Studieren an zwei Unis – Pendeln mit Panik

Angeblich dauert es nur fünfzehn Minuten, um von der TU Dortmund zur Uni Bochum zu kommen. Wer aber an beiden Unis studiert, kann von einer Viertelstunde Fahrt nur träumen. Pflichtlektüre online Mitarbeiterin Ramesh Kiani berichtet von ihren Erfahrungen beim Pendeln zwischen Dortmund und Bochum.

In der S-Bahn nach Bochum kann es mehr als voll werden. Foto: Ramesh Kiani

In der S-Bahn nach Bochum kann es mehr als voll werden. Fotos: Ramesh Kiani

Der Himmel ist grau. Es regnet. Es ist 8.59 Uhr. In wenigen Sekunden fährt der Bus. Der Aufzug fährt zu langsam. Deshalb gehe ich die Treppe runter. Fünf Stockwerke, so schnell, wie es möglich ist. Ich renne, aber der Bus fährt weg. In sechs Minuten kommt ein anderer Bus. Ich gehe zur anderen Haltestelle.

Der Kommilitone kommt auch langsam.
„Hast du auch den Bus verpasst?“, fragt er.
„Ja, aber wir haben genug Zeit. Wir kriegen die  S- Bahn noch“, sage ich. „Sie fährt 21 nach, und bis zum Bahnhof dauert es nicht mal sechs Minuten. Wenn es nicht regnen würde, könnte ich zu Fuß bis dahin gehen.“
„In wieviel Minuten kommt der Bus?“, fragt er.
„In vier.“
„offentlich können wir heute pünktlich da sein“ sagt er.

Das hoffen wir jedes Mal, wenn wir nach Bochum fahren müssen um die Veranstaltungen  für unser Nebenfach zu besuchen. Heute sind wir ein bisschen ruhiger und es gibt keinen zusätzlichen Stress. Alle zwei Wochen findet gleichzeitig ein vierstündiges Seminar in Dortmund statt. Wir können nur an zwei Stunden des Seminars teilnehmen, dann müssen wir sofort nach Bochum fahren. Kommilitonen, die ein Auto haben, nehmen ein paar von uns mit, aber  es können auch nicht alle mitfahren.

Stress am Bahnsteig

Ich gucke meine Uhr an. Es ist viertel nach, der Bus kommt immer noch nicht. Jetzt warten noch mehr Leute.
Nach einer Minute gucke ich wieder meine Uhr an. Und wieder sind wir im Stress. Mein Kommilitone kann nicht mehr auf der Bank sitzen bleiben. Er ist zu nervös.  Wir wissen, dass wir die S-Bahn verpassen, aber im Moment können wir uns nicht entscheiden, ob wir lieber zum Hauptbahnhof fahren sollen oder zur S-Bahnhaltestelle „Universität“ Es fährt kein Bus in beide Richtungen. Zwei Leute stehen an der Ecke. Sie wollen gucken, ob ein anderer Bus kommt.

An der Uni Bochum strömen die Studis zur S-Bahn. Foto: Ramesh Kiani

An der Uni Bochum strömen die Studis zur S-Bahn.

Es regnet.
In zwei Minuten kommt ein anderer Bus. Ich will zur anderen Haltestelle, aber der Kommilitone hat Zweifel.
„Vielleicht kommt er jetzt“, sagt er.
Ich gehe. Er bleibt. Nach einer Minute kommt er auch. Ein ganzer Haufen  Studenten steht an der Haltestelle.
„Hoffentlich gibt es genug Platz im Bus. Bestimmt ist er jetzt voll“, sagt der Kommilitone.
Es ist 24 nach und der Bus kommt. Voll. Wir können trotzdem einsteigen. Es ist schwierig zu atmen. Keine Luft. Wenig Sauerstoff. Einige Fahrgäste sind nass.
Endlich sind wir an der Haltestelle. Die nächste Bahn fährt in elf Minuten. Aber für die S1 wäre Pünktlichkeit ein fantastisches Ereignis. Das wissen wir, aber wir bleiben optimistisch.

Pünktlich sein – Fehlanzeige

„Wenn  die S-Bahn pünktlich kommt, wann sind wir dann in Bochum?“, fragt er.
Ich schaue auf den Fahrplan.
„Sie  kommt um 9.41 Uhr. Dann sind wir um 9.56 Uhr in Bochum. Und wenn wir schnell laufen, können wir die nächste U- Bahn nehmen.“
„Ich renne. Wenn du willst, rennst du halt mit“, sagt er.
Ein alter Mann, der neben ihm sitzt, guckt uns an und sagt mit einem Lächeln: „Wenn alle Voraussetzungen richtig wären, könnten Sie pünktlich dort sein.“
„Sitzen“ ist für uns ein exotisches Wort. Wir können nicht sitzen. Mit jeder Minute wird mein Rucksack immer schwerer. Ich möchte nicht mal in der Nähe von meinem Kommilitonen sein. Seine Panik stört mich. Wahrscheinlich störe ich ihn genauso.

Das Pendeln ist einfach beschwerlich. Foto: Ramesh Kiani

Das Pendeln ist einfach beschwerlich.

Es ist 9.41 Uhr. Sie, die S1, kommt. Pünktlich. „Fantastisch!“
Wir lächeln und gucken den alten Mann an. Wir steigen ein und nehmen Platz. Die letzten 40 Minuten kamen mir vor wie vier Stunden. Stress und Warten. Jetzt können wir ein bisschen reden.
„Ich frage mich immer, warum wir mit so viel Panik und Stress jede Woche zwei Mal nach Bochum fahren müssen“, sage ich. „Diese Fächer werden auch an der Uni Dortmund angeboten. Könnte die Uni das nicht anders organisieren? Damit wir die Veranstaltungen an unserer Uni  besuchen können?“ Diese Fragen  kann wohl keiner so genau beantworten.

Trotz der ganzen Hetze wieder zu spät

Um 9.58 Uhr sind wir in Bochum. Die U- Bahn kommt in zwei Minuten. Dann müssen wir nicht schnell laufen. Zwei andere Kommilitonen sind da. Die Haltestelle ist voll. Die meisten sind Studenten. Die U- Bahn kommt. Sie ist fast voll. Einige steigen aus, aber trotzdem gibt es wenig Platz. Wir versuchen alle in einen Wagen einzusteigen, aber es geht nicht. Ich gehe zu einem anderen Wagen. Hier ist es auch voll. Ich sehe einen kleinen freien Platz, ein Loch in der gedrängten Menschenmenge. Ich verpasse diese große Chance nicht, sondern springe hinein und freue mich darüber, dass ich nicht so groß bin. Die Tür wird geschlossen. Nicht alle drei Kommilitonen kommen in die Bahn.

An der Haltestelle „Uni Bochum“ wird die U-Bahn fast leer. Ich sitze im Hörsaal. Der Professor kommt und fängt an. Nach 15 Minuten kommen die anderen drei. Trotz der ganzen Hetze sind sie wieder zu spät. Manchmal kommen wir aber auch nach der langen Fahrt im Hörsaal an und die Veranstaltung fällt aus.
Eigentlich wurde für diese Strecke eine Fahrzeit von 15 Minuten berechnet, aber man braucht mindestens eine Stunde. Da fragt man sich doch: Warum nur?

Text und Fotos: Ramesh Kiani

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