Facebook-Knigge: Manieren fürs Netz

Facebook ist weiter auf dem Vormarsch: Immer mehr Menschen verbringen immer mehr Zeit im sozialen Netz. Dabei laden sie Partyfotos von der letzten Nacht hoch, geben freizügig sexuelle Orientierung nebst Beziehungsstatus an und listen Lieblingsbücher, -bands und -filme. Viele verlieren im virtuellen Raum das Gespür dafür, was sie von sich preisgeben sollten und was nicht, sagt Rainer Wälde, Stil- und Imageberater und Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rates.

Rainer Wälde ist seit 2004 Herausgeber des Referenzwerks „Der Große Knigge“ und Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rates. Er hat insgesamt 20 Bücher veröffentlicht, zuletzt „Personal Branding – Natürlich erfolgreich“.  Foto:

Rainer Wälde ist seit 2004 Herausgeber des Referenzwerks "Der Große Knigge" und Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rates. Neben den klassischen Knigge-Themen wie Tischsitten, Kleidung und Gesellschafsmanieren beschäftigt er sich zunehmend mit Stilfragen im Bereich Social-Media. Foto: Janine Guldener

In seinem Seminar „Personal Branding. Natürlich erfolgreich. Auch bei Facebook und Twitter.“ wirbt Wälde für gutes Benehmen im Netz. Wie wichtig potentiellen Arbeitgebern der Facebook-Auftritt des Bewerbers ist, ob man sich mit seinem Professor anfreunden darf und wann man selbst seinen besten Freunden mit ständigem Posten auf die Nerven geht, verrät der Stilberater im Interview.

pflichtlektüre: Facebook hat die Zwanzig-Millionen-Marke in Deutschland geknackt. Ob im Hörsaal, am Schreibtisch oder unterwegs auf dem Handy – wir alle sind bei Facebook. Wie viel Zeit am Tag für Facebook macht eigentlich Sinn?

Rainer Wälde: Nur aus Wichtigtuerei im Stundentakt bei Facebook zu checken, ob es etwas Neues gibt – meist nichtssagende Posts von Freunden – dafür ist die Zeit zu schade. Auf die Woche gerechnet reichen zwei Stunden völlig aus, das macht eine Viertelstunde am Tag. Die sollte man dann gezielt nutzen.

Erwarten Arbeitgeber mittlerweile, dass junge Menschen bei Facebook, Twitter und Co. mitmischen?

Das glaube ich nicht. Wenn Sie in der Kommunikations- oder Werbebranche arbeiten wollen, dann schon. Für diese Unternehmen gehört es zum Jobprofil, dass man mit Netzwerken Erfahrungen hat. Aber im klassischen Businessbereich wird das nicht erwartet. Egal ob Sie sich nun bei einer Bank, einer Versicherung oder in der Industrie bewerben.

Man hört immer wieder, dass Arbeitgeber sich ihre Bewerber bei Facebook anschauen, bevor sie diese zum Gespräch einladen. Wie wichtig ist der Auftritt in solchen Netzwerken?

Meine momentane Einschätzung: Viele Firmen leugnen zwar, dass sie bei Bewerbern den Facebook-Auftritt angucken. Ich habe da aber meine Zweifel. Wenn ich von mir selbst ausgehe: Bei Bewerbern gucke ich mal, ob es bei Facebook ein Foto von Ihnen gibt, für den ersten Eindruck. Aber mehr auch nicht.

2004 startete Facebook als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten, mittlerweile wird der Börsengang geplant. Foto: F. Gopp /pixelio.de

2004 startete Facebook als soziales Netzwerk für Harvard-Studenten, mittlerweile wird der Börsengang geplant. Foto: F. Gopp / pixelio.de

Welchen Einfluss hat mein Profilbild denn auf die Entscheidung eines Arbeitgebers?

Es ist zumindest sinnvoll, mit einer guten Aufnahme aufzutreten, auf der man souverän und kompetent rüberkommt. Das muss kein Passfoto sein. Ein Tipp: Ich würde in allen sozialen Netzwerken mit demselben Foto auftreten, und darauf achten, dass es auch ein Arbeitgeber sehen darf. Denn über Google, Yasni und 123people verschmelzen ja die Fotos, die im Internet unter meinem Namen zu finden sind. Wenn ich bei Facebook auf zahlreichen Partybildern zu sehen bin, muss ich zumindest mal den Zugriff blocken, damit die nicht für jeden zu sehen sind. Da macht man die Schotten besser dicht.

Würden Sie grundsätzlich empfehlen, das Profil gegen Zugriffe von Usern, mit denen ich nicht befreundet bin, zu sperren?

Ja. Da muss ja nicht jeder alles sehen.

Ist es schlau, bei Facebook ehemalige Arbeitgeber und Praktika aufzulisten?

Warum nicht? Wenn das vernünftige Firmen sind, kann man das gut machen.

Wenn ich gerade ein Praktikum absolviere oder neben der Uni jobbe, darf ich mich dann mit meinen Kollegen und Vorgesetzten anfreunden?

