Kino-Tipp: Von Menschen und Göttern

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Der Film „Von Menschen und Göttern“ erzählt die Geschichte einiger Zisterzienser-Mönche in Algerien, die in die Fronten von Terroristen geraten. Verlassen sie das Land oder stehen sie für ihre Ideale ein? Regisseur Xavier Beauvois beweist, dass es auch abseits von Hollywood großes Kino gibt.

Bruder Luc schiebt dem Mädchen behutsam die schwarzen Locken aus dem Gesicht und betrachtet eingehend die gut verheilte Wunde auf der Stirn. „Ein Pflaster müssen wir nicht draufmachen, lohnt sich nicht“, entscheidet er dann. „Aber in die Sonne sollte sie vorerst nicht gehen.“ Beflissen lauscht die Mutter den Anweisungen. Doch anstatt mit ihrer Tochter den Behandlungsraum anschließend zu verlassen, blickt sie verschämt auf die nackten Füße des Kindes. „Ah, verstehe“, murmelt der Geistliche und kramt aus einer Kiste ein Paar Schuhe hervor.

Die Dorfbewohner rund um das Kloster sind nicht nur medizinisch auf die Hilfe der Mönche angewiesen. Foto: NFP

Die Dorfbewohner rund um das Kloster sind nicht nur medizinisch auf die Hilfe der Mönche angewiesen. Foto: NFP

Luc und seine katholischen Mönchsbrüder leben in Harmonie mit einem muslimischen Dorf am Fuße eines Klosterberges in Algerien. Für die islamische Dorfgemeinschaft sind sie Seelsorger und Helfer in der Not. Luc ist obendrein ein guter Allgemeinmediziner. Das friedliche Miteinander wird jedoch einer unerwarteten Probe unterzogen, als die Nachricht eines terroristischen Anschlags in der Umgebung das Kloster erreicht. Als die Rebellen schließlich mit Waffen in die Glaubensstätte eindringen und von den Brüdern die Herausgabe von Medikamenten fordern, stehen diese vor der zentralen Frage: Sollen sie bleiben oder lieber zurück nach Frankreich gehen?

Gehen oder bleiben?

Von Menschen und Göttern“ schildert diese Entscheidungsfindung – vor dem Hintergrund wahrer Ereignisse in Algerien der Neunziger Jahre. Der Film erzählt in 120 Minuten mit fast dokumentarischer Nähe von dem wochenlangen Hadern der Mönche. Dabei verfolgt Regisseur Xavier Beauvois eine strenge cinematische Linie und verzichtet durchgehend auf hollywoodeske Effekthascherei. Das kommt dem schwierigen Thema letztendlich zugute und ist, verglichen mit amerikanischen Blockbustern, beinahe entspannend.

Die Ordensgemeinschaft findet sich plötzlich inmitten eines fundamentalistischen Widerstreits zwischen erbarmungslosen Rebellen und ebenso unbarmherzigen Regierungstruppen wieder. Während die Geistlichen in endlosen Debatten das Für und Wider ihrer Gemeinschaft abwägen, steht stets die Frage der Nächstenliebe im Raum. Auf der einen Seite sind die Dorfbewohner auf die Hilfe der Ordensmänner angewiesen. Andererseits verbietet die Bibel jedwede Art der Parteinahme. Auch wenn der Film nie einen Hehl daraus macht, dass seine Protagonisten Christen sind: Er ist bei Weitem keine Lobeshymne auf das Christentum.

In intensiven Debatten erörtern die Mönche die Frage, ob sie bleiben oder das Kloster verlassen sollen. Foto: NFP

In intensiven Debatten erörtern die Mönche die Frage, ob sie bleiben oder das Kloster verlassen sollen. Foto: NFP

Ein Film auch für Nichtchristen

Ähnlich wie in Lessings „Nathan der Weise“ steht hier vielmehr ein ideelles Thema im Mittelpunkt: Die Brüder erkennen, dass sämtliche Glaubensrichtungen im Grunde Ein und Dasselbe vom Menschen verlangen. Es geht nicht darum zu entscheiden, welche der Weltreligionen die Offenbarung in der richtigsten Form besitzt, sondern um ein verantwortungsbewusstes Leben. Vielleicht ist es genau diese Einsicht, die dem Film dieses Jahr in Cannes eine goldene Palme einbrachte.

Von Menschen und Göttern“ ist ein höchst menschlicher Film, und so kann es auf die zentrale Frage „Fliehen oder bleiben?“ letztlich nur eine logische Antwort geben. Das selbst diese Antwort die Katastrophe nicht verhindern kann, passt umso mehr.

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