Coworking: Allein und doch nicht einsam

In den USA ist es schon seit Jahren eine weit verbreitete Arbeitsform, nun kommt der Trend auch in Dortmund an: Im ersten „Coworking-Space“ teilen sich Freelancer, Blogger, und andere Kreative aus verschiedensten Branchen und Orten ein Büro. Ohne große Verpflichtungen, dafür aber mit viel gegenseitigem Support.

Viel Platz für wenig Geld: Im Coworking Space am Schwanenwall kann sich jeder schnell und günstig einen Arbeitsplatz mieten. Foto: Laura Zacharias

Viel Platz für wenig Geld: Im Coworking Space am Schwanenwall kann sich jeder schnell und günstig einen Arbeitsplatz mieten. Foto: Laura Zacharias

Auf den ersten Blick könnte es auch ein ganz normales Kleinunternehmen sein: Ein paar Tische zu einer Gruppe zusammengestellt, Laptops, Tablet-PCs und Kaffeetassen stehen darauf. Eben alles, was man heutzutage zum Arbeiten im Büro braucht. Doch hier, im Ausstellungsraum eines Parketthändlers hat Softwareentwickler Harm Lübben gemeinsam mit anderen Freiberuflern einen „Coworking Space“ eröffnet. „Ich habe vorher nicht immer zu Hause, sondern auch oft in Cafés gearbeitet“, erzählt er. Arbeit vom Privatleben trennen, das sei ihm ein Bedürfnis. „Es strukturiert einfach besser, wenn ich genau weiß, ich gehe jetzt zur Arbeit, und danach habe ich Freizeit“, sagt Lübben.

Die Idee des „Coworking Space“, kannte der 43-Jährige bereits aus anderen Städten. Sie ist einfach beschrieben: In einem Großraumbüro kann sich jeder für einen Tag oder auch für längere Zeit einen Arbeitsplatz mieten, Strom, Internet, Stuhl, Tisch, Drucker und andere Dinge, die man so im Arbeitsalltag benötigt, sind vorhanden. „Was uns hier noch fehlt, ist ein ruhiger Konferenzraum“, sagt Lübben. „Das haben die meisten Coworking-Spaces, und das wollen wir auch noch hinkriegen.

Frühstück und kreative Synergieeffekte

Austausch gegen Einsamkeit: Stefan Wild hat schon lange nach einem Arbeitsplatz abseits der eigenen vier Wände gesucht. Foto: Laura Zacharias

Austausch gegen Einsamkeit: Stefan Wild hat schon lange nach einem Arbeitsplatz abseits der eigenen vier Wände gesucht. Foto: Laura Zacharias

Was das Coworking ausmacht, sei aber weitaus mehr, als die reine Hardware, sagt Stefan Wild, der den Verein hinter dem Büro mitgegründet hat: „Ich habe 13 Jahre lang allein zuhause gearbeitet. Da sehnt man sich irgendwann nach Austausch, sonst fällt einem die Decke auf den Kopf.“ Auch Fotograf Simon Bierwald und Technikblogger Matthias Schleif schwärmen von „nachhaltigen Synergieeffekten“ dieses Arbeitsmodells: „Wenn ich mal eine technische Frage habe, finde ich hier jederzeit meine Ansprechpartner“ sagt Bierwald und zeigt auf seinen Büronachbarn. Außerdem seien gemeinsame Frühstücke und Vortragsabende zu verschiedensten Themen in Planung.

Doch nicht nur Dortmunder nutzen den Raum zum Arbeiten: Sascha Pallenberg, der eigentlich in Taiwan lebt und arbeitet, ist gerade auf der Durchreise: „In meinem Hotel ist das Internet auf dem Stand von 1998“, klagt der Gründer einer gefragten Info- und Testbereichtsseite für Netbooks, Tablets und co. „In meiner Branche kann ich das nicht gebrauchen.“Auf Twitter habe er von der Neugründung des Coworking-Space am Schwanenwall gelesen und sich spontan für ein paar Tage eingemietet.

Neun Euro für Arbeitsatmosphäre

Momentan sind die Dortmunder Coworker noch eine überschschaubare Gruppe, doch das soll sich ändern, sagt Harm Lübben: „Wir haben knapp 600.000 Einwohner hier in Dortmund, da kann ich mir schon vorstellen, dass es mal um die hundert Leute werden.“ Im Raum des Parketthandels sei allerdings nur Platz für acht. „Wenn es soweit ist, dann suchen wir uns andere Räumlichkeiten“, sagt er. Denn je mehr Mitglieder zusammenkommen, desto teurer darf logischerweise die Miete werden. Außerdem weiß er bereits von der Gründung eines weiteren Coworking Space: Auch am Hohen Wall, in der „ständigen Vertretung“ soll am 6.Mai eine Etage für Coworker eröffnet werden.

Gegenseitiger Support und neue Kontakte: Simon Bierwald schätzt besonders die Branchenvielfalt in Coworking Space. Foto: Laura Zacharias

Gegenseitiger Support und neue Kontakte: Simon Bierwald schätzt besonders die Branchenvielfalt in Coworking Space. Foto: Laura Zacharias

Neun Euro kostet der Arbeitsplatz am Schwanenwall für einen Tag. Wer Mitglied wird und sich einen festen Arbeitsplatz einrichtet zahlt 150 Euro im Monat. Damit könnte er neben einem Spind, in dem Geräte und ähnliches deponiert werden können, schon bald weitere Vorteile haben: „Es gibt die Idee, unter allen Coworking Spaces sogenannte ‚Visa‘ einzurichten“, erklärt Harm Lübben. Damit könne jeder, der irgendwo auf der Welt Mitglied in einem Coworking Space ist, auch die Räume in anderen Städten nutzen. Lübben: „Ich halte das für den derzeitigen Evolutionsstand der Arbeit. Täglich von irgendwo in die Festanstellung pendeln, das ist von gestern.“


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