Alles eine Frage der Motivation

Das Sommersemester nähert sich seinem Ende und viele Studenten müssen noch für Klausuren büffeln oder Hausarbeiten schreiben. Je näher jedoch die Deadline rückt, umso mehr von ihnen verlieren ihre Lust, sich mit den noch ausstehenden Aufgaben zu befassen. Warum die Motivation gerade jetzt ein eher seltener Gast ist und wie man sich selbst wieder motivieren kann, erklärt Marlies Pinnow. Sie ist Diplom-Psychologin und Leiterin der Forschungsgruppe Motivation an der Ruhr-Universität Bochum.

Marlies Pinnow ist die Leiterin der Forschungsgruppe Motivation an der RUB. Foto: Anna Hückelheim

Marlies Pinnow ist Diplom-Psychologin und Leiterin der Forschungsgruppe Motivation an der RUB. Foto: Anna Hückelheim

pflichtlektüre online: Wie definieren Sie „Motivation“?

Marlies Pinnow: Wir nehmen an, dass sich Motivation in zwei unterschiedliche Formen unterteilen lässt. Auf der einen Seite gibt es die expliziten Ziele. Das sind Vorsätze, zu denen wir uns bewusst entscheiden. Sie bilden ein System, das durch die Kognition, bildlich gesprochen den Kopf, gesteuert wird. Als explizites, bewusstes Ziel bezeichnen wir zum Beispiel das Vorhaben, eine Klausur zu schreiben. Anders dagegen die impliziten Motivationen. Diese entstehen impulsiv, ohne Anstrengungen von innen heraus und betreffen Grundstrebungen des Menschen, zum Beispiel Hunger, Sexualität, Leistung, Bindung und Macht. Dazu zählt etwa im Bereich der Bindung der Wunsch, mit anderen Menschen zusammen zu sein, wenn man abends ausgehen möchte. Viele Motivationspsychologen benutzen auch die Metapher „Kopf, Bauch und Hand“. Der Kopf bedeutet, dass wir uns bewusst selber Ziele setzen. Der Bauch steht sinnbildlich für Dinge, die wir gerne ohne Anstrengungen tun und die Hand symbolisiert das Können. Alle Motivation, ein Vorhaben zu verwirklichen, nützt nämlich nichts, wenn es sich um etwas handelt, dass man nicht beherrscht.

pflichtlektüre online: Was bewirkt Motivation bei uns Menschen?

Bücherstapel Foto: Anna Hückelheim

Mit einem Ziel vor Augen lässt sich die anstehende Arbeit besser bewältigen. Foto: Anna Hückelheim

Marlies Pinnow: Die Motivation beeinflusst die Intensität und Ausdauer mit der ein Mensch sich mit einer bestimmten Aufgabe beschäftigt: Zum Beispiel wie intensiv ein Student sein Studium verfolgt oder ob er eine Klausur wiederholt, wenn das Ergebnis nicht seinen Vorstellungen entspricht. Letztendlich ist die Motivation dafür verantwortlich, wie weit es einem gelingt, ein bestimmtes Ziel zu verfolgen.

pflichtlektüre online: Wie entsteht Motivation?

Marlies Pinnow: Im Prinzip steht am Anfang immer zunächst die Zielsetzung und dieses Ziel ist mit einem bestimmten Anreiz verbunden. Das heißt, ich stelle mir etwa vor, wie schön es sein wird, erfolgreich in meinem Wunschberuf zu sein. Doch bevor ich mir diesen Traum erfüllen kann, muss ich die Hürde des Studiums oder der Ausbildung bewältigen. Der Anreiz ist letztendlich der Grund, warum man motiviert ist und das Ziel erreichen möchte. Zusätzlich unterscheiden wir auch verschiedene Bereiche von Motivation, z.B. die sogenannten „Big Three“. Sie heißen: „Macht“, „Leistung“ und „Anschluss“. Manche Menschen studieren beispielsweise, um später einmal eine Machtposition einnehmen zu können. Andere studieren, um unglaublich tüchtig zu werden und wiederum andere finden die Menschen sympathisch, die in dem gewählten Beruf tätig sind und wollen mit diesen zusammenarbeiten. Das heißt, wir haben verschiedene Quellen beziehungsweise Bereiche, aus denen wir unsere Motivation schöpfen.

Motivationslose, schlafende Studentin. Foto: Anna Hückelheim

Lieber schlafen als lernen - ohne Motivation geht nichts. Foto: Anna Hückelheim

pflichtlektüre online: Warum verlieren Studenten im Laufe eines Semesters häufig ihre Motivation?

