Die Freiheit zurechtgezimmert

Das Haus von Martin in Südschweden während der BauphaseDas große Problem an vielen verrückten Ideen ist, dass es meist nur bei der Idee bleibt. Doch der Schweizer Martin Wild setzte sie mit einem Freund um. Er verdiente gut als Konstrukteur im wohlhabenden Alpenstaat – doch die von Partywochenenden durchbrochene Arbeitnehmer-Alltagsroutine reichte ihm längst nicht mehr. Er sagte dem Chef und der Sicherheit Adieu und fuhr nach Schweden um dort ein passendes Grundstück für sich und einen Freund zu suchen und zu kaufen. Aus der spinnerten Idee, aus dem Traum, wurde Realität. Im wunderschönen Südschweden fanden sie, nahe an einem See gelegen, ein günstiges Stück Land inmitten unverbrauchter Natur. Elche und Füchse sind hier die Nachbarn und Menschen selten. Auch mit Hilfe von Freunden wurde das Stück Freiheit, ein Leben das an den Aussteigerfilm „Into the Wild“ erinnert, Wirklichkeit. Es wurde angepackt und ein kleines aber feines Holzhaus in Südschweden gebaut. Frischgefangener Fisch, Pilze und Beeren aus den Wäldern, Ruhe, selbstgebackenes Brot und Blicke in den klaren Sternenhimmel sind hier sein Kontrastprogramm zum hektischen Stadtleben. Martin meint: Jeder sollte seine eigene Freiheit, sein eigenes Glück finden. Und am besten noch heute damit anfangen! Doch einen Komplettausstieg wollte und wählt der 30-jährige bewusst nicht – und ist so nicht nur inmitten der Natur, sondern auch in Münsters Hörsälen zu finden. So pendelt der Student zwischen Stadt und Natur, ganz wie er es will.

Gutes Einkommen und Sicherheit. Wie bist Du dazu gekommen, Dich davon zu verabschieden und ein Häuschen im schwedischen Nirgendwo aufzubauen?

Ich hatte wirklich die Schnauze voll von meinem damaligen Leben und der Lebensweise. Es hatte glaube ich damit zu tun, dass ich mich schon mit 25 von Alkohol, Zigaretten und Betäubung komplett verabschiedet habe. Ich habe mich weg von einem destruktiven zu einem positiven Lebensstil zugewandt.

Kam dann auch der Wunsch sich ein freieres Leben zu suchen?

Definitiv! Natürlich hast Du mit einem geregelten Einkommen auch eine Sicherheit. Aber Du gibst dafür deine Freiheit her. Das Eine mit dem Anderen gibt es fast gar nicht behaupte ich mal. Jetzt lebe ich viel unsicherer als damals in Sachen Finanzen – aber viel freier!

Und wie ging es dann los mit dem Hausbau in Schweden?

Im Sommer 2013 haben wir groß mit dem Hausbau begonnen und im Frühjahr hatten wir das Fundament erstellt. Bis in den November rein waren wir fast durchgehend zu zweit; dann im nächsten Frühjahr bin ich alleine hoch und habe den Innenausbau gestartet. Mario, mit dem ich das Haus gebaut habe, ist dann dazugekommen und wir haben zu zweit weitergebaut. Es war ja ein gemeinsames Projekt von uns, was wir auch zu zweit finanziert haben.

See in Südschweden


Aber schöne Flecken gibt es ja viele in der Welt! War es denn klar, dass es Schweden sein sollte?

Ja! Schweden war klar! Als Kind bin ich viel nach Schweden gereist; und später auch als ich Teenager oder junger Erwachsener war. Dazu kommt, dass man in Schweden das Jedermannsrecht hat. Überall wo Du willst kannst Du schlafen, Zelte aufstellen, angeln und Pilze sammeln. Das ist schon schön!

Aber ein Schnellschuss war das bestimmt nicht, oder?

