Duell: Ist Social Freezing vertretbar?

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US-Konzerne wie Facebook und Apple bieten Frauen an, kostenlos deren Eizellen einfrieren zu lassen. Dadurch sollen die Mitarbeiterinnen später Kinder kriegen – und zunächst Karriere im Unternehmen machen. Wir fragen: Ist das der Gipfel kapitalistischer Profitgier? Oder einfach nur ein nettes Angebot für die moderne Frau? Unser Duell.

Eine von vielen Optionen
findet Valentin Dornis

Wie wäre es mal mit einem nüchternen Blick auf die Fakten – ohne sich gleich angegriffen, diffamiert oder herabgewürdigt zu fühlen?

Zunächst einmal ist Social Freezing ein Begriff, der das Einfrieren von Eizellen beschreibt, um zu einem späteren Zeitpunkt schwanger werden zu können. Das kann ganz verschiedene Gründe haben, auch sehr persönliche. Zum Beispiel drohende Unfruchtbarkeit durch eine Chemotherapie oder einen fehlenden Partner. Der Job­-Aspekt ist also nur einer von vielen.

In der aktuellen Debatte zeigt sich: So ein Thema polarisiert und führt zu sehr einseitigen Diskussionen. Die Frau, die von einer Firma das Angebot kriegt, ihre Eizellen-­Einfrierung bezahlt zu bekommen, scheint angegriffen zu werden. Sie dürfe wohl nicht mehr schwanger werden, wann sie will! Oder: “Die Firma ist nur auf den Profit bedacht!” So oder so ähnlich lauten die Vorwürfe. In einer offenen Debatte muss aber auch Platz für eine andere Sichtweise sein: Social Freezing kann auch ein Zugewinn an Freiheit sein.

Dafür muss es natürlich gewisse Voraussetzungen geben. Zum Beispiel darf Social Freezing nicht die einzige Option werden, Karriere und Kinder möglich zu machen. Es kann nur dann mehr Freiheit bedeuten, wenn eine Bewerberin die freie Wahl hat: Will ich meine Eizellen einfrieren lassen? Will ich mein Kind früher kriegen und dabei von meinem Arbeitgeber unterstützt werden? Will ich eine Auszeit nehmen dürfen, um mich nur um mein Kind kümmern zu können? Oder will ich vielleicht überhaupt nicht schwanger werden?

All diese Fragen müssen erlaubt sein. Social Freezing ist nur dann sinnvoll und fair, wenn alle anderen Optionen vom Arbeitgeber ebenso angeboten und finanziert werden. Und wenn die Frau nicht unter dem Druck steht, sich einzig für oder gegen das Einfrieren ihrer Eizellen entscheiden zu müssen. Doch zu diesem Punkt kann man nur kommen, wenn man die Optionen offen diskutiert. Durch einen allgemeinen Aufschrei, durch die pauschale Ablehnung vertut man die Chance, Social Freezing als einen von vielen Aspekten der Karriere-­und­-Kind­-Frage zu sehen. Wer sich allein durch die Möglichkeit angegriffen fühlt, gibt einem möglichen Zugewinn an Freiheit gar nicht erst die Chance, etabliert zu werden.

Vielleicht ist die Lösung in manchem Fall ja auch eine ganz andere – was, wenn der Mann nicht erst mit 45 Vater werden will? Denn zum Kinderkriegen gehören ja immer noch zwei. Auch das wird in der aktuellen Diskussion gerne vergessen. Die Entscheidung für Social Freezing ist bei Frauen mit Partner immer auch eine Frage der gemeinsamen Entscheidung als Paar. Und wenn das Paar zu dem Entschluss kommt, sich erst auf die Karriere und dann auf die Kinder konzentrieren zu wollen, dann muss es diese Entscheidung auch treffen dürfen. Das dann auch noch die Firma die Kosten übernimmt, wäre in diesem Fall sogar ein Pluspunkt.

