Buchtipp: Wachstumsschmerz

Luise ist knapp über 30. Ihr Leben ist soweit in Ordnung: Sie arbeitet als Schneiderin für Herrenanzüge und hat einen tollen Freund. Sie sollte eigentlich zufrieden sein, doch das ist sie nicht. Stattdessen befindet sie sich in einer sogenannten „Thirdlife Crisis“. Sie fühlt sich in diesem, ihrem Leben falsch. Sie zweifelt an ihrem Lebensentwurf. Die Autorin Sarah Kuttner erzählt in ihrem neuen Roman „Wachstumsschmerz“ von der Angst Erwachsen zu werden. Es geht auch um die Frage, wie man in seinem Leben glücklich werden kann, trotz aller Zweifel.

Luise lebt in Berlin, ist seit mehr als drei Jahren mit ihrem Freund Flo zusammen und nun beschließen die beiden endlich in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Nach einigen Problemen bei der Wohnungssuche findet das Paar eine nette Wohnung und ist anfangs total glücklich. Und so wie es auch häufig in der Realität ist, beginnen mit der gemeinsamen Wohnung irgendwann die ersten Probleme. Während Flo mit seiner Situation jedoch recht zufrieden scheint, hat Luise das Gefühl, dass alles den Bach hinuntergeht.

Der Roman "Wachstumsschmerz" ist Sarah Kuttners zweiter Roman. Vergangene Woche ist er sofort auf Platz 14 der Spiegelbestsellerliste eingestiegen. Foto: S.Fischer Verlag.

Der Roman "Wachstumsschmerz" ist Sarah Kuttners zweiter Roman. Mittlerweile ist das Buch auf Platz 11 der SPIEGEL-Bestsellerliste. Foto: S.Fischer Verlag.

Und auch beruflich läuft es nicht so wie Luise will: Sie würde eigentlich gerne eine eigene Kollektion rausbringen, aber kann sich nicht aufraffen. Oder eine erfolgreiche Schauspielerin sein. Luise ist nämlich in einer Castingagentur eingetragen und bekommt regelmäßig Anfragen fürs Vorsprechen. Aber so richtig will das nicht klappen, wie Luise anmerkt. Sie selbst beschreibt sich als eine Frau, die „nicht brennt, für nichts brennt“. Während ihre Familie immer mehr von ihr fordert, allen voran der Vater, weiß sie nicht, was sie vom Leben will. Denn auch um die innere Zerrissenheit dreht sich Kuttners zweiter Roman. Um die existentielle Frage: Was will ich von meinem Leben?

Es geht bergab

Und das vor allem wegen Luise. Geschuldet durch ihre Lebenskrise, verschreckt sie ihren Freund Flo immer mehr. Der zeigt viel Verständnis, indem er vor allem jedem Streit aus dem Weg geht. Aber auch das passt Luise gar nicht. „Ich bin einfach nicht zufrieden. Nicht mit mir, meinen Entscheidungen, meinem Leben und nicht mit dir. Uns“, erklärt Luise ihrem Freund. Die beiden entfernen sich immer weiter voneinander und für Luise gibt es schließlich nur einen Ausweg: eine Trennung auf Probe. Auch das ist sinnbildlich für Luise ein Problem beim Erwachsenwerden. Statt richtige Entscheidungen zu treffen, wie es im Leben ja ist, findet sie sich mit irgendwelchen Halblösungen ab. Es könnte sich ja noch alles zum Guten wenden.

Flo zieht also aus und das für mindestens sechs Wochen – darauf haben sich beide nämlich geeinigt. Das erfährt der Leser zwar durch die Geschichte erst im letzten Drittel des Buches, kann es aber durch die geschickte Einteilung des Romans schon vorher erahnen. Während der eine Teil unter dem Titel „Memo“ steht, wird in dem anderen Teil die Geschichte erzählt. Beide Teile wechseln sich im Verlauf des Buches regelmäßig ab. Mit dem „Memo“ ist im übertragenen Sinne, die Zeit nach Flo gemeint, also nach der Trennung. Dort beschreibt die Hauptfigur Luise ihre Gefühle, ihre Gedanken und ihre Zeit ohne Flo. Der zweite Abschnitt beschreibt demnach die Zeit vor der Trennung, also mit Flo.

Mitten aus dem Leben

Begonnen hat Sarah Kuttner ihre Karriere im Radio. Nach ihrer Zeit als Moderatorin verfasste sie ihren ersten Roman "Mängelexemplare". Foto:Marcus Höhn.

Begonnen hat Sarah Kuttner ihre Karriere im Radio. Nach ihrer Zeit als Moderatorin verfasste sie ihren ersten Roman "Mängelexemplare". Foto: Marcus Höhn.

„Aus dem Leben“ – so könnte man den Stil dieses Buches beschreiben. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich wird es dem Leser in vielen Situationen leicht fallen eine Verbindung zum Buch aufzubauen. Es ist einfach mitten aus dem Leben geschrieben. Und obwohl der Inhalt viele anfangs abschrecken mag, da sicherlich ein gewisser „Schon-1000-Mal-gehört“-Faktor vorhanden ist, sollte man dranbleiben. Die Belohnung ist ein ingesamt kluges und unterhaltsames Buch, das aufgrund seiner emotionalen Tiefe punktet.

Auf der negativen Seite ist die relativ vorhersehbare Geschichte, die jedoch durch die gute Hauptfigur Luise und die interessanten Nebenfiguren in den Hintergrund tritt. Und insbesondere die Thematik rund ums Erwachsenwerden, den Zukunftsängsten, den Hoffnungen und den Zweifeln macht den Roman so interessant und abwechslungsreich. Für jeden, der ein gefühlvolles, intelligentes und authentisches Buch für Zwischendurch sucht ist „Wachstumsschmerz“ genau das Richtige – man muss dem Roman nur eine Chance geben.

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