Vorweg: Also Mario und ich hatten immer mit diesem Gedanken gespielt: „Hey! Wir könnten uns doch mal irgendwo ein Häuschen bauen in der Pampa da draußen.“ Es war aber mehr so, dass man an einem Tisch sitzt, man trinkt ein Bier und unterhält sich darüber. Und man träumt davon! Ich merkte aber verstärkt, dass viele von uns ein Leben führen, dass sie eigentlich nicht wollen: Montag bis Freitag arbeiten und sich dann am Wochenende die Birne weghauen. Und ich stellte ja mein Leben um: „Ich habe Zeit, ich bin nüchtern, mir widerstrebt mein Leben hier in dieser Umgebung so wie ich es führe“. Das führte sicher stark dazu, dass ich wirklich mit dem Planen begonnen habe. Ich beließ es nicht mehr bei den simplen Träumereien, sondern habe Struktur reingebracht. Wie könnte das Haus aussehen? Und wie sollte das Land aussehen? Man kann ja natürlich nicht hingehen und erwarten, dass man direkt sein Wunschland bekommt. Man muss es ja zuerst finden! Und das glückte uns 2011. Da sind wir nach Schweden hochgefahren und haben uns erst eher noch im halben Ernst – wir waren uns der Sache noch nicht so sicher – Grundstücke angeschaut. Wir sind von Jugendherberge zu Jugendherberge gefahren, hatten eine Landkarte, und hatten uns in Universitäten oder sonstwo,  wo wir Internet hatten, ausgeschriebene Grundstücke angeschaut. Am nächsten Tag sind wir die dann mit dem Mietauto abgefahren. Wir hatten einen morphologischen Kasten, worin die nach unserem Gutdünken nötigen Punkte erfasst waren.

Muss man sich das als Aussteigercheckliste mit Punkten wie „Ein Wald sollte in der Nähe sein“ vorstellen?

Genau! Wald sollte dabei sein, ein See sollte vorhanden sein, es sollte abgelegen sein und es gibt dann natürlich den Preis als größten limitierenden Faktor. Es gibt wunderbare Grundstücke, die Du Dir aber aufgrund der Größe, der Lage oder was auch immer einfach nicht leisten kannst. Wir waren eigentlich nie so richtig zufrieden, aber dann haben wir ein Grundstück gesehen, was zu einem Preis von 30.000 schwedischen Kronen ausgeschrieben war. Das sind etwa 3000 Euro. Wir wollten es uns anfangs gar nicht anschauen, da wir dachten: „Okay. Das kann nichts wert sein! 3000 Euro für 2861 Quadratmeter. Das muss ja ein Moor oder so sein!“ Dann sind wir hingekommen und dachten nur noch: „Wir haben’s!“ Der Grund war, dass der Vormieter keine Steuern bezahlte, es in die Auktion ging und das Grundstück zum Preis des Waldes verkauft wurde. Also einfach der physische Wert. Und weil es total in der Peripherie liegt, wollte es anscheinend niemand. Dann bin ich zwei Wochen später zur Auktion geflogen. Letztlich haben wir es für rund 4000 Euro ersteigert.

Spätestens jetzt war es also keine Spinnerei mehr?

Schon Ende 2011 hatten wir das Grundstück. Vorher wird man von allen Leuten belächelt. Da haben die Leute aber erstmals gesehen, dass da was geht. Dann kommt ein sich selbst verstärkender Prozess. Die Leute erwarten dann auch etwas. Man kann nicht mehr so einfach stehenbleiben. Jetzt geht es also nur noch nach vorne! Dann sind wir direkt im Sommer hoch. Mario war da noch durch das Studium eingebunden und ich damals noch durch die Arbeit. Auf die Ferien beschränkt sind wir dann immer hoch und haben den Wald bearbeitet und Platz geschaffen!

Ging es dann auch schon daran das Haus von Grund auf aufzubauen?

