Smartphones – ein schmaler Grad zwischen Sucht und Vergnügen

Ein Smartphone scannt den QR-Code von Henriette Davidis Grab ein. Fotos und Teaserbild: Lea von der Mosel

Fotos und Teaserbild: Lea von der Mosel

 

Schnell noch ein Dubsmash-Video gedreht, eine Sprachnachricht bei What´s App verschickt oder bei Mutti angerufen. Die Zeit mit dem Smartphone vergeht schneller, als wir denken. Und mir nichts dir nichts ist mal wieder eine halbe Stunde um, die wir mit unseren virtuellen Gegenübern verbracht haben. Auch wenn der Begriff Smartphone-Sucht noch nicht offiziell anerkannt ist, Gefahren bietet übermäßiger Handykonsum trotzdem.

Wer schon einmal mit dem Handy in der Hand über die Straße gelaufen ist, weiß wie gefährlich ein Smartphone im Alltag werden kann. Es wird vor allem dann zur Gefahr, wenn es uns von den wesentlichen Dingen ablenkt. Wenn es wichtiger wird, als der Blick auf die Straße. Wenn die Aufmerksamkeit dem Bildschirm und nicht mehr dem realen Gesprächspartner gilt, der uns im Café gegenüber sitzt. Wenn also face-to-face-Kommunikation durch Screen-to-Screen Kommunikation ersetzt wird.

Offiziell ist der Begriff Smartphone-Sucht in der Psychologie noch nicht anerkannt. Trotzdem sollten die Anzeichen für ein Suchtverhalten ernstgenommen werden.

Christian Montag, Psychologe an der Universität Ulm, kennt die Symptome für ein solches Verhalten:

 

Übermäßiger Konsum könne sich dabei negativ auf den Alltag auswirken. Zum Beispiel auf die persönliche Zufriedenheit und auf das Sozialverhalten.

Zusammen mit anderen Psychologen und Informatikern verschiedener Nationen hat Christian Montag die App Menthal Balance entwickelt. Sie soll dabei helfen, den eigenen Smartphonekonsum besser überwachen zu können und eine Art Spiegel-Funktion übernehmen.

Der Selbstversuch- Wie viel Zeit verbringe ich mit dem Smartphone?

Um zu gucken, wie das klappt, habe ich die App auf meinem Handy installiert. Ich merke oft selbst, dass ich viel mit dem Smartphone beschäftigt bin. Wie viel Zeit das allerdings tatsächlich ist, kann ich nur schlecht einschätzen. Dabei soll mir die App helfen. Eine Woche lang wird sie genauestens verfolgen, wofür ich mein Smartphone nutze. Mal gucken, was sich dabei ergibt.

Score Menthal Balance

Menthal-Balance- Score: fasst die Daten der Smartphone-Nutzung zusammen. Screenshot: Lisa Posorske

Tag 1

Am ersten Tag kann ich leider noch keine Daten ablesen. Allerdings bekomme ich einen Vorgeschmack, auf das, was in den nächsten Tagen auf mich zukommt. Die App wird mir anzeigen wie lange ich mein Handy benutzt habe, wie oft ich meinen Bildschirrm entsperrt habe, mit wem ich telefoniert und an wen ich SMS verschickt habe und natürlich auch mit welchen weiteren Apps ich meine Zeit verbracht habe. Was ich genau geschrieben habe, kann ich allerdings nur in der App selbst sehen. Also zum Beispiel nur wenn ich What’s App auch öffne. Das beruhigt mich ein wenig. Wenn ich auch sonst das Gefühl habe, dass die App jeden meiner Schritte überwacht. Für mich ist mein Handy einer meiner privatesten Gegenstände. Von Fotos bis über Musik und E-Mails – es speichert meinen Lebensinhalt kompakt und jederzeit greifbar ab. 

Auf viele dieser Daten kann die App zugreifen. Die werden unter anderen in einen Score umgerechnet, der auf dem Bild rechts zu sehen ist. Dieser Score soll mir später unter anderem sagen, wie aktiv ich am jeweiligen Tag war. Alle meine Daten werden jeweils im Tages-, Wochen und Monatsrückblick angegeben. Die sind allerdings nicht nur für mich selbst sichtbar. Sie werden an die App-Entwickler weitergesendet, damit diese die Ergebnisse dann analysieren können. Dadurch können die Forscher zum Beispiel Aussagen über die durchschnittliche Smartphone-Nutzung treffen.

 Tag 3

Heute kann ich schon wesentlich mehr ablesen. Ich habe mein Handy insgesamt 78 Mal entsperrt. Und bin bei der Gesamtnutzung mit 1 Stunde und 40 Minuten noch unter 2 Stunden geblieben. Das betrifft den Zeitraum von morgens früh bis abends um acht Uhr. Die meistgenutzte App war What´s App. Das ist für mich nicht überraschend. Mit meinen Freunden schreibe ich viel. Auch wenn ich mein Verhalten mehr und mehr hinterfrage. Ist es nicht verrückt, dass ich anstatt mit meinen Freunden zu sprechen, lieber ein paar Buchstaben in mein Handy tippe? Natürlich lassen sich Fotos und Videos kaum über gesprochene Worte verschicken. Aber kann ich meinem Gegenüber so etwas nicht auch einfach persönlich zeigen, wenn ich im gegenüber stehe?

