BVB-Tour: Mythos gesucht

Vor einem Jahr bin ich nach Dortmund gezogen. Gerade hatte der BVB den Titel eingefahren. Überall Jubel, Trubel, Heiterkeit. Nicht für mich. Ich konnte die Feier-Orgien nicht nachvollziehen. Mir fehlte die Verbundenheit zum BVB.  Deshalb bin ich  – pünktlich zur neuen Saison – mit der BVB-Extratour auf Entdeckungstour gegangen.

Mitten im Stadion bin ich dem Mythos der Borussia auf der Spur. Noch muss ich auf der Gästebank platznehmen. Fotos: Jonas Fehling

Mitten im Stadion bin ich dem Mythos der Borussia auf der Spur. Noch muss ich auf der Gästebank platznehmen. Fotos: Jonas Fehling

„Zieh nicht in die Nordstadt!“, hatten mir Bekannte aus der Fußballhauptstadt Deutschlands geraten, als ich mich hier vor einem Jahr auf Wohnungssuche machte. Ich habe das getrost ignoriert und bin in eine Seitenstraße am Borsigplatz gezogen. Jenem sagenumwobenen Rund im Dortmunder Norden. Weil das Angebot so gut war und der Borsigplatz doch bestimmt gar nicht so schlimm sein kann, wenn hier doch angeblich das Herz des BVB schlägt und die Mannschaft bei der Meisterfeier ihre Runden dreht.

Schlagader, Herz und Wiege

Im Borussia-Duden hat der Borsigplatz viele Synonyme: Schlagader, Herz und Wiege – allesamt Bezeichnungen für den Borsigplatz, die während der BVB Extratour von Tourismus Dortmund fallen. Ich habe der Borussia nämlich noch eine Chance gegeben, auch bei mir die „echte Liebe“ zu wecken und bin viereinhalb Stunden mit fünfzig Borussen an die wichtigsten Orte der Vereinsgeschichte gefahren.

11 Jahre Borsig-Grill

Die erste wichtige Station ist dann natürlich auch der Borsigplatz. Die legendäre Stätte. Mit Tradition an jeder Ecke – die Döner-Bude Borsig-Grill wirbt in ihrer Speisekarte mit 11 Jahren Erfahrung und gleicher Geschäftsführung.

An der Fassade des Quartierbüros titelt ein Plakat, das zu einem Fankonzert in der Dreifaltigkeitskirche einlädt „Wo das schwarz-gelbe Herz Zuhause ist“. Schön und gut. Gar nicht mal so falsch. Denn selbst mein Herz schlägt seit ich hier bin schon mal etwas schneller. Nicht wegen schwarz-gelber Glücksgefühle. Nein. Eher mangels Vertrauen in die Dauer meiner Glückssträhne – es gibt Angenehmeres, als spät abends am Borsigplatz nach Hause zu laufen.

Wenige Meter weiter: „Pommes Rot Weiß“, der Imbiss im ehemaligen Wildschütz – dem Gebäude in dem der BVB gegründet wurde. Doch irgendwie reden alle, wenn es um Currywurst und Pommes geht, lieber über eine gewisse Bude auf dem Westenhellweg. Wegen des Essens sind wir also doch nicht am Borsigplatz.

Schalke-Sympathisant auf Borussia-Tour

Ein "Heiligtum" des BVB: Die Standarte in der Dreifaltigkeitskirche.

Ein "Heiligtum" des BVB: Die Standarte in der Dreifaltigkeitskirche.

Die alten Stätten wirken vielleicht auf Menschen, die sie noch von früher kennen und sie in ihrer Erinnerung vor sich sehen. Das kann ich nicht. Ich sehe nur das Hier und Jetzt. Und da ist bis auf Gedenk- und Infotafeln und den Walk of Fame nicht mehr viel übrig von den Ursprüngen des BVB. Auf mich haben diese Orte wenig Wirkung. Zu stark werden sie davon überlagert, was das Hoesch-Viertel heute ist: Multikulti.

Unter den Tour-Mitfahrern war übrigens auch ein Schalke-Sympatisant: „Mein Sohn, mein Enkel und mein Schwager sind Dortmund-Fans. Da muss ich doch einen Gegenpol setzten“, erzählt mir Friedhelm zur Nieden. Als er in der Dreifaltigkeitskirche trotzdem eine Spende abgibt, wundere ich mich, was das jetzt soll. Ein Schalker spendet für die Dortmunder? Ist es denn mit allen Traditionen vorbei? „Ach, ich sympathisiere eigentlich mit beiden – Dortmund und Schalke“, sagt zur Nieden.

„Das echte Zusammenhalten“

Deshalb erstaunt mich seine Antwort auf die Frage, was ihn denn am BVB fasziniere, was den Verein ausmache kaum: „Das ist das echte Zusammenhalten“, sagt zur Nieden nach längerer Überlegung. Es ist eben schwierig, solch ein Gefühl, eine Sympathie, ein Zugehörigkeitsgefühl zu beschreiben.

Und weil es eben so schwierig ist, wird mir klar, dass es das sein muss: Gemeinschaft und Zusammenhalt. Darauf kam es früher an, als Borussia noch auf der Weißen Wiese beim Borsigplatz spielte. Als die „Malocher“ ein Gemeinschaftsgefühl entwickelten, sich  zusammenschlossen und von den „reichen Pinkel“ im Süden abgrenzten. Auf Zusammenhalt kam auf dem Platz immer an. Und darauf kommt es auch bei den Fans in der Südtribüne alle zwei Wochen bei den Heimspielen an.

Gemeinsame Erinnerungen

Erinnerungen und Anekdoten aus der Vereinshistorie machen den Stolz der BVB-Fans aus.

Erinnerungen und Anekdoten aus der Vereinshistorie machen den Stolz der BVB-Fans aus.

Der Abschluss der Tour im Stadion und im Borusseum wecken dann endlich auch in mir mal ein Prickeln. Die Leidenschaft der anderen Teilnehmer überträgt sich auf mich. Ich beginne zu verstehen. Im Stadion ist es der Stolz. Der Stolz der Tour-Gäste.  Den BVB-Anhängern merkt man es an. Dieser Ort bedeutet viel für sie. Die Gelbe Wand. Die Kabinen. Das Stadion Rote Erde nebenan. Lauter kleine Erinnerungen an die Klubgeschichte.

Erinnerungen an unzählige kleine Anekdoten und Geschichten aus den vergangen 100 Jahren im Borusseum zeigen mir dann endgültig, wieso der Ballspielverein Borussia den Menschen in dieser Stadt so viel bedeutet. Ihr Verein hat sie ihr Leben lang begleitet. Immer wieder für neuen Gesprächsstoff gesorgt. Und bietet heute gemeinsame Erinnerungen en masse.

Durch die Extratour weiß ich nun, woher das BVB-Gefühl stammt. Tradition, Geschichte und gemeinsame Erinnerung bestimmen die meisten Mythen und machen den Zusammenhalt aus. So auch beim BVB. Verstanden habe ich, warum Borussia hier so wichtig ist. Damit sie es auch für mich wird, fehlen mir wohl nur noch ein paar Jahre in dieser Stadt,  ein paar Meisterfeiern mit vielen, vielen Runden vor meiner Haustür um den Borsigplatz.

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