Kino-Tipp: We want Sex

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Der deutsche Titel des Films, der im Original „Made in Dagenham“ heißt, führt etwas in die Irre: „We want Sex“ ist weder ein Erotikfilm, noch eine amerikanische Teeniekomödie übers Erste Mal. Um Sex geht es aber irgendwie doch – zumindest, wenn man das Wort mit „Geschlecht“ übersetzt. Der Titel bezieht sich auf ein nicht ganz ausgerolltes Protest-Transparent, auf dem „We want sexual equality“ steht, also sexuelle Gleichstellung.

Es geht voran: Der Arbeitskampf führt die Näherinnen bis nach London zum Parlamentsgebäude. Foto: Tobis

Es geht voran: Der Arbeitskampf führt die Näherinnen bis nach London zum Parlamentsgebäude. Foto: Tobis

Und damit ist man eigentlich auch schon mittendrin, in Dagenham im Jahr 1968. In der Vorstadt im Nordosten Londons arbeiten zu jener Zeit mehr als 50 000 Männer in den hiesigen Ford-Werken. Nebenan, in einem heruntergekommenen Nebengebäude, schuften jedoch auch 187 Frauen. Die sind wegen der stickig-heißen Luft meist nur in Unterwäsche bekleidet. Sie nähen die Autositze für die neuesten Ford-Modelle zusammen. Trotz harter Arbeit bekommen sie nur einen Bruchteil des Lohns ihrer Männer. Doch das tut der Stimmung unter den Kolleginnen zunächst keinen Abbruch.

Erster Frauenstreik der Geschichte

Bis das Management eines Tages beschließt, die Frauen als „ungelernte Arbeiter“ einzustufen, also ihr Gehalt noch weiter zu kürzen. Angeführt von Gewerkschaftsvertreter Albert (Bob Hoskins) beschließen sie, der Ungerechtigkeit ein Ende zu bereiten. Streikführerin soll ausgerechnet die zurückhaltende Rita (Sally Hawkins) werden. Doch die wächst mit ihren Aufgaben, entpuppt sich mehr und mehr als wortgewandt und klug. „Wir müssen endlich dafür sorgen, dass wir alle das gleiche Recht bekommen und eine Bezahlung, die sich nicht danach richtet, ob man einen Schwanz hat oder nicht!“, ruft Rita ihren Kolleginnen zu und beginnt damit den ersten Frauenstreik in der Geschichte.

Liebenswerter Working-Class Hero: Näherin Rita (Sally Hawkins) bei der Arbeit im Ford-Werk. Foto: Tobis

Liebenswerter Working-Class Hero: Näherin Rita (Sally Hawkins) bei der Arbeit im Ford-Werk. Foto: Tobis

Doch der Weg zur Gleichberechtigung ist noch weit: Nicht nur hinterlistige Manager und opportunistische Gewerkschafter stellen sich Rita und ihren Kolleginnen mit jeder Menge Gegenwind in den Weg. Als die Sitze in der Ford-Fabrik langsam zur Neige gehen, müssen auch die Männer zwangsläufig die Arbeit niederlegen und sind plötzlich gar nicht mehr begeistert von der ambitionierten Idee, für die ihre Frauen kämpfen. Die Unruhe in Dagenham wird bald zu einer nationalen Angelegenheit, die auch Arbeitsministerin Barbara Castle (Miranda Richardson), Spitzname „Die feurige Rote“, auf den Spielplan ruft.

Britischer Humor und Ohrwürmer

Regisseur Nigel Cole, der bereits mit „Grasgeflüster“ und „Kalender Girls“ Frauen zu seinen Filmheldinnen machte, erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte von Dagenham mit viel Ironie und typisch britisch-lockerem Humor. Trotz der Schwere des Themas ist „We want Sex“ eine warmherzige Sozialkomödie, die nicht nur von schrulligen Charakteren, sondern auch von der Liebe zum Detail seiner Macher lebt. Die Föhnfrisuren und die knalligen Klamotten, sowie der sorgfältig ausgewählte Soundtrack voller Sixties-Ohrwürmer laden gleichzeitig zu einer spannenden Zeitreise ins Jahr 1968 ein, ohne auch nur ein einziges Mal aufgesetzt zu wirken.

Abstimmung zum Arbeitskampf: Gewerkschaftsvertreter Albert (Bob Hoskins) stachelt die Frauen an. Foto: Tobis

Abstimmung zum Arbeitskampf: Gewerkschaftsvertreter Albert (Bob Hoskins) stachelt die Frauen an. Foto: Tobis

Doch nicht zuletzt sind es die grandiosen Darstellerinnen, die den Film über das, auch im Jahr 2011 immer noch brandaktuelle Thema Gleichstellung am Arbeitsplatz sehenswert machen: Sally Hawkins, die für ihre Rolle in „Happy Go Lucky“  2008 den silbernen Bären auf der Berlinale gewann, haucht der Figur der Rita O’Grady so viel Authentizität und Charisma ein, dass man sie einfach lieben muss. Auch Miranda Richardson überzeugt als Power-Ministerin, ebenso Jaime Winstone als jüngste Fabrikarbeiterin Sandra, die eigentlich von einer Modelkarriere träumt, sich aber vom Naivling schließlich doch zur Kämpferin entwickelt.

Ein Film, der alles andere als platte Komödie oder trockene Sozialkritik ist, sondern mit feinsinnigem Humor und Ironie zum Nachdenken anregt.

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