Für ein kleines Stückchen Freiheit

Marc ist ausgwandert und das mit einundzwanzig. Nicht nach Österreich, Spanien oder Frankreich, sondern nach Amerika. Warum? Für seine ganz eigene, persönliche Freiheit.

Die Sonne brennt auf der Haut, die Luft ist trocken und das Atmen fällt schwer. Es ist Sommer in Colorado und das bedeutet Hitze, vor allem in den Bergen. Mit langer Hose, T-Shirt und Cowboystiefeln bekleidet, öffnet Marc eins der Gatter zu den Rindern. Unter seinem sperrigen Cowboyhut ist seine Stirn weiß, seine Arme sind bis zu den Ärmeln seines Shirts braun gebrannt, die Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. Den Hut vergisst er nie. „Das kannste vergessen bei der Hitze, da kriegste sonst ganz schnell Kopfschmerzen.“

Er setzt sich in den roten rostigen Truck, mit dem er die Felder abfährt. Seitenspiegel? Fehlanzeige. Aber die braucht er auch nciht, für das, was er vorhat. Eigentlich ist er sonst im Buggy unterwegs, der muss aber erst wieder repariert werden – und das natürlich von ihm selbst. Hilfe hat er bei der Arbeit nicht. Marc muss das machen, was gerade anfällt: von Autoreparaturen bis hin zu Sprinklerinstallationen und Schreinerarbeiten, da ist alles dabei.

Heute ist einer der Bullen entlaufen. Mit dem Truck versucht er deshalb ihn wieder einzufangen. Zu Fuß geht das kaum, nicht nur weil das Tier zu schnell wäre, sondern auch, weil es viel zu gefährlich wäre. „Das hab ich heute schon ein paar Mal machen müssen. Die springen einfach über die Zäune, da kannst du nicht viel machen“, sagt er und manövriert den Truck über Stock und Stein. Hin her, vor und zurück immer wieder reißt er den Lenker um. So lange, bis der Bulle in die richtige Richtung läuft, zurück ins Gatter, zu den anderen muskulösen schwarzen Bullen. „Wenn er sich umdreht und zurückläuft, hab‘ ich Pech gehabt, dann muss ich das Ganze nochmal machen“, sagt er trocken.

Ausgewandert mit einundzwanzig

Eine Stunde lang treibt Marc das Tier über die Felder. Mit einem erleichterten „Hoffentlich war das heute das letzte Mal“-Seufzer schließt er das Gatter hinter dem Bullen. Bei der Hitze ist die Arbeit mit den Tiern besonders anstrengend. Aber egal bei welchem Wetter, die Arbeit muss gemacht werden.

Mit fünfzehn war Marc das erste Mal in Amerika. Ein Jahr lang ist er in Colorado zur Schule gegangen, um dort die High-School als bester Schüler des Jahrgangs abzuschließen. Eigentlich wollte er damals in Amerika bleiben und studieren – mit den Stipendien, die ihm angeboten wurden. Von dem Plan waren seine Eltern allerdings recht wenig überzeugt. Deshalb war der Traum vorerst auf Eis gelegt.

Die Ferien im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat Marc sich trotzdem nicht nehmen lassen und das für jeweils drei Monate im Jahr. Mit einundzwanzig hat er dann den großen Schritt gewagt und alles hinter sich gelassen. Er ist ausgewandert, mit Sack und Pack. Ihm gefällt der amerikanische Lebensstil, aber ausgewandert ist er vor allem wegen seiner Frau Steph. In der Schule haben sie sich kennengelernt, seit fünf Jahren sind sie ein Paar.

Damit Marc dauerhaft in Amerika bleiben kann, haben die beiden geheiratet. Eine eigene Familie haben sie noch nicht gegründet. Dafür leben sie gemeinsam mit zwei Hunden, fünf Ziegen, fünf Pferden und zwei Schweinen auf ihrer Ranch in Colorado. Marc hat die Arbeit auf der Ranch von Steph’s Vater übernommen – ein Familienbetrieb eben.

Ursprünglich hat er in Deutschland an der TU Physik studiert. „Das mit dem Visum ging irgendwie schneller als geplant“, erklärt er. Deshalb hat er das Studium abgebrochen. Aber das stört ihn nicht. Mit der deutschen Lebensweise habe er sich so wie so nie anfreunden können: Das Stadtleben, die Menschenmassen und die Eingeschränktheit durch Studium und Nebenjob, das alles sei in Amerika anders. „Du bist einsam, ohne wirklich einsam zu sein“, sagt er, denn auf dem Land kenne jeder jeden.

Wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, würde er nichts ändern, sagt Marc. In Amerika fühlt er sich wohl. An einem Ort, der seine ganz private Freiheit möglich macht. Ein Ort, an dem er sich frei fühlt wie an keinem anderen Ort auf der Welt.

Medienprojekt: Frei! (Teichmann)