“, sagt Herdramm.
Das Kollegium scheint die richtigen Antworten gefunden zu haben. Der Deutsche Schulpreis 2006 und eine Quote von 44 Prozent Gymnasialabgänger im Jahr 2005 (der Durchschnitt in Dortmund lag zu der Zeit bei 19 Prozent) sprechen für sich. Doch von der Quote will Herdramm nichts wissen. „Uns ist es viel wichtiger, dass die Kinder auch auf ihrer späteren Schule ihren Weg gehen.“

Pippi Langstrumpf grinst an der Wand

Schon neun Monate, bevor die Schulzeit beginnt, melden die Eltern ihre Kinder an der Grundschule an. Um die gemeinsame Verantwortung von Lehrern und Eltern für das Kind zu betonen, werden die Eltern vor der Einschulung zu einem Gespräch in die Schule gebeten. „Die Eltern sind die Experten in der Erziehung des Kindes“, sagt Herdramm. „Wir begegnen den Eltern auf Augenhöhe und wollen von ihnen etwas über ihr Kind erfahren.“ Sie unterhalten sich über alltägliche Kleinigkeiten wie etwaige Ängste oder Allergien. „Es sind Kleinigkeiten wie diese, an denen der Schulalltag für ein Kind scheitern kann.“

In der Grundschule Kleine Kielstraße kommen über 400 Kinder aus 35 Nationen zusammen. Screenshot: Niklas Dummer

In der Grundschule Kleine Kielstraße kommen über 400 Kinder aus 35 Nationen zusammen. Screenshot: Niklas Dummer

Betritt man die Schule, grinsen Pippi Langstrumpf und die Schweine aus Helme Heines Sauerkraut von den bunt bemalten Wänden. Kommt man während der Schulzeit an den Klassenräumen vorbei, kann man durch die geöffneten Türen sehen, wie die Schüler in Gesprächsrunden lernen und dabei ihre Sprachfähigkeit entwickeln. Andere Schüler ein paar Räume weiter arbeiten konzentriert an ihren Wochenplänen. Davon, dass diese Kinder in einem Problemviertel aufgewachsen sind, merkt man nichts.

Das Kollegium der „Kleinen Kielstraße“ trifft sich einmal pro Woche, um gemeinsam Wochenpläne auszuarbeiten und Materialien auszutauschen. Nicht jeder bereitet seinen eigenen Unterricht vor; jeder ist für sein Fach verantwortlich und stellt seine Materialien den Kollegen zur Verfügung.

Jedes Kind nach seinen Fähigkeiten

Die Wochenpläne beinhalten Gruppenaufgaben und auf den Lernstand des Kindes zugeschnittene Einzelaufgaben. Hier lernt nicht jedes Kind das Gleiche, sondern jedes nach seinen Fähigkeiten. „Es gibt nichts Schlimmeres, als ein Kind permanent zu über- oder unterfordern“, sagt Herdramm. Gelernt wird fächerübergreifend, es wird Türkisch und Griechisch unterrichtet, es gibt Theaterangebote und einmal im Monat Flurlesen. Beim Flurlesen können die Kinder sich in einen Raum ihrer Wahl setzen und dort 30 Minuten einer Geschichte lauschen.

Die Kinder werden jahrgangsübergreifend unterrichtet und bleiben zwischen ein und drei Jahren in der Schuleingangsphase. Wichtig sei, dass die Kinder in den ersten Jahren das Lernen lernen. „Vielen Kindern fehlt von Zuhause ein geordneter Tagesablauf“, erzählt Herdramm.

Evi hat die Schule besucht. Mittlerweile lernt sie an einer Realschule. Für ihren Bruder Mustafa beginnt die Grundschulzeit gerade. Auch Mehmet und Ömer, ihre jüngsten Brüder, werden die „Kleine Kielstraße“ besuchen, denn ihre Mutter, Chrisa Tanlak, vertraut den Lehrern. „Es hat mir immer gefallen, wie sie mit meiner Tochter umgingen“, sagt Tanlak.Wichtig sei zudem, dass all ihre Kinder in der selben Umgebung, nicht weit weg von ihr sind. „Kinderstube, Kindergarten und Schule bilden ein Dreieck.“ Anders wäre es für die Hausfrau kaum zu bewerkstelligen, alle Kinder bei den Erziehern abzuliefern.

Das täglich geöffnete Eltern-Café ist Anlaufstelle für die Eltern. Es unterstützt und qualifiziert die Eltern durch Sprach- und Computerkurse. Einmal die Woche treffen sich einige Mütter in den Räumlichkeiten der Schule zum Frühstück. Das Eltern-Café wird von einer Mitarbeiterin der Stadtteilschule geleitet, einem freien Träger der Jugendhilfe. Die Schule bindet die Eltern in ihre Arbeit ein.

Doch nicht nur um Eltern kümmert sich die Grundschule Kleine Kielstraße. Auch die Jüngsten in den Familien sollen gefördert werden.

Seite 5 – Die Kinderstube

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