Ja! Ich war so euphorisch! Ich hatte nach der Ersteigerung direkt eine Detailplanung aufgestellt, also Pläne gezeichnet und Materiallisten zusammengestellt. Wir haben dann direkt ein Stück vom Wald gerodet und das Holz an eine Sägerei verkauft. Es ging also mit Axt und Motorsäge los!

War das schon direkt das Freiheitsgefühl, was Du gesucht hattest oder eher nur harte Arbeit?

Es wechselte sich ab. Verzweiflung und Euphorie! Das ist wie eine Sinuskurve (lacht).

Wie muss man sich diese Pioniertage vorstellen?

Wir hatten halt am Anfang noch im Zelt gelebt. Da lebt man richtig primitiv. Da geht es darum, wie man kocht, wie man wäscht, wie man sich selbst wäscht. Und man muss Trinkwasser organisieren. Wir haben dann losgelegt mit dem Fundament. Der Beton musste aushärten, damit wir im Sommer mit dem Hausbau beginnen können. Dann kommt eine Zeit wo man sich selber fragt. Habe ich an alles gedacht? Wird das funktionieren? Man zweifelt, man ist euphorisch – und man zweifelt wieder.

Wolltet Ihr dann komplett von Ersparnissen leben?

Das mussten wir! Aber die Lebenshaltungskosten waren mit in der Planung drin. Wir mussten ja auch etwa zum Wäsche waschen in den nächsten Ort. Einmal pro Woche mussten wir, auch damit wir uns nicht gegenseitig auf die Fresse hauen, raus zum Waschen. Zwei Typen, alleine im Wald am werken: Ab und an muss man da mal raus.

Martin beim Bau der Inneneinrichtung seines Hauses

Komplett aus Holz: Das Haus in Schweden nimmt Gestalt an.

Auch wenn Ihr ab und an in die Zivilisation müsst, wenn ihr in Schweden seid: Haben die unberührten Naturerlebnisse am ehesten das erwünschte Freiheitsgefühl gebracht?

Definitiv. Diese absolute Abgeschiedenheit. Es ist so peripher in Småland gelegen und es interessiert sich niemand für diese Region. Sie entvölkert sich aktuell. Nur die alten Leute bleiben und wenn Menschen sterben, verfallen oft deren Häuser. Es war komisch da ein Haus zu bauen. Wir wurden aber auch gut akzeptiert von den Locals.

Ein Komplettausstieg und Rückzug in die Natur à la „Walden“ von Henry David Thoreau war nicht geplant?

Nein. Ich habe auch noch nie komplett autark in der Abgeschiedenheit gelebt. Das komplette Aussteigerdasein kenne ich also nicht. Ich habe auch immer noch eine gewisse Angst komplett von der Sicherheit loszulassen. Dafür wäre die Klimazone da auch zu hart, der Boden ist zu unfruchtbar und die Vegetationsphase ist zu kurz um da komplett in Selbstversorgung zu leben. Und ich kenne ja die Vorzüge eines wohlstandsverwöhnten Mitteleuropäers, wo man den Supermarkt mit zehntausenden Artikeln hat. Wenn ich komplett als Selbstversorger in Schweden leben würde, wäre mein ganzes Nahrungsspektrum viel, viel primitiver. Und ob ich das will? Ich sehe es deswegen als meine Freiheit an zwischen diesen Welten zu wandeln. Wenn ich in Schweden mein Mobilgerät ausschalte, dann begegne ich in drei Wochen niemandem! Wenn ich drei Wochen alleine sein will, kann ich das da!

Was war Dein längster Aufenthalt?

Ganz alleine war ich zwei Monate da, aber damit habe ich Null Probleme. Zwischen den Bauphasen habe ich zum Beispiel auch nicht gearbeitet und bin ganz alleine mit dem Rad durch Neuseeland gefahren.

Wie würdest Du dieses Projekt umschreiben?

