Kein Kind zurücklassen

Die Kinderstube

Gemeinsam mit Fabido, dem städtischen Träger für Kindertagespflege und -einrichtungen, der Bosch-Stiftung und dem Verein Kinderlachen konnte die Kinderstube eröffnen. „Wir hatten festgestellt, dass die meisten Kinder bei der Einschulung Mängel im Deutschen und in der Motorik aufwiesen“, sagt Julia Herdramm, die Konrektorin der Grundschule Kleine Kielstraße. Da Kinder im Alter von unter fünf Jahren am erfolgreichsten Sprachen lernen, setzen die Kinderstuben in diesem Zeitfenster an. Insgesamt gibt es vier Kinderstuben in der Dortmunder Nordstadt, eine liegt in einem Ladenlokal im Hannibal.

Der Hannibal an der Bornstraße: Das Wahrzeichen eines fast verlorenen Stadtteils. Foto: Wikipedia/Ralf Hüls

Der Hannibal an der Bornstraße: Das Wahrzeichen eines fast verlorenen Stadtteils. Foto: Wikipedia/Ralf Hüls

Hier werden neun Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren von drei Tagesmüttern betreut. Die Kinder stammen alle aus der Nachbarschaft der jeweiligen Kinderstuben, sodass es den Eltern leicht fällt, ihre Kinder dort abzuliefern. Von 8 bis 14 Uhr werden die Kleinen, für die Deutsch noch eine Fremdsprache ist, in ein „Sprachbad“ getaucht, wie Katrin Sprinkmeier von Fabido es ausdrückt.
 
Die meisten der Kinder im Hannibal sind gerade einmal seit vier Wochen in der Kinderstube und „es klappt schon alles super“, sagt Sarah Nase, eine der Tagesmütter. Dass die Kinder ohne Deutschkenntnisse und mit Defiziten im Sozialverhalten hier ankamen, merkt man beim Besuch nicht. Die Kinder erleben einen geregelten Tagesablauf und scheinen sich in der Obhut der Tagesmütter wohl zu fühlen. Den Tagesmüttern scheint der Umgang mit den aufgeweckten Kindern ebenfalls Freude zu bereiten.

Ganz nebenbei lernen die Kinder Deutsch

Bis kurz nach neun ist „offenes Ankommen“, Zeit über die die Kinder frei verfügen. „Die Kinder haben ihre Rituale. Das eine kommt morgens und will kuscheln, das andere nimmt immer dasselbe Buch und blättert darin“, sagt Nase.

Ab 9.15 Uhr wird gemeinsam gefrühstückt. Die Kinder lernen, sich selbst das Brötchen zu schmieren und quasseln und lachen beim essen. Der zweijährige Ömer, der jüngste von Chrisa Tanlaks Kindern, gehört zu den Neuen in der Kinderstube. Seine Brüder Mustafa und Mehmet waren bereits hier.

Als er Frischkäse für sein Brötchen haben will, zeigt er mit den Fingern darauf und sagt: „Haben.“ Nase sagt zu ihm: „Frag mal Toheeb: Kannst du mir den Käse geben.“ Ömer spricht langsam nach und Toheeb reicht ihm den Käse. Ömers Versuch das Brötchen zu schmieren wirkt noch etwas unbeholfen, doch ihm wird Mut gemacht: „Streiche hin und her und vor und zurück, so wie immer“, sagt Nase. „Du schaffst das schon.“ 

Ganz nebenbei – beim Spielen, beim Essen, beim Spazieren – lernen die Kinder Deutsch.

Nach dem Essen räumen die Kleinen den Tisch ab. In der Küche sind Teller, Messer und Tassen in den unteren Schränken, sodass die Kinder sie selbst aus- und einräumen können. Während Ömer beim Spülen hilft, wischt Toheeb den Tisch ab.

Die Entwicklung der Kinder bemerken auch die Eltern

Nach dem Essen wird gemalt, gebastelt, getobt, gespielt. Toheeb bereitet ein Mahl aus Knete zu und bietet es einer der Tagesmütter an. Diana und Yasmin, zwei Mädchen, die schon seit einem Jahr in der Kinderstube sind, spielen Mutter und Kind mit einer Puppe. „Wenn die Kinder ein Rollenspiel spielen, lassen wir sie machen. Das ist doch wunderschön anzusehen“, sagt Nase. Diana und Yasmin sitzen mit verschränkten Beinen auf einer Kiste, wiegen ihren Puppenwagen ein wenig und unterhalten sich. „Sie sehen aus wie alte Kaffeetanten“, lacht Nase. Als die beiden vor einem Jahr ankamen, konnten sie kein Wort Deutsch, jetzt sind sie in der Lage sich auf Deutsch in verschiedene Rollen hineinzuversetzen.

Spielend sprechen lernen: Ömer spielt mit Diana, einer Tagesmutter, Memoire.

Spielend sprechen lernen: Ömer spielt mit Diana, einer Tagesmutter, Memoire.

Die Entwicklung der Kinder bemerken auch die Eltern. Chrisa Tanlak, die Mutter von Ömer. Erzählt von Ömers ältesten Bruder, Mustafa: „Der erste konnte gar nicht Deutsch. Ich sagte zu Steffi wenn er Miam, Miam sagt, das heißt, er will Milch, damit du bescheid weißt.“ (Steffi ist eine der Tagesmütter in der Kinderstube an der Bornstraße.)

Nach ein paar Wochen fing Mustafa an, Deutsch zu sprechen. „Seine Geschwister haben mit ihm auch angefangen“, sagt Tanlak. „Mustafa hat immer mehr erzählt.“ Er fing an Zuhause aufzuräumen, mit seinen Geschwistern das Spielzeug zu teilen, schmierte sich selbst Brote und wollte nicht mehr gefüttert werden. „Ich habe ja immer gefüttert, gesagt, du wirst kleckern“, sagt Tanlak. Er sang die Lieder, die er in der Kinderstube lernte daheim und seine Mutter lernte sie auch.

Tanlaks erstes Kind, Evi, hatte einen Kindergarten besucht, ohne vorher in einer Kinderstube gewesen zu sein. Die Unterschiede seien riesig. „In der Kinderstube lernen sie viele Sachen früher und leichter.“ Das Eingewöhnen im Kindergarten und später in der Schule verlaufe problemloser – auch für die Eltern.

Das Problem steht im Mittelpunkt

Zwei Mal die Woche treffen sich die Tagesmütter mit den Eltern, kochen, backen oder basteln gemeinsam und sprechen über die Entwicklung der Kinder, geben Ratschläge in Sachen Kindergroßziehen und sprechen über Probleme.

Das Netzwerk INFamilie und die Arbeit der „Kleinen Kielstraße“ sind nur ein Beispiel dafür, wie vielerorts im Ruhrgebiet versucht wird, die Kinder, die schon durch ihren Geburtsort entscheidend benachteiligt werden, aufzufangen, sie nicht zurückzulassen. Die Arbeit funktioniert, weil das Problem im Mittelpunkt steht und soziale Dienstleister wie das Familienbüro, Institutionen wie die „Kleine Kielstraße“, Stiftungen, private Helfer und Spender wie die Bertelsmann-Stiftung zusammenarbeiten.

So kann es gelingen, aus fast verlorenen Stadtteilen wie dem Quartier, Orte zu machen, in denen Kinder aufwachsen können und trotzdem eine Chance auf den Aufstieg aus diesen Verhältnissen haben. So kann es gelingen, das Wort „Chancengleichheit“ mit Inhalt zu füllen.