Fröhlichkeit im Wochenrückblick

Fröhlichkeit im Wochenüberblick. Screenshot: Lisa Posorske

Tag 5

Ich durfte jetzt schon ein paar Tage lang jeweils morgens und abends angeben, wie fröhlich ich bin. Das lege ich über einen Smiley fest, indem ich jeweils einen lächelnden oder einen traurigen Mund vergebe. Wenn ich mir die letzten Tage angucke, könnte man meinen, ich wäre depressiv. Aber das lässt sich vermutlich auf die Tageszeiten zurückführen, zu denen meine Stimmung abgefragt wird. Ein Morgenmensch war ich noch  nie. Dadurch die schlechte Laune in der Frühe. Am Abend bin ich müde und geschafft vom Tag, da will ich nur noch ins Bett. Bei den Abfragezeiten handelt es sich um eine Voreinstellung der App, die allerdings geändert werden kann. Sofern man sich damit jedoch nicht näher auseinander setzt, liefert die App möglicher Weise ein verzerrrtes Bild. Mit den Daten werden nämlich auch Rückschlüsse auf meine Person und einzelne Persönlichkeitsmerkmale getroffen. Diese werden mir dann wiederum in einer Art Spinnennetz mit Charaktermerkmalen angezeigt. Zusätzlich kann ich dann auch noch eine Umfrage machen, die meine Persönlichkeit genauer erfasst. Die fließt in das Netz mit ein. Insgesamt habe ich heute mein Handy an Tag fünf eine Stunde und 57 Minuten genutzt und es 82 Mal entsperrt. Ich näher mich also der Zwei-Stunden-Marke.

Tag 7

Heute habe ich es mit der Handy-Nutzung wirklich ein kleines bisschen übertrieben. Allerdings war ich auch beim Arzt und um die Wartezeit zu verkürzen, ist das Smartphone eine willkommene Ablenkung. Insgesamt bin ich dadurch auf unfassbare drei Stunden und 22 Minuten gekommen. Obwohl Candy Crush heute bei den meistgenutzten Apps weit vorne lag, steht What´s App immer noch auf Platz eins. Ich weiß gar nicht, ob das in diesem Sinne positiv oder negativ zu sehen ist, da ich insgesamt viel zu viel Zeit mit dem Smartphone verbracht habe. Irgendwie fühle ich mich deshalb schlecht. Anstatt mich mit Spiele-Apps zu beschäftigen, hätte ich mich stattdessen natürlich auch mit einem guten Buch auseinander setzen können.

Im Durschnitt zwei Stunden pro Tag

Im Durchschnitt habe ich etwa zwei Stunden pro Tag mit meinem Handy verbracht. Die App hat mir dabei vor Augen geführt, dass ich diese Zeit auch ganz anders verbingen könnte. Mir selbst ist mein Konsum zu viel. Ich denke, ich werde versuchen, das demnächst ein wenig einzuschränken.

Wie das am Besten geht, weiß Christian Montag:

 

Mein Durchschnitt von zwei Stunden täglich entspricht dabei den Daten, die die Forscher in den Anfängen der App gesammelt haben. Studenten seien im Schnitt etwa zwei Stunden pro Tag mit ihrem Smartphone beschäftigt. Die Zahlen sind alters- und geschlechtsabhängig. So nutzen Frauen ihr Smartphone öfter als Männer, dafür beschäftigen sich Männer häufiger mit dem PC, so Montag. Ältere Menschen ab 60 seien der Gruppe der Silver-Surfer zuzuordnen und weniger Smartphone-aktiv als die jüngeren Konsumenten. Bei der zweiten Datenerfassung mit wesentlich mehr Probanden erwartet Christian Montag steigende Zahlen bei der Nutzung. Er ist sich sicher, dass das auch die Tendenz für die Zukunft ist. 

Wie viel Smatphone noch gesund ist, hängt vor allem davon ab, wie stark wir vom Smartphone eingenommen sind. Ob wir auch einen Tag darauf verzichten könnten. Ob es für uns ein Gebrauchs- oder ein Wertgegenstand ist und wie sehr wir es vermissen, wenn es dann doch einmal nicht in greifbarer Nähe ist.

Mein Fazit

Ich für meinen Teil habe in der Testzeit viel über meinen Konsum nachgedacht. Natürlich bin ich froh darüber, dass ich mein Smartphone habe. Gerade dann, wenn ich verloren gehe und mich mein Handy  nach Hause navigiert. Oder wenn ich eben beim Arzt im Wartezimmer sitze.

Trotzdem ist mir bewusst, dass es auch Momente gibt, in denen ich mein Handy auch mal bei Seite legen sollte. Dass ich verantwortungsvoller mit meinem Smartphone umgehen sollte. Weil Freunde und Familie wichtiger sind, als ein neuer Highscore bei Candycrush. Bewusst ist mir das eigentlich schon lange. Vielleicht sollte ich mir das nur einfach öfter vor Augen führen.

 

 

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