Mehr als nur ein Stück Stoff

Schalke-Fans dürfte diese Info wohl ein bisschen schadenfroh stimmen: Das Trikot des BVB schmückten ironischerweise 04 Jahre lang die Farben blau und weiß. Wer hätte gedacht, dass die ärgsten Feinde in ihren Vereinsfarben einmal so miteinander verbunden gewesen sind? Das Seminar für Kulturanthropologie des Textilen widmet der Geschichte des BVB-Trikots im Borusseum jetzt eine eigene Ausstellung.

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Die Trikots der vergangenen Jahre hängen an der Decke der Ausstellungshalle im Borusseum. Fotos: Julia Bernewasser

Schweißflecken, Spuren vom  Rasen und der Geruch des Sieges – alte Trikots machen Vereinsgeschichten lebendig. Wer als Fan die glorreichen Ereignisse nicht nur im Herzen tragen, sondern auch für alle sichtbar im Wohnzimmer zur Schau stellen möchte, kommt nicht drumherum, sich das Trikot seines Lieblingsspielers an die Wand zu hängen. Und – um die Echtheit zu unterstreichen – am besten auch noch ungewaschen. Die Studenten des Seminars für Kulturanthropologie des Textilen haben für ihre Ausstellung „Trikot09″ unter anderem solche Trikotsammler besucht und ihre Erinnerungen in kurzen Videos festgehalten.  „Es war für uns schon beeindruckend zu sehen, was für eine Menge an Trikots die Fans teilweise zuhause haben“, sagt Dozentin Viola Hofmann, die das Seminar zusammen mit Silke Wawro über eineinhalb Jahre geleitet hatte. 

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So sahen die BVB Trikots von 1909 bis 1913 aus.

Die 20 teilnehmenden Dortmunder Studenten haben sich dem Trikot auf verschiedene Weise genähert – über sein Material, seine Bedeutung und seine Entstehung. Fotos, Videos und interaktive Elemente haben sie in ihre Ausstellung eingebaut. So sind die Besucher eingeladen, weiße T-Shirts selbst mit Aufschriften zu versehen. Mit von der Decke baumelnden Trikots, einer Trainerbank und Umkleideschränke haben sich die Studenten gestalterisch ausgetobt. „Wir haben eine unglaublich große Resonanz bekommen. Das zeigt einfach, wie fußballverrückt diese Stadt ist“, sagt Viola Hofmann.             

Während wir Trikots in einheitlichen Farben im Mannschaftssport heute für selbstverständlich halten, waren sie bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland eher unüblich. Der DFB forderte die Vereine schließlich auf, Einheitskleidung zu tragen. Ihr Vorbild waren die Public Schools in England, die Trikots  bereits eingeführt hatten, um die Mannschaften bei Wettbewerben besser voneinander unterscheiden zu können. Streifen, Karos, Wappen oder Schärpen – die unterschiedlichsten Formen und Materialien kamen zur Abgrenzung zum Einsatz. „Viele Spieler fanden die neue Kleidung zunächst etwas lächerlich“, weiß Viola Hofmann. „Überraschend ist natürlich, dass die Dortmunder die ersten Jahre in blau-weißen Trikots mit einer roten Schärpe gespielt haben. Damals hatten die Farben eine kirchliche Symbolik und haben für die Dreifaltigkeitstheorie gestanden.“

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Viola Hofmann
Dozentin für Kulturanthropologie des Textilen

Was wir heute als Trikots bezeichnen, waren damals nur dünne Hemden. „Später wurden sie elastisch und dehnbar. Sie waren dann aus Baumwolle, damit der Schweiß besser trocknen konnte. Das war schon eine echte Innovation“, erzählt Viola Hofmann. In den siebziger Jahren kam dann Polyester in Mode und die Trikots wurden reißfest. Inzwischen werben die Hersteller sogar mit Atmungsaktivität.  Das große Geschäft machen diese inzwischen längst nicht mehr nur mit den Vereinen. Wer Fan ist, zeigt seine Zugehörigkeit ganz eindeutig mit einem Trikot in den Vereinsfarben. „Für die Fans schafft es ein Identifikationsgefühl mit der Mannschaft. Die gelbe Wand in Dortmund baut sich erst durch die ganzen uniformierten Fans auf. Das Trikot gehört nicht mehr nur auf den Platz“, erklärt Viola Hofmann. Für jede neue Saison haben die Vereine mittlerweile andere Trikotdesigns. Auch Sondertrikots bei gewonnenen Meisterschaften oder Pokalsiegen sind willkommen. „Mit den Trikots werden riesige Einnahmen gemacht. Da steckt ein großes Merchandising hinter“, sagt Viola Hofmann. 

Doch warum läuft der BVB denn nun eigentlich nach seiner kurzen blau-weißen Schnupperphase in schwarz-gelb auf? „Wir haben recherchiert, aber keine Erklärung für die Auswahl der Farben gefunden. Das bleibt wohl ein Mythos“, sagt Hofmann.  Gerüchte besagen aber wohl, dass Kohle und Bier, für die Dortmund ja bekannt ist, zur Farbgebung beigetragen haben können. Auf jeden Fall erzeugen die Farben die Aufmerksamkeit des Gegenübers. Der Kontrast zwischen den beiden Farben ist groß. „Sie haben eine gute Nah-und Fernwirkung. In der Tierwelt gelten sie auch als Signal- und Warnfarben. Nach dem Motto: Vorsicht, giftig!“ Dem werden wohl auch alle Schalker zweifellos zustimmen. 

halle

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Mai zu sehen.

 

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