Na klar, das würde ich gleich machen. Das ist im grünen Bereich. Wenn ich Teil der Firma bin, vielleicht auch nur Praktikant, dann habe ich da meine Kontakte und baue mir mein Netzwerk auf. Das kann ja auch später beruflich wieder sinnvoll sein: Wenn ich mit zwei, drei Leuten im Praktikum eine gute Beziehung aufgebaut habe, kann das später wieder Türen öffnen. Warum nicht in diesen Verbindungen bleiben?

Facebook

Mehr als 250 "likes" für die Facebook-Seite der pflichtlektüre. Wer bei Facebook zu oft "gefällt mir" klickt, gerät übrigens unter Spam-Verdacht und wird vorgewarnt. Foto: Alexander Greven

Wie sieht es mit dem Prof. aus?

Das liegt ganz am Stil, den der Professor pflegt. Das spürt man. Außerdem ist entscheidend, aus welcher Altersgruppe er kommt. Ist ein Professor zwischen 35 bis 45 und kennt sich mit den neuen Medien gut aus, dann ist es sicherlich unproblematisch. Man sollte auch schauen, ob der Professor vielleicht schon mit anderen Studenten befreundet ist. Bei älteren Lehrenden wäre ich da eher vorsichtig, das würde mir eher als anbiedern vorkommen.

Bei Facebook kann man eine ganze Menge persönlicher Daten angeben: Neben dem Geburtstag auch Wohnort, E-Mail-Adresse oder Telefonnummern. Sehen Sie da eine Gefahr, zu viel preiszugeben?

Das geht ja bei Facebook bis zur sexuellen Orientierung. Ich empfehle jedem Mitglied zu überlegen: Will ich Facebook privat nutzen oder beruflich? Das würde ich strikt trennen. Ist Facebook für mich eine Freizeitgeschichte, kann ich da auch meine Hobbys und Interessen angeben. Ich finde es dann okay, wenn jemand seinen Lieblingsfilm postet. Trotzdem würde ich dann auch im kleinen Kreis keine Interna ausplaudern, keinen Klatsch und Tratsch posten. Man weiß nie, wer das irgendwann mal knacken kann und man will ja nicht, dass es dann irgendwann für jeden zu sehen ist.
Wenn Facebook eine rein berufliche Sache ist und man sich auch manche Türen damit öffnen will, dann sollte man auch nichts Privates einpflegen, nicht sein Leben teilen. Dann sind das Kontakte, keine Freunde.

Verbraucherschützer warnen immer wieder vor zu viel Freizügigkeit bei Facebook. Verlieren die User den Sinn dafür, wer alles ihre Einträge und Bilder sehen kann – dafür, dass sie sich in einer Öffentlichkeit bewegen?

Ja. Gerade unter Studenten stellt man derzeit einen Casting-, Posting- und Sexyness-Kult fest. Der Wunsch nach Selbstinszenierung wird mit solchen Fotos und Postings unterstützt. Da posieren junge Männer mit Waschbrettbauch und junge Mädels wollen den sexuellen Marktwert ein bisschen ausstellen. Manche verkaufen sich da richtig. Da wäre ich sehr vorsichtig.

Alles korrekt so? Auch im virtuellen Raum kann ein bisschen Etikette nicht schaden, denn jeder Schritt kann von unseren Facebook-Freunden verfolgt werden.

Knigge 2.0: Auch im virtuellen Raum können ein paar gute Sitten nicht schaden, denn jeder Schritt kann zumindest von den Facebook-Freunden verfolgt werden. Foto: Alexander Greven

Was spricht dagegen, sich online zu inszenieren?

Die Frage ist: Wofür soll mein Name in der Öffentlichkeit stehen? Den Gedanken dahinter nennt man „Personal Branding“. Das sollte jeder Student sich genau überlegen: Mit welchen Themen möchte er in Verbindung gebracht werden. Wenn man das bedenkt, kann man auch Bilder und Nachrichten posten.

Was sagt der Benimmexperte zum Posten – wie oft am Tag ist erlaubt?

Mein Bauchgefühl sagt mir: Von einem Mal pro Woche bis einem Mal pro Tag ist alles im grünen Bereich. Aber mehrmals täglich mit irgendwelchen Banalitäten unter die Leute gehen? Was man postet, soll ja auch Sinn haben. Zum Beispiel: „Gähn – muss jetzt aufstehen.“ Wo ist da der Nachrichtengehalt? Ob das Kommilitonen, Professoren oder zukünftige Arbeitgeber lesen – man sieht, der ist flach drauf. Das sind Nullinformationen, die auch im Freundeskreis nicht gut ankommen. Solche Selbstdarsteller werden dann relativ schnell rausgeschmissen. Wenn ich aber wirklich etwas zu sagen habe oder etwas Interessantes teilen möchte, kann ich das tun.

Bei Facebook kann man mit Freunden online einchecken, also Orte verlinken, an denen man sich gerade befindet.

Ich habe das mal selbst bei Foursquare getestet – mit null Reaktion. Darin sehe ich gar keinen Nutzen. Der Nachteil, überall Spuren und Bewegungsprofile zu hinterlassen, ist deutlich hoch. Ich will nicht, dass sich mir jemand auf die Fersen begeben kann. Wo ich wann bin und was ich mache, das ist zu intim. Wir Deutsche sind eben auch sehr datenschutzsensibel.