Marlies Pinnow: Wenn man sich ein Ziel setzt, dann sollte die Motivation eigentlich ständig ansteigen, je näher man diesem Ziel kommt. Leider schleichen sich aber auf dem Weg dorthin auch sogenannte Vermeidungstendenzen ein. So müssen Studenten am Ende des Semesters häufig noch eine Hürde überwinden, zum Beispiel in Form einer Klausur oder Hausarbeit, um ihre Kurse abzuschließen. Dadurch ist aber auch die Möglichkeit des Misserfolgs gegeben, den sie lieber vermeiden möchten. Deshalb nimmt der Wunsch, die Prüfung nicht ablegen zu müssen, gleichzeitig mit der Motivation mehr und mehr zu, je näher der Student dem Semesterende kommt. Jedoch steigt das Vermeidungsbedürfnis viel stärker an, wodurch das Empfinden entsteht, dass man die Klausur umso weniger schreiben will, je näher sie rückt.

pflichtlektüre online: Gibt es denn Möglichkeiten für Studenten, sich selbst zu motivieren, um die letzten ausstehenden Arbeiten noch zu bewältigen?

Marlies Pinnow: Ja, da gibt es einige Tricks. Man kann zum einen aus dem Kopf heraus agieren und sich selbst das Ziel setzen, die Hausarbeit zu schreiben. Mittlerweile weiß man, dass je konkreter diese Vorhaben sind, umso besser die Chancen stehen, sie auch umzusetzen. Das heißt, dass man sich nicht nur vornimmt, die Arbeit irgendwann zu schreiben, sondern beispielsweise plant, am Montag um 8 Uhr anzufangen. Am besten erstellt man sich eine „To-Do-Liste“ für die betreffenden Tage, die man dann auch regelmäßig abhakt, um sich zu belohnen und zu verdeutlichen, dass man auf dem Weg zum Ziel voranschreitet. Dadurch erkennt man auch, wo sich eigene Barrieren verstecken – wo man anfängt Arbeiten ständig aufzuschieben.

To-Do-Liste. Foto: Anna Hückelheim

Eine To-Do-Liste kann helfen, sich selbst zum Lernen zu motivieren. Foto: Anna Hückelheim

pflichtlektüre online: Haben Sie noch weitere Tipps, mit denen Studenten ihrer Motivation nachhelfen können?

Marlies Pinnow: Ich empfehle Studenten darüber nachzudenken, mit welcher Belohnung sie sich selber an den Schreibtisch bekommen könnten. Denn wenn man erst einmal dort sitzt, dann ist die eigentliche Aufgabe manchmal überhaupt kein Problem mehr. Aller Anfang ist schwer. Darüber hinaus sollten sie sich überlegen, wie sie sich das Schreiben oder Lernen angenehmer oder leichter machen könnten. Vielleicht schuften einige lieber in der Bibliothek, wo andere über ähnlichen Arbeiten grübeln müssen – anstatt alleine zu Hause. Dadurch schaffen sie sich ein Setting, in dem sie sich wohl fühlen oder von ablenkenden Ereignissen isoliert sind. Zusätzlich können Studenten versuchen, sich Visionen darüber zu machen, wie schön es sein wird, wenn die Hausarbeit oder die Klausur geschrieben ist und sie dann endlich Zeit haben, die Semesterferien zu genießen.

pflichtlektüre online: Kann jeder Student diese Motivationstricks anwenden oder ist ihr Erfolg vom jeweiligen Typ abhängig?

Marlies Pinnow: Eigentlich kann das jeder. Vorher muss man für sich selber nur individuelle Barrieren erkennen. Also zum Beispiel überlegen, woran es hakt, dass man die gemachten Vorsätze nicht umsetzen kann. Danach muss man dann versuchen, diese Barrieren aus dem Weg zu räumen oder sie zu umgehen.

pflichtlektüre online: Können Sie aus ihrer persönlichen Erfahrung ein Beispiel geben, wie man Barrieren meiden kann?

Marlies Pinnow:
Früher habe ich häufig der Idee nachgegeben, noch Arbeit am Abend mit nach Hause zu nehmen. Leider hat das aber bei mir selten funktioniert, da viele familiäre Pflichten auf mich warteten. Am nächsten Morgen habe ich mich darüber immer geärgert und hatte dazu noch ein schlechtes Gewissen, dass ich die Texte doch nicht gelesen hatte. Deswegen habe ich meine Strategie verändert und beschlossen, solange im Büro zu arbeiten, bis ich alle für einen Arbeitstag geplanten Aufgaben erledigt habe, um dieser Barriere keine Chance zu geben. Der Wunsch, nach Hause zu gehen, verlieh mir in diesen Situationen dann häufig Flügel.

Vielen Dank für das Gespräch!

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