Integrationsdebatte am Campus

Seit Monaten diskutiert Deutschland über Integration. Sarrazin hat es gemacht, Seehofer auch und sogar Bundespräsident Wulff mischt mit. Deutschland kennt zurzeit kein problematischeres Thema. Doch wie sieht die Integration eigentlich am Dortmunder Campus aus? Was denken ausländische Studenten über die Debatte?
Die Erasmus-Studentinnen Begum und Ece sind gern in Deutschland. Von der aktuellen Integrationsdebatte fühlen sie sich nicht betroffen. Foto: Cathérine Wenk

Die Erasmus-Studentinnen Begum und Ece sind gern in Deutschland. Von der aktuellen Integrationsdebatte fühlen sie sich nicht betroffen. Foto: Cathérine Wenk

Begum und Ece sind seit sechs Wochen in Deutschland. Im Rahmen des Erasmus-Austauschprogramms haben sie ihrer Heimat, dem sonnigen Istanbul, den Rücken gekehrt und studieren stattdessen in Dortmund ein Jahr lang Chemieingenieurwesen. Begum und Ece sind Musliminnen – doch sie entsprechen so gar nicht den gängigen Vorurteilen. Sie tragen kein Kopftuch, trinken ab und an ein Bierchen, rauchen und gehen abends gerne feiern. Und auch einen Freund zu haben, ist für die beiden Türkinnen und ihre Eltern kein Problem, wie die 21-jährige Begum erzählt: „Wenn ich jemanden lieb habe, kann ich meinen Eltern das erklären. Ich muss nicht mit diesem Freund verheiratet sein.“

Abgrenzung von den in Deutschland lebenden Türken

Begum und Ece sehen sich selbst als moderne Türkinnen, die ein europäisches Leben führen. Dass einige türkische Menschen in Deutschland allerdings nach strengeren Regeln leben, wissen die beiden. Auch der Integrationsproblematik sind sie sich durchaus bewusst. Der in diesen Zeiten so oft gebrauchte Begriff der „Parallelgesellschaft“ ist für Ece kein Fremdwort, wie die 22-Jährige berichtet: „Die Türken, die hier in Deutschland leben, sind wie ein Kern. Sie haben keinen Kontakt zu den Deutschen und die Deutschen haben keinen Kontakt zu den Türken. Die beiden Gruppen leben ein ganz verschiedenes Leben.“

Ähnlich wie die beiden denkt darüber auch Erasmus-Student Keremcan. Er kommt aus Izmir und wird für ein halbes Jahr in Dortmund Amerikanistik studieren. Religiös, so sagt er, ist er nicht. Auch er zieht abends gerne um die Häuser und genießt die Vorzüge des Studentenlebens. Von der momentan herrschenden Integrationsdebatte hat allerdings auch Keremcan etwas mitbekommen. Er hat seine eigene Erklärung, warum es für türkische Menschen in Deutschland so schwierig ist, sich zu integrieren. „Sie versuchen hier wie in der Türkei zu leben, aber sie wissen nichts über die Türkei, weil sich dieses Land sehr schnell verändert. Sie aber sind immer noch die Gleichen. Sie können keine Deutschen sein, sie können keine Türken sein. Sie sind genau dazwischen“, befindet Keremcan.

Erasmus-Student Keremcan: "Die in Deutschland lebenden Türken können keine Deutschen und keine Türken sein. Sie sind genau dazwischen." Foto: Nadja Bobrova

Erasmus-Student Keremcan: "Die in Deutschland lebenden Türken können keine Deutschen und keine Türken sein. Sie sind genau dazwischen." Foto: Nadja Bobrova

Wie Begum und Ece grenzt auch er sich von vielen Türken, die hier leben, ab. Und obwohl die derzeitige Integrationsdebatte den dreien präsent ist, fühlen sie sich von ihr nicht berührt. Begum, Ece und Keremcan genießen ihre Zeit hier in Deutschland. Lächelnd berichten sie von der deutschen Pünktlichkeit und den exakten Abfahrtszeiten der Busse. Sie freuen sich über das große Angebot in der Mensa und sehnen sich im herbstlichen Deutschland nach der Sonne.

Rassismus und Diskriminierung aufgrund ihrer türkischen Nationalität sind ihnen in ihrem Alltag hier bisher nicht begegnet. Nur zu Beginn des Semesters mussten Begum und Ece das erste Mal erleben, wie aufgeheizt die Stimmung in Deutschland zurzeit ist. Ein Mann hatte sich in der ersten Semesterwoche mit einem Plakat, auf dem türkenfeindliche Parolen zu lesen waren, am Dortmunder Campus aufgestellt. Begum und Ece sehen das gelassen. „Das war ein Verrückter“, sagt Ece.

„Ich weiß, dass viele Menschen hier kein Türkisch mögen.“

Der Gedanke, später einmal länger in Deutschland zu leben, weckt letztlich allerdings doch einige Bedenken bei ihr. „Ich könnte mir schon vorstellen, hier irgendwann einmal eine Zeit lang zu leben, vielleicht für fünf Jahre. Aber das wird ein Problem für mich sein, denn ich weiß, dass viele Menschen hier kein Türkisch mögen“, sagt Ece. Ihre Worte stimmen nachdenklich.

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