Eine günstige Lösung für Unternehmen
findet Nora Wanzke

Es klingt wie eine Krankheit, über die diskutiert wird. Diagnose: Schwanger. Ende der Selbstverwirklichung, Ende der Freiheit, Ende der Karriere. Aber endlich kommen die Retter. Apple und Facebook haben die Lösung für all diese Probleme. Mehr Emanzipation, mehr Entscheidungsfreiheit, mehr Chancengleichheit. Auf dem Rezept steht: Social Freezing. Wirkt wie eine Grippeimpfung, um länger, besser und optimierter zu arbeiten. Die Unternehmen verkaufen es unter dem Deckmantel „social“ – aber eigentlich verbirgt sich dahinter eine Perversion.

Einem Unternehmen geht es in erster Linie um Profit. Also um eine optimale Produktion. Erstmal nicht verwerflich. Der Weg dorthin bedeutet, Mitarbeiter im energiereichsten Alter – zwischen 20 und 40 Jahren – voll einzusetzen. Es geht in erster Linie nicht um das Wohl der Mitarbeiter, sondern um das Wohl der Firma. Ein Kind im Bauch einer jungen motivierten Mitarbeiterin ist da eine Katastrophe. Schwanger und Karriere unmöglich. Wie soll eine Mutter ihre komplette Energie in einen Job stecken, wenn ihr Kind krank zu Hause liegt? Es lenkt ab und ist schlecht für den Arbeitsprozess. Ist das Kind aus dem Gröbsten raus, ist die Frau zu alt. Mit 40 Jahren ist Karriere nicht mehr drin. Sie wird abgeschrieben.

Eine günstige Lösung für die Unternehmen, die biologische Uhr einfach auszutricksen. Die Kosten sind relativ gering, im Gegensatz zu anderen Optionen: Unternehmen­-Kitas, bezahlte Elternzeit, womöglich Home­-Office oder die Überbrückung der Stelle nach der Entbindung. Karriere bedeutet Selbstoptimierung. Dieser Druck liegt auf den Schultern unserer Generation.

Wir sollen so früh wie möglich die Schule abschließen, schnell das Studium absolvieren, dazwischen mehrere Monate im Ausland verbracht haben und mindestens zwei Sprachen fließend sprechen. Der Lebenslauf soll perfekt sein. Platz für Schwäche gibt es da nicht.

Stellt sich einer vor, eine junge Frau bekommt schon während des Studiums ungewollt ein Kind. Sie ist auf dem freien Markt abgeschrieben. Kann vielleicht als Assistentin arbeiten, aber Karriere – der Zug ist abgefahren.

Apple und Facebook sagen, Social Freezing sei eine Option für Frauen. Aber was ist, wenn sich eine Frauen bewusst dagegen entscheidet. Wird diese Frau dann wirklich in diesen Unternehmen Karriere machen? Eine tickende Zeitbombe gegen all die anderen Konkurrentinnen, die ihre möglichen Nachkömmlinge artig wie ein Sparguthaben auf einer Bank hinterlegt haben. Social Freezing als kostenloses Angebot der Firmen ist kein Mittel für mehr Gleichberechtigung. Es ist eine Diskriminierung gegenüber den Frauen, die Karriere und Familie verbinden wollen.

Jeder sollte in unserer Gesellschaft selbst entscheiden dürfen, ob, wann und wie er ein Kind bekommt. Und ob eine Frau ihre Eizellen aus persönlichen oder gar medizinischen Gründen einfrieren lässt, ist nicht zu kritisieren. Solange sie frei und ohne Druck der Arbeitgeber entschieden hat. Es ist Zeit für unsere Gesellschaft, umzudenken. Kinder sind keine Krankheit. Und schwanger sein ist auch keine tödliche Seuche. Wir brauchen Kinder schließlich auch für unser Wirtschaftswachstum. Aber vor allem sollten Frauen dasselbe Recht haben wie Männer: Karriere machen und eine Familie zu Hause haben. Bei den männlichen Individuen unserer Gesellschaft funktioniert es doch auch. Über diesen Punkt wird bei keiner Anstellung nachgedacht. Vor allem wird nicht darüber diskutiert.

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Foto: stockxchng/bizior, Teaserfoto: S. Hofschlaeger / pixelio.de, Montage: Steinborn/Schweigmann 

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