Heute habe ich leider keinen Schlüssel für dich

WG-Casting: Pflichtlektüre-Autorin Nora Wanzke wurde von Bewerbern überrant.   Foto: Nora Wanzke

Die Chemie stimmt einfach nicht: Pflichtlektüre-Redakteurin Nora Wanzke hat für ihre WG eine neue Mitbewohnerin gesucht. Und dabei Horrorszenarien durchlebt. 

Drei Tage. 30 Bewerberinnen. Ich brauche: 29 Absagen, eine Zusage und starke Nerven. Mein erstes WG-Casting steht an. Noch sitze ich gemütlich in meiner Küche und trinke meinen Morgenkaffee. Die Frage ist, wie lange ich hier noch entspannt sitze. 

Ich bin Nora, 21 Jahre alt, Journalistikstudentin – klein, blond, gesprächig. Ich biete: Eine Altbauwohnung im Kreuzviertel mit Balkon und Dielenboden. Und suche: Eine neue Mitbewohnerin, die halbwegs normal ist. Die Anzeige bei WG-gesucht kam an. 50 Mails in drei Tagen. Die 30 kreativsten Bewerbungen haben eine Recall-Mail von mir bekommen.

Mütter sollten zu Hause bleiben

Es klingelt. Ich drücke den Türsummer. Das hätte ich mir auch sparen können. Sie steht schon vor meiner Haustür. An der Hand ihre Mutter. Meine Horrorbegegnung. Die Flat-Inspectors sind unterwegs. Mit einem Finger prüft die Mutter, wie sauber mein Bad ist und im freien Zimmer nimmt sie die Fenster ganz genau unter die Lupe: „Wirklich dicht sind die aber nicht.“ Super Feststellung, wir stehen hier gerade auch in einer Altbauwohnung. „Sag‘ es direkt, wenn die Chemie nicht stimmt“, fordert die Mutter. Unglaublich. Mit der Tochter habe ich bis jetzt kein einziges Wort gewechselt. Wie soll ich da wissen, ob die Chemie stimmt? Ich gebe ihr noch eine Chance und stelle ein paar Fragen aus meinem zusammengestellten Katalog. Die Mutter antwortet. Ein absolutes No-Go. „Du kannst wirklich sagen, wenn die Chemie nicht stimmt. Dann können wir direkt weiter suchen.“ Ich koche innerlich.

Endlich, die Tür fällt ins Schloss. Nummer eins streiche ich direkt von der Liste. Null von zehn erreichbaren WG-Punkten.

Kuriosester Bewerber: Bruno, ein sabbernder Mops

Nächste Bewerberin, nächstes Glück. Es klingelt. Schnaufend kommt sie die Treppe hoch. Meine Wohnung liegt im vierten Stock. Ein bisschen Training dann wird sie auch hoch sprinten können.

Oben angekommen, sehe ich erst, wer so geschnauft hat. Ein fetter Mops hievt sich die Stufen hoch. Ich hatte extra geschrieben: „Haustiere nicht erwünscht.“ An der Leine ist noch ein Frauchen. Typ: Hipster – aber von der ganz extremen Sorte. Aufgedreht schüttelt sie mir die Hand. Ihre Hornbrille fällt ihr gleich von der Nase und ihr merkwürdiger Dutt mitten auf dem Kopf wackelt hin und her: „Du musst wissen, ich werde nicht alleine einziehen. Bruno gehört zu mir.“ Aber Bruno wird nicht zu mir gehören. Dieses sabbernde Etwas will ich nicht in meiner Wohnung haben. Niemals. Ich halte unsere Begegnung auf Small-Talk-Ebene.

Es klingelt. Ich bin erlöst.

Merke: Baldrian-Pillen immer griffbereit halten

Vielleicht sollte ich mir kleine Aufgaben überlegen? Einmal abwaschen oder das Bad putzen? Dabei könnte ich die Fähigkeiten überprüfen. Ich höre es schon von unten keuchen. Es wird immer lauter. Ist sie krank? Ein etwas konfuses Mädchen steht vor mir. Die Haare durcheinander, die Brille schief. Irgendwie sympathisch. „Ich bin so aufgeregt“, keucht sie mir entgegen. „Kennst Du das, wenn Dir vor Aufregung die Luft abgeschnürt wird?“

Ich glaube, meine Gesichtszüge entgleiten mir gerade. Damit hatte ich nicht gerechnet. Soll ich meine Notfall-Baldrian-Tabletten rauskramen oder einen Beruhigungstee kochen? Ihr Atem wird langsamer. Sie tut mir leid. Meine Redeanteil ist deutlich höher. Trotzdem bekommt sie acht von zehn WG-Punkten. Wir verabschieden uns. Ich halte einen glitschigen toten Fisch in der Hand. Ihre Handinnenfläche ist nass vor Angstschweiß. Ich falle in meinen Sessel und muss mir jetzt einen Beruhigungstee kochen. 27 Bewerberinnen kommen noch. Ich weiß nicht, wie ich das überstehen soll. 

Nach gefühlten 100 Stunden Small-Talk und nächtlichen Albträumen von Müttern und Möpsen habe ich eine Entscheidung gefällt. Nummer sechs bekommt einen Schlüssel von mir. Bei Hannah aus Münster stimmt die Chemie.

2 Comments

  • Justyna sagt:

    Hej, was ist denn mit der Beschreibung der anderen 28 Bewerberinnen?

    Guter Schreibstil! Bitte um Fortsetzung 😀

  • Sascha sagt:

    Schöne Story, leider viel zu schnell und abrupt zu Ende…, würde mich über eine Fortsetzung der Kuriositäten freuen. WG-Casting, was für ein Horror.

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