Es ist zumindest das Gegenteil einer Flucht. Ich bin nicht vor etwas geflohen, sondern zu einem Lebensstil zurückgekehrt, der mir eigentlich entspricht. Ich fühle mich eher in der Gesellschaft hier als Fremdkörper, als in diesem wirklich primitiven Leben da oben. Alleine der ganze Tagesablauf dort. Man ist ganz einfach sein eigener Chef.

Martin mit einem selbstgeangelten Hecht in Schweden


Wie verbringst Du dann meist deine Tage, wenn Du Dich mal wieder von der Großstadt und dem Studentenleben hier verabschiedet hast?

Mit dem Sonnenaufgang stehe ich auf. Meistens backe ich Brot, denn ich habe einen Holzofen. Je nachdem zu welcher Jahreszeit ich oben bin muss ich teilweise sowieso den Ofen anschmeißen. Dann backe ich mir also morgens ein gutes Brot! Gutes Brot würde ich sonst nur 17 Kilometer weit weg bekommen und meist habe ich kein Auto dort. Aber es gibt immer etwas zu tun, sei es Holz zu hacken oder einen Baum zu fällen. Ich kann auch einen ganzen Tag damit verbringen zu angeln.

Gab es auch Momente, wo Du das Projekt bereut hast?

Die gab es niemals! Es wird einem auch so viel Respekt gezollt, dass man über diesen Schatten springt. Denn jeder von uns hat Träume. Und diese Träume scheitern meist nicht aufgrund von äußeren Einflüssen, sondern dass die Leute sich einfach nicht wagen, den ersten Schritt zu tun. Es ist wie eine Startlinie, die man einfach mal überschreiten muss. Und diesen Schritt sollte man immer wagen! Man sollte den Weg des Risikos gehen, auch wenn man dabei auf die Fresse fliegen kann. Das Schlimmste was uns hätte passieren können, wäre, dass wir ein Stück Land haben und dafür Geld und zwei Jahre Arbeit in den Sand gesetzt hätten.

Was steht als nächstes an?

Bald geht es wieder für rund 8 Wochen hoch!

Wo Du jetzt diese Erfahrungen gemacht hast: Könntest Du Dir vorstellen, wieder zu einem normalen ganzjährigen nine-to-five-Job mit ein paar Wochen Urlaub im Jahr zurückzukehren?

Martin vor dem von ihm mit seinem Freund Mario erbauten Holzhaus.

Solarzellen, ein Ofen, ein Brunnen und viel Natur: Der Traum vom Haus in Schweden wurde Wirklichkeit.

Nie, nie mehr! Ich werde nie mehr 100 Prozent ganz normal arbeiten! Das würde mir keine Befriedigung geben. Man kann natürlich immer mehr arbeiten und versuchen immer mehr Geld anzuhäufen. Manche Menschen kriegen da ja überhaupt nicht mehr den Rachen voll und wollen immer mehr. Die Träume, die ich habe und die Sachen, die ich gerne mache, die kosten mich keine Millionen! Ich gehe Steinpilze sammeln und mache mir ein leckeres Pilz-Ragout, gehe Flussbarsche angeln und filetiere sie. Aber ich habe dazu ja die Möglichkeit zwischen den Welten zu wandeln. Ich kann in der Abgeschiedenheit und Ruhe Schwedens leben oder zu meiner WG in Münster zurückgehen und da auch die Vorzüge des Stadtlebens genießen und in der Masse aufgehen! Ich mag diesen Switch!

Was wäre dein abschließendes Plädoyer?
Jeder sollte seine Freiheit suchen! Und man sollte sich niemals selbst im Wege stehen. Darum heißt der Titel meines Blogs auch „Start today!“. Der Zeitpunkt deine Träume zu verwirklichen war vorgestern – also beginne jetzt damit!


Fotos: Martin Wild

Medienprojekt: Frei! (Teichmann)