Werkzeugkasten für die Stimme

Mal sind es die auffälligen Sprechstörungen wie Stottern oder Lispeln. Es gibt aber auch die unscheinbaren Störungen, die der Gegenüber gar nicht unbedingt bemerkt. Zum Beispiel die sogenannte Dysphonie: Dann nämlich ist die Stimme empfindlich und neigt zur Heiserkeit. Die Stimme hört sich rau an und zum Teil bricht sie beim Sprechen weg. Auch die Dortmunder Studentin Lena Külker hat damit zu kämpfen. So richtige Schmerzen hatte sie zwar nicht, aber nervig war es schon. Und deswegen ging sie zum Hals-Nasen-Ohrenarzt, der ihr prompt eine Sprachtherapie verschrieb.

„Ist ja auch für den späteren Beruf wichtig und man muss ja ohnehin ständig reden“, sagt Lena. Die künftige Rehapädagogin hatte immer häufiger eine belegte und heisere Stimme und irgendwann war es dann genug. „Es ist nicht so, dass das meine Lebensqualität mindert. Aber es ist zu vergleichen mit einer ständig laufenden Nase.“ Und die nervt ja auch ziemlich. Nachdem dann der HNO-Arzt feststellte, dass organisch alles in Ordnung war, verschrieb dieser Lena eine zehnstündige Sprachtherapie.

Sprachfehler können auch zu enormen Verunsicherungen führen. Da kann das Sprechen vor einer Menge schnell zur Qual werden. Foto:pixelio.de/S.Hofschläger

Sprachfehler können auch zu enormen Verunsicherungen führen. Da kann das Sprechen vor einer Menge schnell zur Qual werden. Foto:pixelio.de/S.Hofschläger

„In den ersten Therapiestunden haben wir bislang Vorübungen gemacht. Also vor allem für die Atmung, weil ich beim Reden oft zu viel Luft verbrauche“, erzählt Lena. Und das überlastet dann die Stimmbänder. Eine Behandlung ist auch deswegen wichtig, weil es sonst schlimm enden kann. Und dann wäre eine Operation nötig. „Das ist alles kein Spaß. Die Stimmbänder schließen nicht adäquat und reiben an bestimmten Stellen aneinander . Es können dann kleine Knötchen an den Stimmbändern entstehen“, sagt die Dortmunder Logopädin und Sprachtherapeutin Ulrike Meyer-Oschatz. Und das müsste dann operiert werden.

Kein Jackpot

Lena ist eine kleine, blonde junge Studentin, der man die Dysphonie wirklich nur an schlechten Tagen anhört. Sie hatte aber auch schon schlimme Phasen, in denen die Stimme kaum mehr was hergab. “ In der Zeit habe ich dann auch deutlich weniger gesprochen. Dann fällt es definitiv auch auf und es ist für mich vor allem anstrengend zu reden.“ Und deswegen erhofft sich Lena auch eine Besserung, wenn sie die zehn Stunden absolviert hat. So eine Art kleinen Werkzeugkasten, wenn es mal wieder akut wird.

Professor Ute Ritterfeld lehrt an der TU Dortmund. Außerdem leitet sie die Abteilung Sprache und Kommunikation. Quelle: TU Dortmund.

Professor Ute Ritterfeld lehrt an der TU Dortmund. Außerdem leitet sie die Abteilung Sprache und Kommunikation. Quelle: TU Dortmund.

Und vor allem als Studentin ist es heutzutage nicht so toll, wenn die Stimme versagt. „Gerade, wenn man weiß, dass man nächste Woche ein Referat hat“, so Lena. „Wenn man krank wird, sagt man ja auch nicht: „Uhh, Jackpot!“.“ Auch die Wissenschaft sagt, dass solche  und ähnliche Sprechstörungen unter Studenten deutlich verbreiteter sind, als man annehmen mag. Allerdings gibt es dazu keine regelmäßigen Studien.

