Duell am Donnerstag: Brauchen wir die Apps?

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Für nahezu alles gibt es mittlerweile Apps: egal ob Wetter, Reisen oder Speisepläne. In der Kaffeebar Chaqwa in der EF50 sammelt der Kaffeeliebhaber seit Neuestem über die Anwendung 10 stamps Treuepunkte, um ein Gratis-Getränk zu erhalten. Aber geht das nicht mittlerweile zu weit? pflichtlektüre-Autorin Anna Palm ist der Meinung, dass das Handy schon viel zu sehr unser Leben bestimmt. Autorin Lisa Oenning findet die neue App einfach nur praktisch. Brauchen wir für alles eine App? 

Nein!

Bis auf Bahnen, die mir vor der Nase wegfahren, gibt es nicht vieles, was mich wirklich nervt. Aber das hier schon: „Person XY hat dich eingeladen, CandyCrush zu spielen.“ Ein für alle Mal: Ich will bei Facebook nicht permanent Spielempfehlungen von irgendwelchen Apps bekommen.

„Instagram“ hab ich übrigens auch nicht, mein dreizehnjähriger Bruder aber schon. Ein einziges Mal habe ich mir das angeguckt. Die Startseite besteht zu einem Viertel aus Selfies und zu drei Viertel aus Essen. Ich scrolle über Pommes, Eisbecher und in besonders gesunden Fällen über behutsam angerichtetes Obst, was aus dem besten Blickwinkel fotografiert wurde. Darauf kommt natürlich noch ein schöner Farbfilter und damit wird das Ganze schon zum individuellen Kunstwerk. Denn vorher hat ja noch nie jemand Pommes fotografiert.

Appwahnsinn erreicht die Uni

Auch die Speisekarte der Unimensen gibt es nun als App, „Apfel“ heißt sie. Das Ganze ist ja eine gut gemeinte Erfindung. Aber sind wir jetzt wirklich zu faul, einmal zum ausgehängten Speiseplan zu laufen oder uns in der Mensa vor Ort anzuschauen, was es heute gibt? 

Die Kaffeekarte von Chaqwa, auf der die Koffeinsüchtigen ihre Stempel sammeln können, um den 10. Kaffee geschenkt zu bekommen, ist doch ein Klassiker. Jetzt soll diese Karte von der „10StampsApp“ ersetzt werden, die sämtliche Stempelkarten beinhaltet. Ist das wirklich nötig? Dadurch werden wir praktisch gezwungen, unser Handy immer und überall dabeizuhaben. Ist es so kompliziert, das Pappkärtchen aus dem Fach im Portemonnaie zu ziehen und einen Stempel darauf zu drücken? 

Gerade beim Kaffee trinken geht es doch darum, das Handy mal zur Seite zu legen, sich zu entspannen, den Unistress ein bisschen zu verdrängen, sich mit jemandem zu unterhalten. Diese App sorgt aber dafür, dass wir schon wieder unser Handy in der Hand halten, schon wieder dem Drang widerstehen müssen, noch einmal eben die Mails zu checken, noch einmal eben per „Whatsapp“ zu kommunizieren. 

Apropos „Whatsapp“: Das ist wohl eine der kritischsten Apps überhaupt. Natürlich habe ich es, natürlich nutze ich es. Aber der Spaß hört da auf, wo zwei Freunde sich eine Viertelstunde lang gegenübersitzen und beide manisch angehaucht mit ihren Fingern in den Nachrichtenfenstern der App herumhämmern, ohne auch nur ein Wort, geschweige denn einen Blick zu wechseln. Es ist doch faszinierend, wie ein soziales Netzwerk unsoziale Wesen aus uns machen kann. Forscher der Universität Bonn haben herausgefunden, dass ein Durchschnittsnutzer alle zwölf Minuten sein Smartphone aktiviert. Dazu haben sie ironischerweise eine App namens „Menthal“ entwickelt, die die Handyabhängigkeit messen soll.

 

Ja!

Ich sitze im Zug. Er steht schon seit mehr als einer halben Stunde. Es gibt keine Durchsage. Kein Licht, obwohl es früh am Morgen ist. Der einzige Anschluss an die Zivilisation: mein Smartphone. Dank meiner Bahn-App erfahre ich, dass der Zug auch noch länger auf der Stelle stehen bleiben wird. Meinen Anschluss-Zug werde ich verpassen – und zu spät zur Uni kommen. Dank dieser App und „Whatsapp“ kann ich meine Freunde wenigstens darüber informieren, dass ich es nicht mehr rechtzeitig zum Seminar schaffen werde.

Die kleinen Helfer im Alltag 

Warum soll ich mein Leben unnötig kompliziert machen, wenn ich es auch einfach haben kann? Diese Frage stelle ich mir, wenn meine Freunde und Bekannten sich darüber beklagen, dass die Menschen sich zu sehr mit ihren Smartphones und Apps beschäftigen. Die Anwendungen können ein prima Helfer im Alltag sein: Schon während der Vorlesung kann ich herausfinden, was auf dem Speiseplan der Mensa steht. Bevor ich das Haus verlasse, kann ich schnell und einfach erfahren, ob ich einen Regenschirm benötige. Höre ich im Café ein gutes Lied, so kann ich dank des Musikerkennungsdienstes „Shazam“ Titel und Interpret innerhalb weniger Sekunden ausfindig machen. 

Mit der Zeit gehen

Wir leben im 21. Jahrhundert – da ist es schon merkwürdig, wenn ein Student kein Smartphone hat. Es gehört zur heutigen Generation dazu, wie das Tamagotchi zu den 90er Jahren. 

Da ist es selbstverständlich, dass auch die Kaffeebar Chaqwa mit der Zeit geht und sich an der App „10 stamps“ beteiligt. Nun ist es möglich, über das Handy zehn Stempel zu sammeln, für die der Kaffeeliebhaber ein Getränk gratis erhält. Endlich ist die Zeit vorbei, in der mein Portemonnaie vor lauter Treuekarten aus allen Nähten platzt. Dass ich meine Treuepunkte nun über eine digitale Anwendung sammele, ist auch noch vorteilhaft für die Umwelt. Und wenn wir mal ehrlich sind: Heutzutage gibt es kaum noch einen Studenten, der das Haus ohne Handy verlässt. Also ist es doch nur von Vorteil – und auch noch bequem – wenn ich an der Kaffeebar nur kurz mein Handy zücken muss, um einen Treuepunkt zu bekommen, anstatt die Leute in der Schlange hinter mir damit zu verärgern, dass ich ewig nach meiner Treuekarte suche. Und wer sich darüber beklagt, dass die junge Generation zu oft am Tag ihr Mobiltelefon in der Hand hat: Auf das eine, zusätzliche Mal in der Kaffeebar kommt es nun wirklich nicht an.

 

 

das-duell-feederFoto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann 

Teaserfoto: Ute Mulder /pixelio.de