Eine Studie der Universität Leipzig im Jahr 2006 unter 5.400 künftigen Lehrern ergab jedoch folgendes: Allein 16 Prozent der Probanden lispelten oder stotterten. Aber auch das Poltern ist weit verbreitet, was die Logopädin Meyer-Oschatz bestätigen kann. „Die Poltersymptomatik ist relativ häufig. Das ist dann, wenn jemand schnell spricht und ab und zu mal eine Silbe verschluckt“, beschreibt die Logopädin die Sprechstörung.

Sprache – das A und O

Dabei gibt es durchaus verschiedene Taktiken, um mit einem Sprachfehler umzugehen. Die einen ziehen sich eher zurück, sind schüchtern. Andere dagegen gehen offen damit um. Denn bei weitem nicht alle lassen ihren Sprachfehler behandeln. „Man kann auch selbstbewusst mit solchen Sprechstörungen umgehen“, sagt Ute Ritterfeld, Professorin für Sprache und Kommunikation an der TU Dortmund. „Die Leute sagen dann eben, dass Lispeln ihr Markenzeichen ist.“ Es geht dabei auch sehr stark um den persönlichen Leidensdruck: Die einen kommen damit gut zurecht, während andere doch stark darunter leiden.

Und weit schauen muss man auch nicht: Auch einige Berühmtheiten leben mit ihren Sprachfehlern selbstbewusst und akzeptieren diesen. So zum Beispiel die Bundeskanzlerin Angela Merkel, die einen Sigmatismus hat ─ einen S-Fehler. Und so wirklich stört sich keiner daran.

Einfluss auf das Verhalten

Es gibt aber auch die andere Seite, wenn sich die  Sprachfehler, insbesondere das Stottern, stark auf den Alltag, den Beruf und das soziale Verhalten auswirken. „Viele haben Vermeidungsstrategien“, erklärt die Sprachtherapeutin Meyer-Oschatz. „Bei Telefonaten mit Behörden,Versicherungen oder Terminabsprachen mit der Autowerkstatt hat das großen Einfluss.“ Und dann isolieren sich die Betroffenen teils stark.

Häufig ist es auch so, dass die Leute den Sprachfehler nicht wahrnehmen. Oder er gehört einfach zur Person dazu und stört nicht. Foto:pixelio.de/Sebastian Bernhard

Häufig ist es auch so, dass die Leute den Sprachfehler nicht wahrnehmen. Oder er gehört einfach zur Person dazu und stört nicht. Foto:pixelio.de/Sebastian Bernhard

„Da liegt auch der Knackpunkt. Unsere Gesellschaft sollte Unterschiedlichkeit noch mehr akzeptieren“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Ritterfeld. „Das fängt doch bei Migration an und hört bei lokalbedingten Dialekten auf.“ Also nach dem Motto: Es zählt doch eigentlich was die Person sagt und nicht unbedingt wie sie es ausspricht. Dennoch ist für viele eine Sprechstörung eher hinderlich. Wer Lehrer werden will, sollte schon stark auf seine Stimme achten, sagt auch Meyer-Oschatz. Dagegen ist die Stimme für einen Chemiker, der im Labor arbeitet nicht so entscheidend.

Hilft Kamillentee?

„Es hat mich schon sehr gestört“, sagt Lena. „Ich räusper mich dann oft und die Stimme hat immer was Raues und Fisseliges.“ Deswegen kann man eine Dysphonie nicht mit einer heiseren Stimme nach einer langen Partynacht oder einem Konzert vergleichen. Lena jedenfalls glaubt an die Sprachtherapie, arbeitet kontinuierlich an ihrer Stimme und macht die Übungen auch zu Hause. Die Studentin hat auch ein paar eigene Techniken, um sich vor der Heiserkeit zu schützen.

„Also Kamillentee hilft nicht, eher Salbeitee. Etwas weniger reden, wenn es geht. Und was ganz schlecht für die Stimme ist: Alkohol“, beschreibt Lena ihre Methoden. Das sei allerdings als Studentin nicht immer so einfach, muss Lena zugeben. Dennoch ist sie zuversichtlich. „Letztendlich möchte ich nach der Therapie gewappnet sein, um meine Stimme gezielter benutzen zu können und besser zu schonen.“